Pressemitteilung | Kultur 01.02.2011

„AR – Artistic Research“

Zweites Kapitel: György Kepes – Fotogramme und Farbpolaroids

Das zweite Kapitel der Ausstellungsreihe „AR – Artistic Research“ (AR) ist György Kepes gewidmet. AR, das gemeinsame Projekt des Program in Art, Culture und Technology (ACT) des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Siemens Stiftung greift auf die traditionsreiche Geschichte der Zusammenarbeit von Künstlern und Wissenschaftlern zurück, die in Verbindung mit neuen Technologien innovative Kunst schaffen. Die Ausstellungsreihe umfasst Werke von Künstlern, die sich momentan zu Forschungszwecken am MIT aufhalten, sowie Künstlern, die durch den interdisziplinären Ansatz des MIT zu einer Teilnahme inspiriert wurden. Das Projekt AR wird abschließend in einer Veröffentlichung dokumentiert.

Im zweiten Teil von AR werden dreizehn bislang selten gezeigte Fotogramme und Farbpolaroids des im Jahr 2001 verstorbenen Künstlers György Kepes der Öffentlichkeit gezeigt. Die energiegeladenen visuellen Darstellungen von Kepes, ehemals selbst Institutsprofessor am MIT und Begründer des Center for Advanced Visual Studies (CAVS), schaffen fließende Übergänge zwischen Technik, Natur und abstrakter künstlerischer Vorstellungskraft. Nach Ansicht des Künstlers sind gerade Bilder dazu in der Lage, einem Orientierungsprozess vergleichbar Erkenntnis und Bildung zu verbessern, wodurch der Mensch in seinem Konflikt mit der Natur ein zumindest temporäres Gleichgewicht erlangen kann.

Bei Fotogrammen handelt es sich um die avantgardistische Technik belichteter Fotoaufnahmen, bei der Objekte ohne Verwendung einer Kamera direkt auf die Oberfläche des lichtempfindlichen Materials projiziert werden. Im Gegensatz zur impressionistischen Wahrnehmung, die Gegenstände unter dem Einfluss des sich ändernden Lichtes schimmernd zeigt, stellen Fotogramme direkte Manifestationen des Lichts dar.

In den frühen 1970er Jahren experimentierte Kepes mit Licht und Techniken der Doppelbelichtung, wobei er in Anlehnung an seine frühere künstlerische Arbeit als Maler flüchtige Phänomene mit geometrischen Strukturen verband. Die der Natur entnommenen Objekte zeugen von seinem Interesse am Zusammenspiel von Natur und wissenschaftlichen Hilfsmitteln. Dies gilt auch für die großformatigen Polaroids der 1980er Jahre. Hier überwiegt jedoch die Körperlichkeit des Objekts im Vergleich zum abstrakten Gehalt des einzelnen Gegenstands.

GYÖRGY KEPES – Über den Künstler Kepes wurde 1906 geboren und begann sein Studium an der Royal Academy of Fine Arts in Budapest. Nach seiner anfänglichen Ausbildung im impressionistischen Stil fühlte er sich schon bald von der abstrakten Bildsprache der Avantgarde angezogen. Vom Beginn seines Schaffens an lag Kepes‘ Hauptinteresse auf den technischen Möglichkeiten, die visuelle Welt und insbesondere die Lichteffekte abzubilden. Unmittelbar nach Abschluss seines Studiums widmete er sich dem Filmemachen, der visuellen Darstellung von Bewegung sowie formalistischen Effekten. Auf Einladung seines Landsmannes László Moholy-Nagy zog er 1930 nach Berlin, das im Zeitalter der Weimarer Republik zu einem Zentrum der Avantgarde geworden war. Der charismatische Moholy-Nagy war Lehrer am Bauhaus und hatte in seiner Überzeugung, die Fotografie könne eine völlig neue Sichtweise schaffen, den Begriff der „Neuen Vision“ geprägt. Als er 1935 aus Nazi-Deutschland floh, folgte ihm Kepes zuerst nach Amsterdam, dann nach London und schließlich nach Chicago, wo die beiden eine neue Schule für Design gründeten, das für kurze Zeit bestehende New Bauhaus. 1943 verließ Kepes Chicago und seinen Mentor, um am Brooklyn College zu lehren. Während seiner Zeit in Brooklyn veröffentlichte Kepes das Buch The Language of Vision, worin er seine Theorien zum Einfluss der „neuen“ Technologien wie Fotografie, Kino und Fernsehen auf die visuelle Kultur darlegte. Danach folgte die siebenbändige Reihe Vision and Values. 1967 gründete Kepes das Center for Advanced Visual Studies am MIT, ein Laboratorium für interdisziplinäre künstlerische Praxis und Forschung. „Integration, Planung und Form sind die Schlüsselbegriffe sämtlicher Bemühungen des Fortschritts von heute“, schrieb er bereits 1949, „das Ziel ist eine neue, lebendige Struktur, eine neue Form auf gesellschaftlicher Ebene, in der das gesamte derzeitige Wissen und sämtliche technischen Errungenschaften ungehindert als ein Ganzes funktionieren können.“ Am 29. Dezember 2001 starb György Kepes in Cambridge, MA.

Das ACT Das Program in Art, Culture and Technology (ACT) des MIT arbeitet als ein auf kritischen Untersuchungen und Produktion basierendes Laboratorium, das die Bildenden Künste mit modernen Technologien verbindet. Durch die Akzentuierung künstlerischer Praxis als Wissenserzeugung und -verbreitung spiegelt „AR – Artistic Research“ den Auftrag von ACT als eine akademische Forschungseinheit wider.

Die Siemens Stiftung Die gemeinnützige Siemens Stiftung wurde im Herbst 2008 von der Siemens AG gegründet. Sie ist mit Projekten zur Stärkung der Zivilgesellschaft insbesondere in Afrika, Lateinamerika und Deutschland/Europa tätig. Ziel ist es, einen langfristigen Beitrag zur Minderung von Armut und zu besserer Bildung zu leisten. Die Stiftung arbeitet auf drei Gebieten: Sie unterstützt den Ausbau der Grundversorgung sowie die Verbesserung von Sozialstrukturen, initiiert Bildungsprojekte und trägt zur Reflexion über kulturelle Identitäten und Kunst bei. Maßgeblich ist für die Stiftungsarbeit, Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Die Projektentwicklung der Siemens Stiftung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Kooperationspartnern sowie in Allianz mit den anderen vom Unternehmen gegründeten Siemens Stiftungen in Argentinien, Brasilien, Frankreich, Kolumbien und den USA. Weitere Informationen unter www.siemens-stiftung.org