Pressemitteilung | Kultur 07.12.2010

„Displaced Fractures – Über die Bruchlinien von Architekturen und ihren Körpern“

Ausstellung im migros museum für gegenwartskunst, Zürich 11. Dezember 2010 – 20. Februar 2011

Eine Initiative der Siemens Stiftung und des migros museum für gegenwartskunst

Die Kunst besitzt seit je ein Sensorium für das Brüchige, Poröse und Fragile des Menschen. Die Bruchlinien des Menschlichen werden in dieser Gruppenausstellung jedoch nicht direkt am Körper verhandelt, sondern an stellvertretenden Architekturen. Die Frakturen und Nahtstellen von Gebäuden bilden Metaphern für die Risse im menschlichen Dasein. Der titelgebende Begriff „Displaced Fractures“ entstammt der Medizin und bezeichnet das Phänomen, dass sich Bruchstellen von Knochen an anderer Stelle als an derjenigen der Hauptbelastung zeigen. Auch in der Psychologie gibt es den Begriff des „displacement“. In den neuen Räumen des migros museum für gegenwartskunst sind vor allem Installationen, Rauminterventionen und Skulpturen zu sehen, die mit dieser Verschiebung der Symptome arbeiten. Es dominiert dabei ein Spannungsfeld zwischen formverweigernden und monumentalen Gestaltungen, zwischen subjektiven und rational formalen Gesten.

In dieser Analogie zum Begriff „Displaced Fractures“ bieten die an sich stabilen, jedoch auch der Zeitlichkeit unterworfenen Materialien des Bauens Projektionsflächen, auf denen sich Befindlichkeiten und Fragen nach dem Dasein ausagieren lassen. In der Übertragung auf das vermeintlich Feste zeigt sich in diesem Skulpturendiskurs das Prekäre der Gegenwart und wird greifbar. Das Formlose, welches schon bei Rosalind Krauss und Yves Alain Bois als Synonym des Verdrängten verwendet wurde, wird in der Ausstellung beispielsweise von den Künstlern Klaus Winichner oder Phyllida Barlow in Material und Form ausgearbeitet. Dabei wird – wie bei Oscar Tuazon und Kilian Rüthemann – nicht Entfremdung thematisiert, sondern über Modulationen des Gebauten die Unmöglichkeit angesprochen, Bruchstellen und widerspenstige Lebensfähigkeit zum Ausdruck zu bringen. Lebloses Material wird zur Metapher des Körpers, wie es Klara Lidéns Werk vorführt – sei es im vorsichtigen Aufbau oder im spontanen Zerfall. Die Werke zeigen die Strukturen des Architektonischen genauso wie die Spuren des Persönlichen. Es sind präzise Haltungen, in denen sich die formale Zuspitzung, wie sie Emilie Ding mit ihren Stützkonstruktionen aus Beton oder Ulrich Rückriem in seinen Steinquadern zeigen, konkretisiert. Besonders der dynamische Einsatz von Farben und das Benutzen freier Formen prägen die subjektiven Eingriffe. Sie bezeugen die Anwesenheit des Menschlichen, um letztlich durch die freie und trotzige Handhabe die Verletzlichkeit der Jetztzeit und der Erinnerung anzudeuten.

Die Siemens Stiftung hat im migros museum für gegenwartskunst einen herausragenden Partner für dieses gemeinsame Projekt gewinnen können.

Kuratiert von Heike Munder (migros museum für gegenwartskunst) und Thomas D. Trummer (Siemens Stiftung) präsentiert sich die Ausstellung in den neuen Räumen der „Hubertus Exhibitions“ im Zürcher Stadtteil Albisrieden.

Pressekonferenz zur Ausstellung:
Freitag, 10. Dezember 2010, 11.30 Uhr

Ausstellungseröffnung:
Freitag, 10. Dezember 2010, 18 Uhr

Besucheradresse: migros museum für gegenwartskunst / Hubertus Exhibitions Albisriederstrasse 199a CH-8047 Zürich

Ausstellungsdauer: 11. Dezember 2010 – 20. Februar 2011

Die Ausstellung  Künstlerische Auseinandersetzung der Gegenwart zeigt sich widerspenstig. Existenzielle Fragen, die heutzutage mehr denn je drängen, zeigen sich in monumentalen Skulpturen und subjektiven Setzungen. In der Ausstellung „Displaced Fractures – Über die Bruchlinien von Architekturen und ihren Körpern“ sind materialintensive Einbauten in harten und beständigen Werkstoffen zu sehen. Beton, Stein und Kunststoffe werden dennoch im Zerfallsprozess präsentiert. Skulpturen und Installationen verbildlichen so die Fragen einer gegenwärtigen „condition humaine“.

Künstler der Ausstellung

Seit den 1970er Jahren setzt sich Phyllida Barlow (*1944, Großbritannien) mit der Gattung der Skulptur und Installation auseinander und arbeitet seitdem in der Tradition der Postminimalisten gegen das Erbe eines auratisierten Objektes; seit dieser Zeit unterrichtete sie auch an verschiedenen Kunsthochschulen. In ihren Arbeiten türmen sich rohe Materialien zu dichten Formclustern auf. Zum Teil zu Behausungen gebündelt zeigen sie stets eine elementare physische Präsenz, die lange Zeit nicht nur der glatten Ästhetik des Minimalismus, sondern genauso der in den 1980er Jahren gängigen polierten Ästhetik eines Jeff Koons oder Haim Steinbach entgegenstand und erst heute eine breite Anerkennung erfährt.

Tacita Dean (*1965, Großbritannien), ehemalige Schülerin von Phyllida Barlow an der Slade School of Fine Arts in London, arbeitet vor allem mit den Medien Film und Sound. Dabei interessiert sie insbesondere der Übergang vom Verstreichen der Zeit zu einer Narration, die von Erwartungen geschürt wird. Zu ihren bekanntesten Arbeiten zählt der Film Palast (2004), der 2005 auf der Venedig Biennale gezeigt wurde. Es handelt sich dabei um ein Porträt vom Berliner Palast der Republik vor seiner Zerstörung. Dem Abriss des Vorzeigegebäudes der DDR gingen heftige Bürgerproteste voran, sollte doch der Stahl-Glasbau durch eine Rekonstruktion des viel älteren Berliner Schlosses, das sich am selben Standort befand, ersetzt werden. Die Bewertung kultureller Geschichte als politisches Zeichen setzt Dean jedoch nicht als lautstarkes Demonstrationswerk, sondern als stille Elegie ein. Golden farbige Lichtspiele, Schatten und seltsame Färbungen zeigen die Einblicke in einer langsamen, bedachten Kameraführung.

Die skulpturalen Arbeiten von Emilie Ding (*1981, Schweiz) reiben sich am Diskurs um den amerikanischen Minimalismus. Ding platziert markante Formelemente, in denen sich stets eine Gebrauchsfähigkeit andeutet, auf dem Ausstellungsboden. Es sind Betonstücke, die gewinkelt und mit stählernen Bolzen versehen wie Scharniere, Stützelemente oder Versatzstücke von Architekturen aussehen. Anordnung und Zuschnitt dieser Blöcke bilden eine Auseinandersetzung mit formalen Diskursen. Die Referenz auf den Minimalismus spiegelt sich auch im Konzept der Serialität, wobei es sich bei Dings Skulpturen um Unikate handelt, die kaum sichtbare Unvollkommenheiten aufweisen.

Das Funktionieren und Scheitern von urbanen Räumen ist eines der zentralen Themen in Arbeiten von Klara Lidén (*1979, Schweden). Sie fertigt Installationen aus vorgefundenen Materialien wie Karton oder abgerissenen Plakatpapieren an. Die Zusammenstellungen ähneln den historischen Decollagen und sprechen die Sprache der Auflehnung gegen Material und Umwelt. Ebenfalls nimmt sie in ihren Videoarbeiten den öffentlichen Raum durch seltsam deplatziert wirkende körperliche Handlungen ein, wenn sie sich tanzend in eine U-Bahn begibt oder einen „Moonwalk“ in den Straßen New Yorks aufführt. Irritation und Aufbegehren gegen sämtliche Regulierungen des öffentlichen Lebens sind dabei stets kennzeichnend. In ihrer Videoarbeit Position 0310, 2010, klammert sich die Künstlerin wie ein erstarrtes Tier an öffentliche Einrichtungen wie Gasrohre und Liftfasssäulen und bleibt dabei fast unsichtbar im pulsierenden Verkehr.

Ulrich Rückriem (*1938, Deutschland) zählt zu den wichtigsten deutschen Bildhauern der Nachkriegszeit. Handwerkliche Präzision und ein ausgeprägtes plastisches Bewusstsein bestimmen sein von Monumentalität und Formalismus geprägtes Werk. Er nimmt Ideen und Vorgehensweisen der amerikanischen Minimal und Concept Art auf, wobei er jedoch ein eigenständiges Werk schafft. Geschlossene Steinblöcke werden zersägt oder mit Bohrungen versehen, um an Haarrissen, Schnittkanten und Bruchlinien Erinnerung und Geschichtlichkeit skulptural ablesbar zu machen. Der Prozess der Arbeit und das vorhergehende Konzept dazu stehen dabei für Rückriem im Zentrum.

Kilian Rüthemann (*1979, Schweiz) setzt sich in seinen Arbeiten auf subtile Weise mit den architektonischen Eigenschaften eines Ausstellungsortes auseinander. Die Ästhetik seines Werkes ist bestimmt durch das Freilegen von Strukturen und der Suche nach dem Labilen und Fragilen im scheinbar Feststehenden. In dem Versuch, den Räumen eine bisher ungesehene Poetik zu entlocken, greift er bisweilen auch zu brachialeren Mitteln, wenn er etwa auf einer Treppe einen zusätzlichen Betonboden ausschüttet, der das Begehen wesentlich unbequemer macht.

Oscar Tuazons (*1978, USA) Interesse gilt einerseits dem Spannungsverhältnis von Architektur und Natur, das sich im Zerfall des öffentlichen Raums zeigt, andererseits aber auch den Extremzuständen einer schwer zu bändigenden Natur. Die Essenz dieser Auseinandersetzung überführt er mit einer reduziert architektonischen Sprache in den Ausstellungsraum und benutzt dazu einfache Baumaterialien. Gleichzeitig zeigt er ein starkes Interesse an einer formalen Formensprache in der Verbindung von harten und weichen Elementen. In den architektonischen Gegebenheiten der Ausstellungsräume lässt Tuazon eine zweite innere Struktur wachsen, wobei zwei architektonische Ebenen gegeneinander stehen, jene des Inneren, die sich einnistet, und jene des Äußeren, die ummantelt.

Im Zentrum von Klaus Winichners (*1967, Deutschland) Werk steht die Auseinandersetzung mit dem menschlichen Portrait, das wiederum auf skulpturale Diskurse verweist. In verschiedenen Medien wie Skulpturen, Gemälden und Zeichnungen nähert er sich der Thematik an, wobei er oftmals industrielle Baumaterialien oder Bauschutt verwendet. Die Portraits entstehen nicht nur durch Abbildungen, sondern auch durch fragmentarische Architekturen, die das Menschliche repräsentieren. Es sind abstrakte Assemblagen, die aus teils vom Künstler bearbeiteten Matratzen, Büchern, Blumentrögen und amorph wirkenden Materialien zusammengesetzt sind. Diese oft raumfüllenden skulpturalen Formkonglomerate wirken wie zufällige Hinterlassenschaften menschlichen Daseins.

Die gemeinnützige Siemens Stiftung wurde im Herbst 2008 von der Siemens AG gegründet. Sie ist mit Projekten zur Stärkung der Zivilgesellschaft insbesondere in Afrika, Lateinamerika und Europa tätig. Ziel ist es, einen langfristigen Beitrag zur Minderung von Armut und zu besserer Bildung zu leisten. Die Stiftung arbeitet auf drei Gebieten: Sie unterstützt den Ausbau der Grundversorgung sowie die Verbesserung von Sozialstrukturen, initiiert Bildungsprojekte und trägt zur Weiterentwicklung kultureller Identität bei. Maßgeblich ist für die Stiftungsarbeit, Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Die Projektentwicklung der Siemens Stiftung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Kooperationspartnern sowie in Allianz mit den anderen vom Unternehmen gegründeten Siemens Stiftungen in Argentinien, Brasilien, Frankreich, Kolumbien und den USA. Weitere Informationen unter www.siemens-stiftung.org

Das migros museum für gegenwartskunst versteht sich seit seiner Gründung im Jahr 1996 als Ort der Reflexion sowie der Produktion. Der Begriff der Gegenwartskunst wird dabei als eine dynamische zeitliche Bestimmung verstanden, der ein permanentes Ausloten zwischen Vorwärts- und Zurückschauen eigen ist. Zugleich impliziert der Begriff die Einbettung in einen gesellschaftlichen Kontext und Teilhabe an einem Prozess des Austauschs und der Produktion von Kunst. Die Ausstellungen im migros museum für gegenwartskunst formulieren Kunstgeschichte als einen beweglichen Prozess, der offen ist für Überprüfungen, Korrekturen und Variationen. Die Einbindung der Sammlung in ein lebendiges Umfeld, das die zeitgenössische Kunstproduktion berührt und fördert und sich an ein aufgeschlossenes Publikum richtet, ist ein weiteres Anliegen des Museums. Das vom größten Schweizer Detailhändler Migros mäzenatisch finanzierte Museum ist Teil des Migros-Kulturprozent. Seit 1957 ist dieses freiwillige Engagement, einen festen Betrag des Umsatzes für soziale und kulturelle Zwecke zu verwenden, in den Statuten der Migros verankert. www.migrosmuseum.ch/de