Pressemitteilung | Bildung 19.01.2012

Frühkindliche Sprachförderung in Deutschland – Hintergründe, Problematik, Lösungsansätze

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und Siemens Stiftung veröffentlichen Discussion Paper „Dem Nachwuchs eine Sprache geben – Was frühkindliche Sprachförderung leisten kann“

Der aktuelle Integrationsbericht der Bundesregierung vom Januar 2012 unterstreicht erneut den Stellenwert guter Deutschkenntnisse für gesellschaftliche Teilhabe und mehr Chancengleichheit. Doch: Jedes zweite bis dritte Kind mit Migrationshintergrund, aber auch jedes zehnte Kind, das mit Deutsch als Muttersprache aufwächst, weist Sprachdefizite auf. An Programmen, die dies beheben sollen, herrscht kein Mangel, aber der Nachweis ihrer Wirksamkeit konnte bisher nicht erbracht werden. Was sind die Gründe dafür? Und wie realistisch sind die Erwartungen an die Förderung überhaupt? Welche Ansätze gibt es und wie geeignet sind sie? Das Berlin-Institut hat den aktuellen Diskurs zum Thema Integration und Sprachförderung in Deutschland zusammengefasst, ausgewertet und gesellschaftlich verortet. Als Ergebnis stellt das Discussion Paper „Dem Nachwuchs eine Sprache geben – was frühkindliche Sprachförderung leisten kann“ neun Kriterien auf, die für eine gelungene Sprachförderung von zentraler Bedeutung sind.

 Die Empfehlungen des Berlin-Instituts beruhen auf der Analyse von demografischen Daten, der gängigen Praxis zur Sprachstandserhebung und sprachwissenschaftlichen Ansätzen zum frühkindlichen Spracherwerb. Beleuchtet wurden dabei vor allem die Situation von Kindern bildungsferner Schichten sowie die von Kindern mit Migrationshintergrund.

 Als einen wesentlichen Grund für die Sprachdefizite dieser Kinder macht das Discussion Paper das fehlende „Sprachbad“ aus. Denn der so bezeichnete tägliche Umgang mit der Sprache, der für einen mühelosen Erwerb des Deutschen nötig wäre, ist im Leben vieler Kinder keine Selbstverständlichkeit. So geht ein Drittel der nicht-deutschsprachigen Kinder in eine Kita, in der die Mehrheit der anderen Kinder ebenfalls nicht mit Deutsch als Muttersprache aufwächst. Es ist daher entscheidend, dass das Personal in den Kindergärten für das Thema sensibilisiert und darin geschult wird, wie es die Sprachkompetenz ihrer Schützlinge fördern kann, so eines der Ergebnisse des Discussion Papers. „Die Förderung ist oft zu kurz und die Kursleiter sind nicht ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet“, sagt Tanja Kiziak, Bildungsexpertin beim Berlin- Institut. „Einzelne Sprachkurse können die Sprachförderung im Alltag auch nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen.“

 Aus dem aktuellen Diskurs in Wissenschaft und Fachpraxis leitet das Discussion Paper neun Kernelemente für eine erfolgreiche Sprachförderung ab: Dazu gehören unter anderem der systematische Einbezug der Erstsprache des Kindes, die kontinuierliche Schärfung des Sprachbewusstseins der Erzieherinnen und Erzieher sowie die individuelle Förderung der Kinder entsprechend ihres Sprachentwicklungsstandes. Und nicht zuletzt: dem Spracherwerb Zeit zu geben.

 Das Discussion Paper ist mit Unterstützung der Siemens Stiftung entstanden. „Die Arbeit bestätigt uns in unserem Vorhaben, frühkindliche Sprachförderung in Deutschland auch in den nächsten Jahren nachhaltig zu fördern. Wir werden uns dabei noch stärker auf die im Discussion Paper herausgearbeiteten Ansatzpunkte effektiver Sprachförderung konzentrieren“, betont Barbara Filtzinger, strategische Leitung der Siemens Stiftung und Bildung. Die Siemens Stiftung setzt sich für ein gleichberechtigtes Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft ein. Der Spracherwerb bildet hierbei eine Schnittstelle: Sprache ist die Grundlage für optimale Bildungs- und Lebenschancen. Die Siemens Stiftung unterstützt daher besonders Kinder mit Migrationshintergrund ab dem dritten Lebensjahr beim Erlernen der deutschen Sprache.

 Weitere Informationen erhalten Sie unter: http://www.siemensstiftung.org/de/kikus/discussion-paper

 Das Discussion Paper zum Download finden Sie unter: http://berlininstitut.org/index.php?id=847

 Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist ein unabhängiger Thinktank, der sich mit Fragen globaler und regionaler demografischer Veränderungen und der Entwicklungspolitik beschäftigt. Das Institut wurde 2000 als gemeinnützige Stiftung gegründet und hat die Aufgabe, das Bewusstsein für den demografischen Wandel zu schärfen, nachhaltige Entwicklung zu fördern, neue Ideen in die Politik einzubringen und Konzepte zur Lösung demografischer und entwicklungspolitischer Probleme zu erarbeiten. Das Berlin-Institut erstellt Studien, Diskussions- und Hintergrundpapiere, bereitet wissenschaftliche Informationen für den politischen Entscheidungsprozess auf und betreibt ein Online-Handbuch zum Thema Bevölkerung. Weitere Informationen, wie auch die Möglichkeit, den kostenlosen regelmäßigen Online-Newsletter „Demos“ zu abonnieren, finden Sie unter www.berlin-institut.org.

 ENCOURAGE. empowering people. Die Siemens Stiftung will Menschen in die Lage versetzen, sich aktiv gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen und bezieht sich dabei ideell auf die Werte von Werner von Siemens. Gemeinsam mit Kooperationspartnern konzipiert und realisiert sie lokale sowie internationale Projekte mit der Zielsetzung, Eigenverantwortung und Selbständigkeit zu fördern. Die Stiftung engagiert sich in den Bereichen Ausbau der Grundversorgung und Social Entrepreneurship, Förderung von Bildung sowie Stärkung von Kultur. Sie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und steht für verantwortungsvolle, wirkungsorientierte und innovative Projektarbeit. Im Rahmen dieses ganzheitlichen Ansatzes eröffnen die Beiträge zur Weiterentwicklung aktiver Kulturszenen Experimentierfelder für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Weitere Informationen unter www.siemens-stiftung.org