Pressemitteilung | Kultur 19.10.2011

Vor dem Gesetz - Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst

Eine gemeinsame Ausstellung des Museum Ludwig und der Siemens Stiftung
17. Dezember 2011 – 22. April 2012
Eröffnung: 16. Dezember, 19 Uhr
Pressegespräch: 15. Dezember, 11 Uhr

Die Frage nach den grundlegenden Bedingungen des Menschseins ist  von zeitloser und gleichsam dringlicher Bedeutung. Tagtäglich sind Menschenrechtsverletzungen und Angriffe auf die menschliche Würde zu beobachten – die medialen Bedingungen erlauben dabei einen scheinbar immer gründlicheren Blick. Die Ausstellung Vor dem Gesetz widmet sich in ebenso konzentrierter wie umfassender Weise dem zentralen Thema der menschlichen Existenz und ihrer Verletzlichkeit. Mit großer Unmittelbarkeit verbildlichen die Skulpturen der Nachkriegszeit und Räume der Gegenwartskunst die Auseinandersetzungen mit der Conditio Humana. Die vom Museum Ludwig und der Siemens Stiftung organisierte Schau ist die letzte programmatische Ausstellung von Kasper König am Museum Ludwig.


Titelgebende Parabel und Metapher für das Thema der Ausstellung ist Kafkas gleichnamige Kurzgeschichte. Sie erzählt, wie ein Mann vom Lande um Einlass  in das Gesetz bittet. Ein Türhüter verwährt ihm den Zugang und vertröstet ihn immer wieder auf einen möglichen späteren Zeitpunkt. Der Mann vom Lande bleibt sein ganzes Leben lang in wartender Position vom Gesetz ausgeschlossen. Der sich über die Jahre nicht verändernde Türhüter ist dabei
die überzeitliche statuenhafte Gegenfigur zum alternden Individuum, das der Mann vom Lande verkörpert.

Bemerkenswert ist im Vergleich zu anderen Definitionen Kafkas Entwurf des Gesetzes als Raum, der betretbar und endlich ist, zu dem es einen Zugang oder von dem es einen Ausschluss gibt. Die Ausstellung greift dieses Gedankenbild auf und entwickelt eine die gesamte zweite Etage umspannende Raumsituation, in der die 24 künstlerischen Positionen sehr dezidiert ihren eigenen Ort definieren.


Vor dem Gesetz vereint figurative Skulpturen der Nachkriegszeit mit aktuellen Positionen und spannt damit einen Bogen über die vergangenen sechzig Jahre. Die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs stellt eine zentrale Zäsur im Hinblick auf Menschenrechte und Menschenwürde dar, die ausschlaggebend für das heutiges Verständnis wurde und Niederschlag im ersten Artikel des Deutschen Grundgesetzes fand. Vor diesem Hintergrund bilden die Werke der
Nachkriegszeit, die den geschundenen, verletzten und gefährdeten Menschen in großer Direktheit zeigen, den argumentativen Kern der Ausstellung. Statuen von Germaine Richier, Gerhard Marcks oder Alberto Giacometti geben dem traumatisierten Menschen Gesicht und Körper und finden eine künstlerische Ausdrucksform für die Sprachlosigkeit der Zeit. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Betrachtung der zeitgenössischen Installationen von Künstlern wie Phyllida Barlow, Paul Chan oder Zoe Leonard. Im Gegensatz zu ihren
historischen „Vor-Bildern“ haben diese Werke die figürliche Darstellung des Menschlichen weitgehend aufgegeben. In häufig räumlicher Dimension und unter Verwendung der unterschiedlichsten Materialien nähern sich die Künstler den immer weiter aufgesplitterten und komplexen Bedingungen der
menschlichen Gegenwart.


Die Ausstellung Vor dem Gesetz zeigt nicht nur die anhaltende Aktualität und Aussagekraft figurativer Nachkriegsskulptur, sondern schärft durch den historischen Kontext vor allem den Blick für das humanistische Potential für Gegenwartskunst. In einer Zeit zunehmender Verunsicherung und Schnelllebigkeit scheint die Auseinandersetzung mit einer Kunst notwendig, die mit Ernsthaftigkeit auf der Kategorie des Menschlichen insistiert.


Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König mit Beiträgen von Penelope Curtis, Friedrich Wilhelm Graf, Kasper König, Thomas Macho und Thomas D. Trummer.


Du kommst hier nicht rein Gespräche zur Ausstellung VOR DEM GESETZ


München, Haus der Kunst, 18. November 2011, 18 Uhr
Penelope Curtis (Tate Britain): Figures in a Landscape


Berlin, Humboldt Universität, Senatssaal, 30. November 2011, 19 Uhr
Friedrich Wilhelm Graf (LMU München): Die Dauerinflation der Würde


Köln, Museum Ludwig, 24. Januar 2012, 19 Uhr
Phyllida Barlow, Jan Verwoert, Thomas D. Trummer und Kasper König im
Gespräch: Raumerfahrung und Existenz.


Pressebilder zur Ausstellung finden Sie unter:
www.siemens-stiftung.org/pressebilder/Vor-dem-Gesetz


Partner
Das Museum Ludwig ist eines der bedeutendsten Museen für Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in Deutschland. Mit einer Schenkung von 350 Werken moderner Kunst von Peter und Irene Ludwig wurde es 1976 als erstes zeitgenössisches Kunstmuseum der Stadt Köln gegründet. Das Museum Ludwig verfügt über die drittgrößte Picasso-Sammlung weltweit. Sie umfasst einen repräsentativen Querschnitt aller Schaffensphasen des
Künstlers sowie aller Gattungen, Materialien und Techniken. Zudem beherbergt das Museum  Ludwig die bedeutendste Sammlung amerikanischer Pop-Art außerhalb der USA, eine einzigartige Sammlung russischer Avantgarde und mit der Sammlung Haubrich ein reiches Konvolut von Gemälden des Expressionismus und der klassischen Moderne.
Bereits in den 1970er Jahren hat das Museum Ludwig begonnen, Fotografien, Film- und Videoarbeiten zu sammeln. Seit dem Jahr 2000 zählt zu den Sammlungsschwerpunkten außerdem der gesamte Bereich der Medienkunst.
Weitere Informationen unter www.museum-ludwig.de

Die Siemens Stiftung will Menschen in die Lage versetzen, sich aktiv gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen und bezieht sich dabei ideell auf die Werte von Werner von Siemens. Gemeinsam mit Kooperationspartnern konzipiert und realisiert sie lokale sowie internationale Projekte mit der Zielsetzung, Eigenverantwortung und Selbstständigkeit zu fördern. Die Stiftung engagiert sich in den Bereichen Ausbau der Grundversorgung und Social Entrepreneurship, Förderung von Bildung sowie Stärkung von Kultur. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und steht für verantwortungsvolle, wirkungsorientierte und innovative Projektarbeit.


Kulturschaffende sind Mitgestalter gesellschaftlicher Entwicklung. Ihren Sichtweisen Raum zu geben und Experimentierfelder für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart zu eröffnen, ist das Ziel der Kulturprojekte der Siemens Stiftung. Die Wirksamkeit von Kunst in der Gesellschaft steht dabei ebenso im Zentrum wie die Reflexion kultureller Identitäten oder die Förderung von Dialogformen und ästhetischer Bildung. Die Stiftung initiiert gemeinsam mit Kooperationspartnern Themenprojekte und Plattformen zum internationalen Austausch und kulturellen Wissenstransfer.
Weitere Informationen unter www.siemens-stiftung.org


Die Ausstellung wird zudem großzügig unterstützt durch die Kunststiftung NRW, die Ernst von Siemens Kunststiftung, die LUMA Foundation, die Henry Moore Foundation sowie die Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum  Ludwig.