Pressemitteilung | Kultur 01.09.2009

Coral Visual

08. Oktober – 05. November 2009, Casa de la Cultura, Buenos Aires, Argentinien
08. Oktober 17:30 Uhr: Künstlergespräch mit Gabriela Golder und Richard Grayson

Die Ausstellung Coral Visual, eine Kooperation zwischen Casa de la Cultura, Ministerio de Cultura de la Ciudad Autónoma de Buenos Aires, Siemens Fundación Argentina und der Siemens Stiftung, beschäftigt sich mit dem für die Bildende Kunst ungewöhnlichen Thema „Chöre“ und stellt dabei Fragen abseits des rein Musikalischen auch aus der Perspektive der sozialen Betrachtung. In den Videoarbeiten von Johanna Billing, Gabriela Golder, Richard Grayson, Sven Johne, Paul Pfeiffer, Markus Schinwald und Artur Žmijewski wird der Chor ins Zentrum der Betrachtung gesetzt, wodurch das ge wöhnliche Verhältnis von Bild und Ton gleichsam umgekehrt wird.


Die Gegenwart der Musik gilt als selbstverständlich in Filmen, Clips und anderen zeitbasierten Medien. In der Filmindustrie untermalen Soundtracks großformatige und illusionär begeisternde Bildwelten. Dabei sind Klänge und Hörwelt jedoch stets sekundär und dienen lediglich als Geschmacksverstärker des Visuellen. Friedrich Nietzsche war der Erste, der die Musik sowohl in ihrer emotionalen Kraft als auch in ihrer Funktion als historische Grundlage beachtete. Nach Nietzsche war der Chor der griechischen Tragödie nicht nur musikalische Rahmung und dekorative Zutat. Wenn Musik ein Zwischengeschehen ist, an dem immer mehrere Instanzen beteiligt sind, dann ist der Chor zweifelsfrei die anschaulichste Form dieser Verzahnung. Chöre setzen Zusammenkunft, Gleichförmigkeit und Einigkeit voraus. Wenn wir dieses Spiel im Bild  sehen, dann rücken wir von der Gemeinsamkeit ab und zu einer ähnlichen Instanz wie der des antiken kommentierenden Chores. Wir gelangen in eine refl exive Stellung, in der das Singen miterlebt und zugleich beobachtet werden kann, von innen erfahren und von außen beurteilt zu werden vermag. Der sichtbare Chor (Coral Visual) wird dann zu einem Indiz des Sozialen, an dem sich die Vielfältigkeit des Geschehens, das Akustische und das Visuelle, die Szene und das Obszöne, das Hörbare und das Unerhörte im Ineinanderspiel abzeichnen.

Johanna Billing etwa zeigt in ihrer als Endlosloop angelegten Videoarbeit einen kroatischen Kinderchor, welcher das Lied Magical World der amerikanischen Band Rotary Connection in einem kroatischen Kulturzentrum performt. Die Band verlieh in den 60er Jahren durch ihre Songtexte ihrem Wunsch nach Veränderung der sozialen Umstände in ihrem Land Ausdruck. 40 Jahre später wird Magical World von Kindern in leicht holprigem Englisch vorgetragen, in einem Land, das mit Nachkriegsproblemen und der Integration in die EU zu kämpfen hat – ein Umstand, der dem Lied eine neue Tiefe und Bedeutung sowie eine eigentümliche Magie, erzeugt durch den Blick in nachdenkliche Kindergesichter, verleiht.


Für ihr Projekt Arrorró, benannt nach einem in der spanischsprachigen Welt sehr bekannten Schlafl ied, fi lmt die argentinische Künstlerin Gabriela Golder die unterschiedlichsten Menschen beim Vortragen eines Wiegenliedes. Um über 500 Lieder aus allen Regionen Argentiniens zu sammeln, reiste sie mehrere Monate durch das Land. Begünstigt durch die weltweite Vernetzung via Internet und die Möglichkeit, jederzeit neue Videos hochzuladen, ist die Ansammlung an Liedern auf ihrer Homepage bereits auf über 300 Clips angewachsen. Durch dieses Porträt gibt Golder einen intimen Einblick in die Identität der Personen und deren kulturelle Vielfalt. 

In Richard Graysons 45-minütigem Werk trägt ein sich aus einer homogen gemischten Gruppe zusammensetzender Chor ein Libretto vor, das sich aus Liedtexten von der Homepage des christlich fundamentalen Kultes „The Family International“ sowie Elementen aus der Apokalypse des Johannes speist. Die Zeilen handeln von Krieg, Massenarbeitslosigkeit und anderen Schreckens meldungen der Zivilisation, in der ein gigantischer Roboter die Welt bis zu Jesus Rückkehr auf die Erde regiert. Ein Königreich der Geretteten wird geschaffen, bis die Erwählten schließlich durch ein riesiges goldenes Raumschiff, The Golden Space City of God – zugleich der Titel des Werkes –, in intergalaktische Welten fortge bracht werden. Dieses Horrorszenario wird allein durch den Gesang der aus verschiedenen Perspektiven gefi lmten Gruppe vorgetragen und vom Künstler nicht weiter kommentiert.

Text und Bild, Wirklichkeit und Fiktion werden von Sven Johne in seinem Werk verknüpft, indem er in die Geschichte um den Tod des Fremdenführers Klaus Barthels die Schuldthematik eines DDR-Grenzbeamten, letzten Endes seines eigenen Vaters, einspinnt. Am Brunnen vor dem Tore aus Schuberts Winterreise, vorgetragen am Unglücksort am Fuße der Wissower Klinken auf Rügen von den trauernden Kollegen, zieht die Linie zur Frage nach dem Schicksal und einer überirdischen Judikative.

In Live from Neverland nutzt der Künstler Paul Pfeiffer einen scheinbar alterslosen Chor, um ein massenmediales Ereignis, das Statement Michael Jacksons zu seiner Anklage wegen Kindesmissbrauchs im Jahre 1993, synchron rezitieren zu lassen. Die Interpretation durch die SängerInnen bewirkt nicht nur eine Neubewertung und Hinterfragung der damaligen Fernseh-Liveübertragung, sondern verleiht der Szene zudem eine ganz und gar unheimliche Aura.

Bezug zu historischen Mythen und eine Thematisierung der Bedeutung des Körpers und dessen mediale Inszenierung werden in Children´s Crusade, einem Film des Österreichers Markus Schinwald, deutlich. In seiner Arbeit verbindet er hochmittelalterliche Kinderkreuzzüge mit der Legende des Rattenfängers von Hameln, indem eine Kinderschar von der janusköpfi gen Marionette namens Otto durch die Stadt getrieben wird.

Auch der Betrachter von Deaf Bach (Singing Lesson 2) fühlt sich unbehaglich und ertappt, wie bei der Beobachtung von etwas Verbotenem. Artur Žmijewski zeigt, wie stark hörgeschädigte Schüler unter der Begleitung von professionellen Musikern in der Leipziger Thomaskirche verschiedene Bach-Kantaten vortragen. Obwohl sie ihren Gesang weder hören noch kontrollieren können und das Ergebnis eher einer Kakophonie gleicht, haben die Jugendlichen viel Freude an den Proben. Das Bewusstsein des Publikums im Bezug auf Akzeptanz gegenüber Krankheiten und körperlichen Störungen, die die Teilnahme am sozialen Leben beeinfl ussen, soll durch das Beiwohnen dieser eindringlichen Videoarbeit geschärft werden.