Pressemitteilung | Kultur 15.05.2014

Internationale Akademie für Darstellende Kunst EXPERIMENTA SUR öffnet Diskussionsfeld für experimentelle Formate der Kulturarbeit

Fragen nach dem Wert der Kunst in der Gesellschaft standen bei der zweiten Ausgabe von EXPERIMENTA SUR im Februar 2014 in Bogotá zur Diskussion.
© Santiago Sepulveda

28. Mai – 11. Juni 2014 Bogotá, Kolumbien

Die internationale Sommerakademie EXPERIMENTA SUR öffnet ein Arbeits- und Diskussionsfeld für experimentelle Formate der Kulturarbeit in der Gesellschaft. Sie bringt dazu Künstler und Wissenschaftler aus Lateinamerika, Europa und den USA in Bogotá zusammen. Kunst und Kultur gleichermaßen als Motor und Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels zu begreifen, steht im Zentrum dieser Initiative. Sie wird von der Siemens Stiftung, dem Goethe-Institut Bogotá und dem kolumbianischen Mapa Teatro gemeinsam mit lokalen Institutionen umgesetzt. Durch Stipendien ermöglicht das Goethe-Institut die Teilnahme von Nachwuchskünstlern aus ganz Lateinamerika im Rahmen einer Exzellenzinitiative.

Drei Wochen lang beleuchten Künstler und Wissenschaftler in Werkstätten, Künstlerlaboratorien, Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und Live-Performances verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Umbruchs. Unter dem Stichwort „Expanded Dramaturgies“ stehen interdisziplinäre Formen der Zusammenarbeit und die Suche nach neuen Präsentationskontexten zur Diskussion. Impulse dazu kommen vom New Yorker Bildhauer und Dichter Kenneth Goldsmith. Er schuf mit UbuWeb eine wichtige Quelle für experimentelle Kunst im Internet. In einem Laboratorium beschäftigt er sich mit dem unkreativen Schreiben. „Denn Kreativität ist zum Klischee geworden. Jeder will kreativ sein, was dazu führt, dass der Kreativitätsbegriff extrem unkreativ geworden ist. Das gesamte Modell hat sich umgekehrt. Warum sollte also nicht das Unkreative zur neuen Kreativität werden?“, meint Goldsmith und nimmt den digitalen Wandel auch für den geschriebenen Text ernst.

Wie lassen sich neue Ausdrucksformen für entscheidende gesellschaftliche Umbruchsituationen finden? Dieser Frage widmet sich der Dokumentartheatermacher Jens Dietrich in einem Künstlerlaboratorium und stellt seine Recherchemethoden im transkulturellen Kontext vor, die bei besonderen oder extremen Lebenssituationen ansetzten. Techniken, Methoden und Fragen zum Schreiben für und über ephemere Ereignisse stellt der britische Kurator und Autor Adrian Heathfield in einer Werkstatt zur Diskussion. Mit der Entwicklung neuer Medientechnologien verändern sich auch die akustischen Erzählformen, denen sich der kanadische Medienwissenschaftler Éric Létourneau widmet. Zusammen mit einer Gruppe junger Künstler arbeitet er am Entstehen eines Hörspieles und experimentiert dabei mit Formaten der Intervention und Aktion. In einem weiteren Laboratorium untersucht die kolumbianische Philosophin Adriana Urrea Korrespondenzen zwischen Ethik und Ästhetik, Kunst und Politik.

Das Theaterprogramm der Akademie setzt auf Künstler und Teams, die eine überraschende Form für das Material ihrer oft monatelangen Recherchen gefunden haben: Milo Rau bearbeitet in „Hate Radio“ den Völkermord in Ruanda. In einem Re-enactment lässt er den Radiosender RTLM, der die Vernichtung der Tutsi-Minderheit wie eine Werbekampagne vorbereitet hat, in originalgetreu nachgebauten Kulissen wieder live auf Sendung gehen. Auf der Bühne stehen Überlebende des Genozids. Diese „mit nichts vergleichbare“ (FAZ) Theaterarbeit bringt gesellschaftliche Widersprüche, Traumata und Utopien zum Ausdruck. In Kolumbien wird sie im öffentlichen Raum gezeigt, so dass auch Passanten partizipieren können.

Nichts Geringeres als ein Porträt der westlichen Gesellschaft im 21. Jahrhundert hat sich die britisch-deutsche Performance-Gruppe Gob Squad zum Ziel gesetzt. 1994 von Studenten aus Nottingham und Gießen gegründet, gehört Gob Squad heute zu den versiertesten Theatergruppen Europas. Ihre neueste Arbeit „Western Society“ ist eine Gratwanderung zwischen Schauspiel, Videoinstallation, interaktivem Live-Film und Improvisation – und ebenfalls ein Reenactment: Ein kurzes Youtube-Video, irgendwo in Kalifornien entstanden, stellen die Performer nach und bitten einige Zuschauer aus dem Publikum, ihnen dabei zu helfen. Die Performance ist ein Neu-Inszenieren und Phantasieren darüber, was die Menschen aus diesem Home-Video wohl miteinander verbinden könnte. Sie konstruiert ein Bild, das alles zu enthalten scheint, was uns zusammenhält und was uns trennt. Werden in „Hate Radio“ die unsichtbaren Bilder spürbar, in denen die Menschen in Ruanda gefangen waren, so führt „Western Society“ vor Augen, wie das Leben in der westlichen Gesellschaft auf Bildern, oft Schablonenbildern, aufbaut.

Auftakt des Programms bildet die neue Produktion „Los Incontados“ des Mapa Teatro aus Kolumbien. In einer Mischung aus Archivmaterial und Zeugenaussagen, Dokumenten und Fiktionen thematisiert das Triptychon drei Gesichter der Gewalt in Kolumbien: das der Paramilitärs, des Drogenhandels und der Guerilla. Die Entfaltung der Bedeutungsdichte solcher einschneidenden Ereignisse von Entmenschlichung und Gewalt in der Gegenwart macht Theater als Medium der Vergegenwärtigung produktiv.

Seit 2010 engagiert sich die Siemens Stiftung mit jährlich stattfindenden Akademien zu gesellschaftlich relevanten Themen im Bereich der Darstellenden Kunst in Lateinamerika. Gemeinsam mit THE – Asociación para el Teatro Latinoamericano, dem Goethe-Institut und einer Reihe von Träger- und Partnerorganisationen in drei Ländern entsteht ein wachsendes Netzwerk von Arbeitsplattformen in Argentinien (PANORAMA SUR seit 2010), Chile (MOVIMIENTO SUR seit 2012) und Kolumbien (EXPERIMENTA SUR seit 2013).