Pressemitteilung | Kultur 15.11.2011

POWERS OF SPEECH

Das von der Siemens Stiftung und dem Brüsseler Kaaitheater initiierte Projekt POWERS OF SPEECH stellt die öffentliche Rede ins Zentrum von neuen Theaterarbeiten. Texte und Inszenierungen entstehen in Europa, Südafrika und Kolumbien und werden beim Themenfestival „Spoken World“ von 25.11. bis 10.12.2011 am Kaaitheater in Brüssel gezeigt. Die anschließende Tour zeigt die Produktionen auch in Deutschland.


Als Barack Obama 2009 mit seinen weltweit übertragenen „Yes we can“-Reden das Weiße Haus im Sturm eroberte, stellte er die Macht der Rede eindrucksvoll unter Beweis und erhielt im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis. Große Reden verändern etwas, da durch sie gesellschaftliche Herausforderungen anders wahrgenommen werden können als zuvor. In jedem Land, jeder Kultur und in allen politischen Systemen war und ist die Rede immer eine treibende Kraft im politischen Geschehen von Staaten und Gemeinschaften.


Das Themenprojekt POWERS OF SPEECH beleuchtet die formalen und substantiellen Kräfte, die einer Rede zugrunde liegen: Kräfte, die eine Gemeinschaft in Krieg oder Frieden, zum „Guten“ oder „Bösen“ führen können. In Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen in vier Ländern wurden Theaterautoren und Regisseure eingeladen, neue Arbeiten zu entwickeln. Sie gehen damit ihrem eigenen Verhältnis zur öffentlichen Rede nach und reflektieren dieses im jeweiligen kulturellen und politischen Kontext. Die Produktionen entstehen in Johannesburg, Bogotá, Brüssel, Sheffield und Zagreb.


Die Idee zu diesem Projekt POWERS OF SPEECH basiert auf einem Interview mit Obamas Redenschreiber Jon Favreau, in dem er berichtet, wie er für die Präsidentschaftswahlen zwei Versionen einer Rede entwerfen musste: eine für Sieg und eine für Niederlage. Diese zweite Version einer Rede, die selten bekannt wird, diente als Modell für die neu entstehenden Theaterarbeiten: Für welche Ereignisse, die in der nahen Zukunft eintreten können aber möglicherweise nie eintreten werden, müssen wir uns rhetorisch rüsten? Oder mit dem Blick zurück: Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn bedeutende Reden anders gehalten worden wären? Das Projekt rückt das imaginative Potential des Theaters in den Blick, um die Kunst der Rede im Spannungsfeld von Politik, Kunst und Gesellschaft neu auszuloten.


Der südafrikanische Dramatiker und Regisseur Mpumelelo Paul Grootboom, dessen Produktionen über den brutalen Alltag Südafrikas zu den bemerkenswertesten und überraschendsten Inszenierungen aus dieser Region zählen, befasst sich in „Rhetorical“ eingehend mit der jüngsten Geschichte seines Landes. Gemeinsam mit dem Autor Aubrey Sekhabi beschreibt er das politische Ende des intellektuellen Präsidenten Thabo Mbeki durch die Brandreden eines aufrührerischen jungen Politikers: Die fiktive Figur des Daniel „Dada“ Mokone basiert auf Julius Malema, dem Anführer der ANC Youth League, der von manchen als rücksichtsloser Populist abgetan, von vielen jedoch als zukünftiger Präsident Südafrikas gehandelt wird. Mit den fiktiven Reden gibt Grootboom einer jungen südafrikanischen Generation die Möglichkeit, die politische Vergangenheit ihres Landes zu kommentieren.


Der Kolumbianer Pablo Escobar, auch bekannt als „El Patron“ (der Boss), zählt neben seinem erklärten Vorbild Al Capone zu den bekanntesten Drogenbossen aller Zeiten und hielt sein Land und die Staatengemeinschaft über Jahre hinweg in Atem. Von den Armen seiner Heimatstadt Medellín zu einer Robin Hood-Gestalt verklärt, war er für die USA in den 1990er Jahren der „Staatsfeind Nummer 1“. 1993 wurde er auf der Flucht aus dem Gefängnis von einer Sondereinsatztruppe erschossen. Die Performance „Discurso de un hombre decente“ (Rede eines anständigen Mannes) des Mapa Teatro aus Bogotá basiert auf einer fiktionalen Rede, die am Tag seines Todes bei Escobar gefunden wird: Gehalten am Tag seiner Wahl zum kolumbianischen Präsidenten, beschreibt er in ihr seine Vision für ein reiches und international einflussreiches Kolumbien – durch die sofortige Legalisierung aller Drogen.


In Europa entwirft der britische Künstler und Regisseur Tim Etchells mit „Although We Fell Short“ eine große performative Rede, die sich aus Überresten und Fragmenten einer Vielzahl zeitgenössischer und historischer Reden zusammensetzt: Material aus Politkampagnen, Parteitagen, Debatten, Abdankungsreden und revolutionären Traktaten kollidieren auf überraschende Weise oder verbinden sich zu unerwarteten Dialogen. Bedeutung und Zusammenhänge werden dabei einer Zerreißprobe unterzogen – immer wieder hergestellt, um sich aufzulösen, aber gleich darauf neu zu entstehen. Gleichermaßen komisch und beunruhigend, unterzieht „Although We Fell Short“ die bekannten Strategien politischer Reden einer Suche nach ihren linguistischen Sollbruchstellen, wenn formelhafte Strukturen und konventionelle  Haltungen außerhalb ihres Kontextes bestehen müssen. Die Neuseeländerin Kate McIntosh, selbst eine erfolgreiche Performancekünstlerin, ist die
Darstellerin.


„Wenn ein Mensch auf einer einsamen Insel offen seine Meinung sagen würde, könnte er dennoch Unrecht haben?“ Die Frage ist Ausgangspunkt der Performance von Barbara Matijević & Giuseppe Chico, einem jungen Künstlerduo aus Zagreb und Paris. Unter dem Arbeitstitel „SPEECH!“ fechten sie unser Verständnis von Gesellschaft, Politik und Alltag als Erzählung an. Sie beleuchten die Rede als Diskursmittel, das keinen Anspruch auf Wahrheit
erhebt und deshalb weniger auf den Gehalt einer Rede als auf den Adressaten ausgerichtet ist. Das Stück ist eine Rede, die zur Rede einlädt und uns als ihren Urheber ins Bewusstsein rückt.

Alle Produktionen sind beim Festival „Spoken World“ am Kaaitheater Brüssel zu sehen und werden dort flankiert von einem umfangreichen Programm zur Macht der Sprache. Von afro-amerikanischer Slam Poetry über Reden ohne Worte bis hin zu Reden, die von Theaterautoren geschrieben und von belgischen Ministern live gehalten werden, reicht das Programm. Dazu  zeigt eine junge Generation neu zu entdeckender Rednerinnen und Redner aus allen
Stadtteilen Brüssels ihre eigene Version von „I have a dream“.

Im Anschluss werden die Produktionen als deutsche Erstaufführung bei PACT Zollverein in Essen gezeigt, ermöglicht vom Ministerium für Familie, Kinder,  Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.