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Wenn Kreativität Neugier auch digital entfacht

María Marcela Vargas Fernández unterrichtet 32 Kinder im Vorschulalter von fünf bis sechs Jahren an der Schule República de Brasil in Santiago, Chile. Die Pandemie hat ihr Leben auf den Kopf gestellt. Von einem Tag auf den anderen musste sie virtuelle Kindergartenstunden halten – eine riesige Herausforderung.

Die COVID-19-Pandemie hat die Notwendigkeit digitaler Lehr- und Lernmaterialien für den Schulunterricht sichtbar wie nie zuvor gemacht. Laut UNESCO waren alleine in Lateinamerika rund 160 Millionen Schülerinnen und Schüler von Schulschließungen betroffen. Anlässlich des akuten Handlungsbedarfs hat sich die Siemens Stiftung mit Partnerinstitutionen und Bildungsministerien in Lateinamerika zusammengeschlossen und die Initiative MINT-Bildung für Innovation ins Leben gerufen. Mit der finanziellen Unterstützung von Siemens Caring Hands e. V. ist es gelungen, innovative Bildungsformate im MINT-Unterricht in sieben Ländern zur Verfügung zu stellen. In einer Interview-Reihe berichten Pädagoginnen und Pädagogen, was sich seither in ihrem Kindergarten- oder Schulalltag verändert hat.

MINT-Bildung für Innovation

Lernen Sie die 14 Projekte der lateinamerikaweiten Bildungsinitiative für die MINT-Fächer kennen.

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Dank den Inhalten des Bildungsprogramms Experimento I 4+ und der Bildungsinitiative MINT-Bildung für Innovation hat die Erzieherin María Marcela Vargas Fernández es nicht nur geschafft, mehr und mehr Kinder für ihren virtuellen Unterricht zu begeistern, sondern auch deren Familien in die frühkindliche Bildung einzubeziehen – eine Tatsache, die sich aufgrund der sozialen Struktur der Familien als besonders herausfordernd gestaltet. Neben Ideen und Anleitungen für den Unterricht hat Marcela durch die Bildungsinitiative auch Zugang zu einem lateinamerikaweiten Netzwerk von Lehrkräften erhalten. Gemeinsam arbeitet Marcela jetzt mit ihnen daran, virtuelles Unterrichten für Kindergartenkinder sinnvoll und nachhaltig zu gestalten – für Kinder und deren Familien.

Vargas Fernández betreut bis zu 20 Kinder in ihren Zoom-Stunden: „Auch die Emotionen und das Gefühl des gemeinsamen Lernens sind wichtig und richtig zu stärken.“
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Mein Beruf – eine Lebensaufgabe

Ich bin Erzieherin für Kinder im Vorschulalter. Dafür studiert man in Chile fünf Jahre an der Universität. Für mich ist mein Beruf eine Lebensaufgabe, die ich mit großer Motivation ausübe. Zurzeit arbeite ich an der Schule República de Brasil in Santiago. Sie ist eine Lerngemeinschaft unter der Schirmherrschaft des „Zentrums für die Erforschung von Theorien und Praktiken zur Überwindung von Ungleichheiten“, das in den neunziger Jahren an der Universität Barcelona entstanden ist.

Das Projekt basiert auf einer Reihe von erfolgreichen pädagogischen Aktivitäten, die auf die soziale und pädagogische Transformation der Gemeinschaft abzielen. Es beginnt in der Schule, bezieht aber alles, was drum herum geschieht, mit ein. Auf der Grundlage von Dialogischem Lernen, der Beteiligung der Gemeinschaft und inklusiven Praktiken wollen wir eine erfolgreiche Bildung für alle Kinder und Jugendlichen erreichen, die gleichzeitig Effizienz, Gerechtigkeit und sozialen Zusammenhalt bewirkt.

Meine Schule hat 14 Klassen, vom Vorkindergarten bis zum Abschluss der Sekundarschule. Die erste Stufe besteht aus einem Vorkindergarten oder einer ersten Übergangsstufe mit 30 Kindern sowie einem Kindergarten mit 32 Kindern. Ich bin verantwortlich für die Fünf- und Sechsjährigen. Die Klasse besteht aus 32 Schülerinnen und Schülern. 13 kommen aus Chile, 14 aus Venezuela, ein Kind aus Kolumbien, drei aus Peru und es gibt ein peruanisch-kolumbianisches Mädchen. Viele unserer Kinder von Migranteneltern sind in Chile geboren.

Mir gefällt es, mich mit den Kindern auf den Boden zu setzen und gemeinsam mit Händen, Füßen und dem ganzen Körper zu arbeiten. Wir malen und erkunden viele Dinge, so zum Beispiel kleine Tiere in der Natur, die wir zusammen untersuchen.

Mir gefällt es, mich mit den Kindern auf den Boden zu setzen und gemeinsam mit Händen, Füßen und dem ganzen Körper zu arbeiten.

Die COVID-19-Pandemie

Die Pandemie hat mich vor riesige Herausforderungen gestellt. Ich habe mir nie vorgestellt, dass wir alle je in einer solchen Lebenssituation sein könnten. Kindergärten und Schulen wurden geschlossen, wir mussten zuhause bleiben und waren für lange Zeit voneinander isoliert.

Von einem Tag auf den anderen mussten wir alle aufs Virtuelle umsteigen.

Seit März 2020 ist die Bewegungsfreiheit in Chile sehr eingeschränkt. Mit polizeilicher Erlaubnis gibt es optionale Zeitfenster für einige Stunden, in denen Eltern mit ihren Kindern rausgehen können. Inzwischen werden die Abstandsregeln langsam gelockert, aber mehr als ein Jahr konnten wir uns nur sehr restriktiv begegnen und kaum direkt miteinander in Kontakt treten. Eine völlig veränderte Normalität. Von einem Tag auf den anderen mussten wir alle aufs Virtuelle umsteigen. Für mich eine enorme Herausforderung! Wie die allermeisten meiner Kolleginnen und Kollegen hatte ich keine Vorbereitung und musste von heute auf morgen lernen, mit Kindern, Schülerinnen und Schülern virtuell in Kontakt zu treten, damit deren frühkindliche Bildung und Ausbildung stattfinden konnte.

Die erste Zeit war mit viel Stress und Angst verbunden. Würde ich das überhaupt stemmen können? Ich bin jemand, der die Hände gern in den Matsch steckt, Dinge anfasst und mit allen Sinnen agiert. Und nun dieses Digitale, in dem trotzdem das Learning by doing mit den Kindern gelingen soll. Ich musste sehr kreativ sein, um das zu bewerkstelligen. Aber ich sage mir immer: Das Glas ist halb voll und nicht halb leer. Wir haben uns auf die Krise eingestellt und Neues entwickelt. Das wäre wohl ohne Pandemie nicht geschehen.

Unterricht und Spielen in der Pandemie

Im ersten Jahr der Pandemie änderte sich alles ständig. Es war schwer, Kontakt aufzunehmen. Niemand hat uns wirklich Orientierung gegeben und ich hatte ziemliche Sorge, ob wir das überhaupt schaffen.

Ich habe mich anfangs vor allem darum gekümmert, den Kindern einen Computer, Laptop oder ein Handy zu beschaffen.

Ich wohne seit Beginn der Pandemie nicht mehr in Santiago, sondern bin zu meiner Mutter aufs Land gezogen. Jeden Tag verbinde ich mich digital mit den Kindern meiner Kindergartenklasse. Ich begann mit sieben bis acht Kindern. Das hatte auch mit dem familiären Hintergrund zu tun: Ein Computer – wenn er überhaupt zur Verfügung steht – muss oft mit Geschwistern geteilt werden. Gleiches gilt für Handys und deren beschränkte Datenmengen. Ich habe mich also anfangs vor allem darum gekümmert, den Kindern einen Computer, Laptop oder ein Handy zu beschaffen. Dafür habe ich überall rumgefragt, wer ein Gerät zu verschenken hat. Ich habe versucht, auch aus öffentlichen Töpfen Gelder zu beziehen, aber das gestaltete sich schwieriger. Es gibt einfach zu viele Kinder, die Bedarf haben.

Dieses Jahr ist „Full Zoom“. Leider hat mein Kindergarten keine Lizenz gekauft, also agieren wir mit dem Gratis-Zoom, unsere Stunden sind maximal 40 Minuten lang. Man könnte meinen, das ist sehr lang für die Aufmerksamkeitskapazität von Fünf- bis Sechsjährigen, aber hier gab es eine Überraschung: Mit den Monaten haben sich immer mehr Kinder zugeschaltet, es wuselt inzwischen auf dem Bildschirm, das Ganze ist unheimlich interaktiv! Sehr oft möchten die Kinder viel länger virtuell beisammen sein – tatsächlich stellt die bloße Video-Audio-Kommunikation in diesen Tagen richtige soziale Kontakte her, die sehr wichtig sind. Jeden Tag mache ich mit den Schülerinnen und Schülern drei Module durch. Zwei zu Themen, die sie in ihrem Alter lernen sollen, und ein Modul zu psychomotorischen Übungen. Sehr oft sind wir weit über die ausgemachte Zeit zusammen, denn die Kinder möchten einfach nicht aufhören.

Experiment: Ist Wasserverschmutzung immer sichtbar? Die Kinder erforschen das Verhalten von Wasser, indem sie verschiedene Substanzen wie Zucker oder Farbstoffe hinzufügen...
© Siemens Stiftung, Fotograf*in: María Marcela Vargas Fernández
...und lernen, zwischen sichtbaren und unsichtbaren Verunreinigungen zu unterscheiden.
© Siemens Stiftung, Fotograf*in: María Marcela Vargas Fernández

Mit Experimento arbeite ich seit 2015, das hat sich in dieser Krisenzeit bewährt.

Es gibt zum Glück mittlerweile immer mehr Themen, Medien und Formate, um mir Anregung für eine Stundenplanung zu holen. Mit Experimento beispielsweise arbeite ich seit 2015, das hat sich in dieser Krisenzeit bewährt. Schon seit Jahren nutze ich Module und Experimente des Programms mit meinen Schülerinnen und Schülern und setze beim Forschenden Lernen an. Da kommt die Neugierde, Kreativität und Spontaneität der Kinder so richtig zum Zuge. Ich kann ihnen über Gegenstände, Pflanzen, Tiere und Phänomene in ihrer direkten Umgebung so vieles beibringen.

Ein Experiment, das ich mit ihnen gemacht habe, zeigt den Kindern die Eigenschaften von Luft mit ganz einfachen Materialien, die ihre Familien zu Hause haben. Wir haben eine Einwegplastikflasche zerdrückt und beobachtet, wie sich die Flasche und deren Inhalt verhält, je nachdem ob der Verschluss geöffnet oder verschlossen ist. Daraus schließen die Kinder, dass man Luft nicht sehen und fühlen kann, aber dass sie überall ist. In einem anderen Experiment haben wir verschiedene Dinge zu einem Wasserglas hinzugefügt: Kiesel, Öl, Erde, Sand … und geschaut, wie sich die unterschiedlichen Materialien mit dem Wasser vermischen. Die Kinder merken, dass sich das Wasser anschließend kaum von ihnen trennen lässt, und verstehen so, wie Wasserverschmutzung funktioniert.

Experimento

Unser internationales Bildungsprogramm Experimento bietet methodische Fortbildungen, Lehrmaterial und konkrete Experimentiermaterialien für alle Altersstufen.

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Zum Abschluss des Experiments zeichneten die Schüler*innen ihre Forschungsergebnisse.
© Siemens Stiftung, Fotograf*in: María Marcela Vargas Fernández

Ich bin seit Jahren mit Experimento | 4+ vertraut, aber auch mit weiteren Medien der Siemens Stiftung und des nationalen MINT-Weiterbildungsprogramms ICEC. Ich arbeite auch in zwei Lehrkräfteteams an der Entwicklung der Blended-Learning-Medien, die analoge und digitale Inhalten miteinander verknüpfen, für die Bildungsinitiative MINT-Bildung für Innovation mit. Ich kenne also eine Menge Optionen an Ressourcen, die jetzt sehr gut zum Einsatz kommen.

Auch das Gefühl des gemeinsamen Lernens ist wichtig und richtig zu stärken.

Mittlerweile sind es immer an die 20 Kinder, die in den Zoom-Stunden sitzen. Auch die Emotionen, das Gefühl des gemeinsamen Lernens sind wichtig und richtig zu stärken. Ich habe mich selbst auch überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal in der Lage sein würde, mit digitalen Medien und Tools so umgehen zu können wie ich das jetzt tue. Nie zuvor habe ich Videos gedreht und geschnitten, nie per Zoom Unterricht und Spielstunden gehalten. Geschweige denn, Programme und Apps wie PowerPoint, Canvas und mehr kombiniert. Aber es geht! Ich habe ständig dazugelernt, ausprobiert.

Naturwissenschaftlicher Unterricht, verbunden mit weiteren Themen, insbesondere Mathe, ist mindestens einmal die Woche dran. Mittlerweile habe ich synchrone und asynchrone Unterrichtsmodule eingeführt. Das bedeutet, dass die Kinder gemeinsam mit Erwachsenen bestimmte Aufgaben machen. Dann finden wir uns virtuell zusammen und gehen die Ergebnisse miteinander durch. Nehmen wir zum Beispiel eine Zoom-Mathestunde für Kindergartenkinder: Sie sollen in diesem Alter Zahlen kennenlernen, Zählen lernen, Zahlen identifizieren können und verstehen, dass man damit Probleme lösen kann.

In Zoom begann es zu schwirren.

Ich habe den Kindern vom Geburtstag meiner Mutter erzählt und ein Format mit den Zahlen 1 bis 80 digital entworfen und eingeblendet. Bei der 76 – also ihrer Alterszahl – habe ich einen Fleck freigelassen. Dann fragte ich in die Runde: „Was meint ihr, wie alt meine Mutter heute geworden ist?“ In Zoom begann es zu schwirren. Die Kinder versuchten auf verschiedenste Weise zu erklären, welche Zahl das sein könnte. Ein Kind zählte einfach von 1 an und kam auf das richtige Ergebnis. Andere schauten sich die Zehner an. Sicher hat da auch ein Elternteil ein bisschen eingeflüstert, aber insgesamt zeigten die Kinder sehr kreativ mehrere Wege auf.

Ich erklärte, was der Unterschied zwischen 6-7 und 7-6 ist. Natürlich sprachen wir über die Bedeutung von Geburtstagen und was es eigentlich heißt, Geburtstag zu haben und älter zu werden. Lernerfolge oder Fortschritte messen wir in dieser Pandemie und neuen Zeiten der Bildung sicher anders. Wir arbeiten mit neuen Formaten, Medien und pädagogischen Strategien. Es ist wichtig, das zu berücksichtigen. Aber es fühlt sich großartig an, wenn dann über Zoom eine kleine Stimme sagt: „Tía, me gustó mucho esta clase‘” („Tante” – so wenden sich Kinder respektvoll an Frauen – „diese Stunde hat mir sehr gefallen”).

Die Rolle der Eltern

Eine wichtige Verbesserung dieser Zeit ist, dass Eltern und Familie endlich mitbekommen, was ihre Kinder eigentlich lernen und erleben, wenn sie im Kindergarten sind. Sie nehmen teil, sie beobachten und unterstützen. Eltern lernen Themen didaktisch-pädagogisch zu verstehen, sie sehen sich viel mehr in der Mitverantwortung und aktiven Begleitung ihrer Kinder. Und immer mehr Eltern, so sie es zeitlich einrichten können, machen motiviert mit. Das führt zu ganz neuen und schönen Lehr- und Lernerfahrungen.

Viele Eltern korrigieren, was ihre Kinder sagen, oder geben Antworten vor, damit die Kinder „alles richtig machen“. Da muss ich natürlich eingreifen, ihnen erklären, dass Fehler machen super wichtig für den Lernprozess ist, genauso wie Ausprobieren und Ideen und Überlegungen einbringen. Nur so können wir in der Gruppe Probleme und Lösungen herausarbeiten.

Die Eltern lernen gemeinsam mit ihren Kindern auch vieles, was ihnen nicht geläufig war. Zum Beispiel, dass der Kindergarten nicht dafür da ist, um dort zu spielen, sondern dass hier ein wichtiger Lernprozess in vielerlei Hinsicht stattfindet. Das frühkindliche Lernen legt den Grundstein für alle Erkenntnisse und Prozesse, die später so essentiell wichtig sind. Mit der Pandemie sind die Eltern zu Mit-Lehrenden geworden. Ihr Zuhause ist ein Lernort. Das begreifen alle, die mit dem Thema Bildung zu tun haben.

Mit der Pandemie sind die Eltern zu Mit-Lehrenden geworden.

Sich hören und sehen: Das virtuelle Zusammensein über Video-Calls stellt wichtige soziale Kontakte her.
© Siemens Stiftung

Wir können nicht davon ausgehen, dass alles einfach auf digital und virtuell umgestellt werden kann.

Wie nie zuvor habe ich die Familienhintergründe meiner Schülerinnen und Schüler kennengelernt. Und die sind in vielen Fällen überhaupt nicht einfach. Viele Kinder stammen nicht aus Chile, sondern aus Venezuela, Bolivien oder Kolumbien. Fast überall hapert es an geregeltem und genügend Einkommen. Den meisten fehlt es an Geld und festem sozialen Gefüge.

In einem Fall arbeitet eine Mutter auf dem Großmarkt. Sie hat niemanden, der auf ihr Kind aufpasst, also nimmt sie es zu dem Gemüsestand mit, an dem sie arbeitet. Stellen Sie sich vor, wie eine Zoom-Kindergartenstunde für dieses Kind aussieht. Sehr oft fehlt das Kind, es kann nicht mitmachen, weil kein Gerät parat ist oder funktioniert, oder weil die Mutter keine Zeit hat, sich zu kümmern. Früher wäre das Kind in den Kindergarten geschickt worden, die Mutter wäre ihrer Arbeit nachgegangen. Das Kind hätte die Verpflegung im Kindergarten erhalten. Das fällt nun alles weg.

Wir können nicht davon ausgehen, dass mit der aktuellen Krise alles einfach auf digital und virtuell umgestellt werden kann. Es braucht nicht nur die Konnektivität oder das Gerät, um sich zu vernetzen. Es gehören weitere Faktoren dazu, damit Bildung stattfinden kann.

Erkenntnisse

Was ich erkenne ist, dass man trotz fehlendem direkten sozialen Kontakt durchaus Einsicht in die Realität der Kinder erhält, weil wir mit den Eltern in Kontakt sind. Ich beobachte mehr als vielleicht zuvor. Die Kinder fragen mich öfter, wer zu einer Gemeinschaft gehört. Sie stellen Fragen zu ihrem Kindergarten oder ihrer Schule – Orte, die sie nicht kennen, aber wo sie unbedingt hinwollen.

Ich beobachte mehr als zuvor.

„Wie heißt die Frau, die unsere Mahlzeiten zubereiten würde, wären wir dort?“, „Wie heißt der Mann, der im Kittel auf die Schule aufpasst und jeden Morgen fegt?“, „Wer hat unser Arbeitsheft geschrieben, mit dem wir Dinge lernen?“ Den Fragen folgend habe ich Interviews und Einladungen organisiert, damit die Kinder ihre Fragen direkt stellen können. Der Autor des offiziellen Lehrbuchs für den frühkindlichen Bereich wurde eingeladen – das Lehrbuch, nach dem wir Lehrkräfte uns im Sinne des nationalen Lehrplans für Kindergärten unter anderem richten. Die Kinder haben den Autor direkt befragt. Und dieser war begeistert, dass die Kleinen sich für das alles interessieren.

Durch die Bildungsinitiative können wir gemeinsam mitgestalten.

Durch die Bildungsinitiative MINT-Bildung für Innovation bin ich im Austausch mit anderen Lehrkräften, aus Kindergärten und Vorschulen, aus Grundschulen und sogar aus der Sekundarstufe. Sie kommen aus anderen Regionen, sogar aus anderen Ländern. Es macht mich froh, dass ich – auch wieder gefördert durch diese furchtbare Krise – so viel erweiterten Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen gefunden habe.

Durch die Bildungsinitiative können wir Projekte gemeinsam mitgestalten. Unsere unterschiedlichen praktischen Erfahrungen sind wichtig für die Entwicklung von Medien und pädagogischen Handreichungen. Wer hätte gedacht, dass ich in einem Projekt mit der Siemens Stiftung, dem kolumbianischen Bildungsministerium und einer kolumbianischen Kollegin im Rahmen eines OEA-Projektes (OEA Organisation Amerikanischer Staaten) dabei sein würde. Dieser internationale Verbund arbeitet eng mit den 30.000 Lehrkräften des MINT-Netzwerks Red STEM Latinoamérica der Siemens Stiftung zusammen. Heute bin ich Teil dieses Netzwerkwerks und entwickle mich gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren weiter.

Ich bin auch sehr beeindruckt, wie sich das Miteinander meiner Schülerinnen und Schüler gestaltet. Die Klasse 2021 war vor der Pandemie nicht im Kindergarten, sie fangen erst dieses Jahr an. Es ist ihr erster Kontakt mit der „Vorschule“, der Beginn von zwölf Jahren Bildungskette. Sie steigen virtuell ein, sie haben nie auch nur einen Tag im Kindergarten zusammengesessen wie alle anderen Kinder. Für sie ist alles nur virtuell. Das ist der Kindergarten heute!

Unglaublich schön ist, dass sich trotzdem einige der Kinder wiedererkannt haben, als sie sich mit Sicherheitsabstand im Parque O‘Higgins – einem großen Park mitten in Santiago – nach langer Zeit zum ersten Mal persönlich getroffen haben.

September 2021

MINT-Bildung für Innovation

Gemeinsam mit Partner*innen in Chile, Kolumbien, Mexiko, Argentinien, Peru, Brasilien und Ecuador adaptieren wir MINT-Lehr- und -Lerninhalte für den digitalen Einsatz im Unterricht. Siemens Caring Hands e. V. und das Auswärtige Amt unterstützen die Initiative.

Leitung Regionalbüro Lateinamerika
Ulrike Wahl​
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