Pressemitteilung | Kultur 21.04.2010

The Science of Imagination

Eine internationale Gruppenausstellung

29. April – 27. Juni 2010, Ludwig Múzeum – Museum für Zeitgenössische Kunst,
Budapest (Eröffnung: 28. April 2010, 19 Uhr)


Ausgangspunkt dieser Ausstellung mit Werken internationaler zeitgenössischer Künstler ist ein für die Zeit zwischen 1945 und 1989 charakteristisches literarisches und filmisches Genre: Science-Fiction. Rund um zwei künstlerische Positionen aus den 60er Jahren erörtern die gezeigten Arbeiten, die allesamt in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind, die Mythen des Kalten Krieges und verwenden einige ihrer Strategien für ihre eigenen Zukunftsvisionen.


Die Utopien der von Ängsten und Konkurrenzdenken durchdrungenen Ära des Kalten Krieges speisten sich aus den neuen wissenschaftlichen und technologi-schen Errungenschaften, wie etwa der modernen Städteplanung, der Informati-ons- und Kommunikationsrevolution, dem Wettrüsten oder dem Wettlauf im Welt-raum. Die unterschiedlichsten Szenarien schienen möglich und zum Greifen nah – die Entdeckung einer höheren außerirdischen Intelligenz (wie in 2001 – Odyssee im Weltraum), die Entstehung einer Gesellschaft ohne jegliche Kultur und menschliches Empfinden (wie in Fahrenheit 451), die Eroberung des Weltalls, ein Urlaub auf dem Mond oder der Tod durch einen nuklearen Angriff der bösen „An-deren“. Während ein immer komplexeres Wissen unsere Weltsicht von Grund auf veränderte, erwuchs bei vielen die Überzeugung, dass die Menschheit die Kontrol-le über ihre eigenen Schöpfungen verloren hatte. Die moderne Technik war zu kompliziert geworden, als dass der Durchschnittsnutzer sie hätte verstehen kön-nen. Daraus resultierte die Vorstellung, die neuen Maschinen hätten eine Seele und einen eigenen Willen. Hinzu kam, dass die Medien Informationen akkumulier-ten, selektierten, vermischten, verfälschten oder ausschmückten, so dass die „Re-alität“ in immer weitere Ferne rückte. Infolgedessen wurden wissenschaftliche Fakten und leblose Maschinen durch den Filter von Fantasie, von künstlerischer Kreativität, sozialen Spannungen und politischen Ideologien oder Phobien in ei-gentümliche, teils optimistische, teils aber auch bedrohliche oder gar apokalypti-sche Visionen der Hochmoderne verwandelt. Dieses Science-Fiction-Universum ist der Höhepunkt und zugleich der Untergang moderner Utopien; es zermalmt Fakten und Fiktion zu einem Amalgam, sodass uns das Unbekannte und das Fremde vertraut und das Bekannte unheimlich erscheint. Das Irrationale wird zum Leitprinzip, die Logik verliert ihren Impetus und das Undenkbare drängt sich in unser Bewusstsein.


Einige Science-Fiction-Themen wie die Bedrohung durch die Atombombe oder den Super-GAU begleiten uns noch heute, weil sich die politische Lage weniger stark verändert hat, als es die führenden Ideologien wahrhaben wollen. Wenn also Science-Fiction bis heute in der bildenden Kunst als Sprache und Methode einge-setzt wird, dann vielleicht, weil sie sich als geeignetes Mittel erwiesen hat, das schwer fassbare Verhältnis von Vergangenheit und Zukunft auszudrücken, vom Bekannten und Fremden, vom Bedrohlichen und Faszinierenden, vom Wissen-schaftlichen und Phantasmagorischen – eben nicht als Gegensatz, sondern als zwei miteinander verflochtene Einheiten.

Am Rande des Rollfelds (La Jetée) (1962) von dem französischen Filmemacher Chris Marker (geb. 1921) ist ein legendärer Sci-Fi-Filmessay, der das Genre ent-scheidend geprägt hat (z.B. 12 Monkeys von Terry Gilliam). Der fast ausschließ-lich aus Schwarz-Weiß-Standbildern komponierte Kurzfilm spielt in Paris in der Zeit nach dem Dritten Weltkrieg und erzählt die Geschichte einer Zeitreise durch Träume und Erinnerungen. Der Protagonist wird von gewissenlosen Forschern als Versuchsperson missbraucht und in die Vergangenheit geschickt, wo er sich ver-liebt. Als er in die Freiheit fliehen will, findet er ein tragisches Ende.


Der belgische Künstler/Ingenieur/Visionär Panamarenko (Henri Van Herwegen, geb. 1940) ist maßgeblich von der Pop-Art und ihrem Interesse an Alltagskultur wie Science-Fiction beeinflusst und stets auf der Suche nach dem Magischen und Wunderbaren. Seit den 60er Jahren entwickelt er seine eigenen Flugapparate, U-Boote und Roboter, allesamt auf der Grundlage autodidaktisch entwickelter wis-senschaftlicher Theorien. Portable Air Transport (1969) ist der frühe Prototyp ei-nes einsitzigen tragbaren Minihelikopters, der die späteren Rucksackflugzeuge des Künstlers vorwegnimmt. Sein Portfolio Milkyways and Happenings basiert auf Collagen aus den 60er Jahren. Die aus Science-Fiction-Romanen herausgetrenn-ten Seiten und die Textfragmente und Zeitungsausschnitte, die sich auf politische und andere Ereignisse dieser Zeit beziehen, verorten die Arbeiten in der Nähe der Pop-Art. Der Objektivität verpflichtet, unterscheiden sie sich grundlegend von dem kritischen humanistischen Ansatz eines Chris Marker.


Auch Gerard Byrne (geb. 1969 in Irland) entführt uns mit seiner Video- und Foto-installation 1984 and Beyond (2005–2007) in die 60er Jahre. In dieser Arbeit wer-den Interviews reinszeniert, die der Playboy 1963 mit den damals bekanntesten Science-Fiction-Autoren führte, darunter Asimov, Clarke, Bradbury, Budrys und Heinlein. Von ihren Prognosen für das ausgehende 20. Jahrhundert sind einige sehr weit hergeholt, andere hingegen erschreckend zutreffend.


Der 2008 entstandene Film The Dud Effect des litauischen Künstlers Deimantas Narkevicius (geb. 1964) ist die fiktionale Nachstellung eines Ereignisses, das nie stattgefunden hat, jedoch bis ins kleinste Detail geplant war – der Abschuss einer Atomrakete von sowjetischem Boden aus. Der Künstler hat die Szene beängsti-gend präzise an Originalschauplätzen nachgedreht, nach den Erinnerungen eines ehemaligen Sowjetoffiziers, der seinerzeit auf der heute verlassenen Raketenab-wehrbasis in Litauen gedient hat und sich noch an sämtliche Kommandos für ei-nen solchen Raketenabschuss erinnert. Dieser Kalte Krieg mag beendet sein, doch was, wenn der „Feind“ nur seinen Namen geändert hat?


Dream Time (2001) der britischen Künstlerzwillinge Jane und Louise Wilson (geb. 1967) dokumentiert den Start der Internationalen Weltraumrakete in der kasachischen Stadt Baikonur im Jahr 2001. Das Kosmodrom Baikonur ist das Zentrum des russischen Raumfahrtprogramms: Von dort aus flog 1961 Yuri Gaga-rin als erster Mensch ins Weltall. Wie in vielen anderen Arbeiten, beispielsweise in Stasi City (1997), Gamma (1999) und Parliament (1999), untersuchen Jane und Louise Wilson auch in Dream Time, in welcher Form sich politische und technolo-gische Macht in der Architektur manifestiert und wie sie im Bewegtbild präsent wird.

Der slowenische Künstler Sašo Sedlaček beschäftigt sich mit den politischen, moralischen und ökologischen Dimensionen von Technologie. Seine Installation Origami Space Race (2009) ist ein spielerischer Vorschlag, (nach japanischem Vorbild) ein revolutionäres neues Kapitel in der Raumfahrttechnologie aufzuschla-gen, indem man die zukünftigen Flugobjekte mit Werkstoffen aus dem Baumarkt und in der traditionellen japanischen Falttechnik baut.


Der Ungar Ádám Kokesch (geb. 1973) und die Polin Anna Molska (geb. 1983) beziehen sich sehr viel unmittelbarer auf die Glanzzeit der Science-Fiction. Kokeschs Objekte und Installationen Ohne Titel (alle eigens für die Ausstellung produziert) erinnern mit ihren leuchtenden Farben, geometrischen Formen und ihrem funktionalen Design an geheimnisvolle Vorrichtungen und wissenschaftliche Codesysteme, wohingegen Molskas Video Perspective (2003) einen Archetypus der modernen SF aufgreift: eine menschliche Gestalt in einem weißen Overall, die gegen alle Widrigkeiten in das unbekannte Nichts vordringt.


Die neue Installation Collapsist Monument [Museal pre-construction] von Tamás Kaszás (geb. 1976 in Ungarn) verweist auf den Begriff des „collapsism“, der oft pejorativ für Zukunftsvisionen verwendet wird, die den totalen (ökologischen, poli-tischen oder schlicht existenziellen) Zusammenbruch unserer Zivilisation herauf-beschwören. Sein Weltuntergangsszenario wird durch ein rätselhaftes Denkmal repräsentiert, errichtet von einer uns nachfolgenden Kultur, die über die unsrige so gut wie nichts weiß – ein futuristisches Monument unserer selbst oder dessen, was von unserer Kultur überdauert hat.


Diese magische Vorkonstruktion findet mit Pawel Althamers (geb. 1967) Self-Portrait – Sorcerer (2009) in der Ausstellung ihr Pendant. Als international gefeier-te Figur der zeitgenössischen Kunstszene Polens entwirft sich Althamer in vielen seiner Arbeiten selbst als Außenseiter, etwa als Astronaut oder Außerirdischer. Auch in seinem jüngsten Selbstporträt, einer langsam rotierenden retrofuturisti-schen Skulptur, in die persönliche Gegenstände des Künstlers eingearbeitet sind, kombiniert er Elemente einer magischen mit denen einer Cyborg-Identität.


István Csákány (geb. 1978 in Ungarn) hat für die Ausstellung eine raumgreifen-de, ortsspezifische Installation geschaffen: Bernsteinzimmer – eine maßstabsge-treue, aus Holz gearbeitete Nachbildung der Werkstatt eines Bastlers oder Heim-werkers, eines jener geheiligten Laboratorien, in denen (für gewöhnlich) Männer komplexe, kreative und praktische Arbeiten verrichten und darin eine Befriedigung finden. Da solche Arbeiten im Zeitalter der allmächtigen Maschinen auf die Freizeit beschränkt sind, erscheint diese Werkstatt, zumal sie grob aus Holz gezimmert und in einem blauen unheimlichen Raum untergebracht ist, wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit.


encounter at a possible end of the inner chambers, eine Arbeit des deutschen Künstlers Daniel Roth (geb. 1969), die ebenfalls für die Ausstellung geschaffen wurde, umfasst Zeichnungen, einen C-Print, einen Mantel aus Rinde und einen 16-mm-Film. Die Elemente fungieren als Fragmente einer fiktiven Geschichte über ein geheimnisvolles unterirdisches Institut, in dem menschliche Körper in Land-schaften verwandelt werden – eine Parallelwelt, die dahintreibt wie eine Raum-kapsel im All.

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Und schließlich The Last Tour (2004), ein Film der französischen Künstlerin
Marine Hugonnier (geb. 1969). Die fiktionale Handlung „spielt am Ende der Ära des Spektakels, kurz bevor alle Touristenattraktionen für die Öffentlichkeit ge-schlossen werden. Der Zuschauer nimmt an einer ‚letzten Tour‘ teil, einem Flug im Heißluftballon über das berühmte ikonische Matterhorn in den Schweizer Alpen. Der Film erwägt die Möglichkeit, diesen Ort wieder als weißen Fleck auf der Land-karte zu lassen, ein Verweis auf die Welt vor dem Zeitalter der Entdeckungen“, wie die Künstlerin es auf ihrer Homepage formuliert.


Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit des Ludwig Múzeum – Museum für Zeit-genössische Kunst, Budapest und der Siemens Stiftung.


Das Ludwig Múzeum – Museum of Contemporary Art in Budapestist das ein-zige ungarische Museum für internationale Gegenwartskunst. Gegründet wurde es 1989 vom Kultusminister der damaligen Volksrepublik Ungarn. Den Grundstein für die Sammlung legten Irene und Peter Ludwig mit einer Schenkung von 70 zeitge-nössischen Werken. 1991 kamen weitere 91 ständige Leihgaben hinzu. Noch im selben Jahr bespielte das neue Museum mit seiner ersten unabhängigen Ausstel-lung den Gebäudeflügel ‚A‘ des ehemaligen Königspalastes. 1996 avancierte die Institution zum Museum of Contemporary Art und vergrößerte ihre Sammlung ungarischer Kunst maßgeblich. Seit dem 15. März 2005 ist das Ludwig Múzeum in einem neuen Gebäude mit modernsten technischen Möglichkeiten untergebracht. Auf drei Stockwerken stehen dem Museum 3.300 Quadratmeter Ausstellungsflä-che zur Verfügung. Weitere Informationen unter www.ludwigmuseum.hu.

Die Siemens Stiftung wurde im September 2008 als gemeinnützige Stiftung b.R. mit Sitz in München gegründet und von der Siemens AG mit einem Stiftungskapi-tal von 390 Millionen Euro ausgestattet. Die Stiftung setzt damit die mehr als 160-jährige Tradition des gesellschaftlichen Engagements des Unternehmens fort. Die Aufgabe der Siemens Stiftung ist es, Antworten auf weltweite gesellschaftliche Herausforderungen zu erarbeiten, Chancen aufzuzeigen und in Notfällen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Nach dem Stiftungsauftrag stehen im Fokus der Tätigkeit soziales Engagement, Bildung, Technik sowie Kunst und Kultur. Die Siemens Stiftung ist überwiegend operativ tätig, d. h. sie initiiert vor allem eigene Projekte und führt diese durch. Weitere Informationen unter www.siemens-stiftung.org.