Pressemitteilung | Kultur 10.12.2010

„AR – Artistic Research“

Ein gemeinsames Projekt des Program in Art, Culture and Technology (ACT) am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Siemens Stiftung

„AR – Artistic Research“ thematisiert künstlerische Methoden der Forschung an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Technologie. Das Projekt der global tätigen Siemens Stiftung und des Program in Art, Culture and Technology am MIT versteht sich als Experimentierfeld und Laboratorium, das die bildenden Künste und neue Technologien miteinander verbindet. Ziel sind ein interdisziplinärer Austausch und gegenseitige Bereicherung.

 Bildende Künstler thematisieren wissenschaftliche Sachverhalte wie astronomische Materialforschung oder ökologische Projekte zu Wasserqualität sowie humaner Kompostierung und tauschen ihre Ideen mit Naturwissenschaftlern aus. Verteilt über das akademische Jahr 2010-2011 entfaltet sich „AR“ in unterschiedlichen Formaten. Dazu zählen eine Reihe öffentlicher Veranstaltungen wie Vorträge und Lehrveranstaltungen sowie Ausstellungen im kürzlich eröffneten Media Lab Complex des MIT. Künstler aus Argentinien, Deutschland, Ungarn, Litauen und den Vereinigten Staaten, deren Schaffen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft anzusiedeln ist, sind eingeladen. In Residenzen nehmen sie eigene Forschungsarbeiten auf, diskutieren mit Studenten und Lehrkörpern des MIT und bringen sich in einer Vielzahl von Aktionen ein.

 Der Siemens Stiftung und dem Program in Art, Culture and Technology am MIT ist daran gelegen, aus der künstlerischen Perspektive ein tieferes Verständnis für menschliche Erfindungen und Innovationen zu erzeugen.

 Die erste Ausstellung von „Artistic Research“ zeigt eine Serie von Fotografien und Videos des ungarischen Künstlers Attila Csörgö, die bis zum 23. Februar 2011 in der Erdgeschoßhalle des kürzlich eröffneten Media Lab Complex am MIT zu sehen ist. Csörgös künstlerische Arbeit thematisiert das Verhältnis von Zeit und Geometrie, die Visualisierung von Licht und maschineller Bewegung. Csörgö knüpft damit an Arbeiten von György Kepes (1906-2001) an, einen einflussreichen Künstler sowie Professor am MIT und Gründer des MIT Center for Advanced Visual Studies (CAVS). Csörgö, dessen Werk in den USA bislang nur selten ausgestellt wurde, erhielt 2008 den Nam June Paik Award (1987 war Paik selbst Stipendiat am Center for Advanced Visual Studies am MIT).

 „AR“ wird kuratiert von Ute Meta Bauer, Direktorin des ACT, und Thomas D. Trummer, Kurator für Bildende Kunst in der Siemens Stiftung. Im Zuge dieses Projekts ist Trummer ACT-Gastdozent am MIT.

„AR – Artistic Research“ Erstes Kapitel:

 ATTILA CSÖRGÖ – Über den Künstler

 Die Arbeit des ungarischen Künstlers Attila Csörgö aktualisiert eine der ältesten Fragen der Logik und Philosophie, die Verbindung von Sein und Zeit. In seiner Arbeit erforscht Csörgö platonische Körper und ihre Beziehung zur klassischen Symmetrie. In Platons Dialog „Timaios“ wird die Entstehung der Welt erörtert. Ein göttliches Wesen sieht sich der chaotischen Vielfalt der Dinge gegenüber. Von Vernunft und Zuwendung angetrieben ordnet der Demiurg den Kosmos mittels vier geometrischer Körper – den regelmäßigen Elementen von Erde, Luft, Wasser und Feuer. Geometrien befinden sich im Kern aller irdischen Dinge. Die sinnlich erfahrbare Welt, soweit sie sich zeigt, ist diesen idealen, elementaren Körpern jedoch nachgeordnet. Die Natur gehört dem Bereich des Werdens an, weshalb sie sich nicht auf die konstanten Gesetze von Begründung und Ideenwelt berufen kann.

 In Csörgös Interpretation des „Timaios“ befindet sich die geometrische Darstellung der Welt jedoch im Wandel. In seiner Interpretation sind Objekte weder stabil, dauerhaft noch unveränderlich. Stattdessen beginnen sich die elementaren Körper zu bewegen und allmählich ineinander zu schieben. Das Resultat ist ein Paradoxon. Elemente des Seins konvertieren zu solchen des Werdens. Zeit beginnt in die Geometrie einzudringen. In Fotografien zeigt Csörgö die Abschnitte dieser Bewegung, indem zum Beispiel zwei Pyramiden ihre Seiten öffnen und zu einem Würfel verschmelzen. Seitenflächen, Kanten und Eckpunkte verschieben sich, ändern ihre Stellung in diesen stereometrischen Gebilden. Für diese Umformung benutzt Csörgö keinerlei Hilfsmittel; vielmehr setzt er handwerkliche Techniken und Materialien eines vordigitalen Zeitalters ein. Stäbchen, Fäden und kleine elektrische Motoren interagieren. Am Ende bestätigt seine Arbeit, was Platon widerlegt wissen wollte: Sogar ideale Elemente können als physikalisch fassbare Dinge wiedergegeben und in einen Prozess des Wandels versetzt werden.

 „AR – Artistic Research“ Erstes Kapitel: ATTILA CSÖRGÖ 17. November 2010 – 23. Februar 2011 Montag bis Freitag, 10:00 bis 18:00 Uhr

 MIT - Massachusetts Institute of Technology The Media Lab Complex 75 Amherst Street Cambridge, MA 02139-4307 USA

Das MIT Program ACT wurde als akademische Forschungseinheit zur Unterstützung von Wissensproduktion und Wissensverbreitung, künstlerischer Erforschung und transdisziplinärer Zusammenarbeit gegründet. Als „kritische Praxis“ und Laboratorium verbindet es Bildende Künste mit angewandten Technologien. „AR – Artistic Research“ spiegelt die Bestimmung von ACT als akademische Forschungseinheit, die künstlerische Praktiken als Medium der Wissensproduktion und Wissensverbreitung begreift. Weitere Informationen unter http://act.mit.edu/

 Die gemeinnützige Siemens Stiftung wurde im Herbst 2008 von der Siemens AG gegründet. Sie ist mit Projekten zur Stärkung der Zivilgesellschaft insbesondere in Afrika, Lateinamerika und Europa tätig. Ziel ist es, einen langfristigen Beitrag zur Minderung von Armut und zu besserer Bildung zu leisten. Die Stiftung arbeitet auf drei Gebieten: Sie unterstützt den Ausbau der Grundversorgung sowie die Verbesserung von Sozialstrukturen, initiiert Bildungsprojekte und trägt zur Weiterentwicklung kultureller Identität bei. Maßgeblich ist für die Stiftungsarbeit, Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Die Projektentwicklung der Siemens Stiftung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Kooperationspartnern sowie in Allianz mit den anderen vom Unternehmen gegründeten Siemens Stiftungen in Argentinien, Brasilien, Frankreich, Kolumbien und den USA. Weitere Informationen unter www.siemens-stiftung.org