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»Die Bedingungen für E-Mobility im ländlichen Afrika sind perfekt.«

Rolf Huber, Geschäftsführender Vorstand der Siemens Stiftung

E-Mobility als Chance für Entwicklung

Das Sozialunternehmen der Siemens Stiftung WeTu führt mit der Sparte WeMobility innovative Mobilitätslösungen in Kenia ein. Ziel ist es zu zeigen, dass E-Mobility eine große Chance für die Entwicklung ländlicher Regionen Afrikas ist. Hierfür braucht es jedoch passgenaue technische Lösungen, wirtschaftlich nachhaltige Geschäftsmodelle und eine starke lokale Infrastruktur.

E-Mobility Lösungen werden vor allem für den urbanen Raum entwickelt. Warum sehen Sie dafür auch Potential im ländlichen Raum Kenias?

Durchschnittliche Entfernungen von unter 100 km, Geschwindigkeit von max. 60 km/h, Temperaturen während des gesamten Jahres von über 0 °C und unbegrenzte Sonneneinstrahlung: Die Bedingungen für E-Mobility im ländlichen Afrika sind perfekt. Alle Diskussionspunkte, die wir täglich in unserem Umfeld hören, spielen vor Ort keine Rolle. Und die Vorteile wirken umso stärker.

Die WeMobility-Lösungen werden direkt an den WeTu Hubs entlang des Viktoriasees eingesetzt.
© Siemens Stiftung, Fotograf: Rolf Huber

Das Thema E-Mobility kämpft doch mit großen Problemen: fehlende Ladeinfrastruktur, schlechte Umweltbilanz durch schmutzige Energie und ein Mangel an Fachkräften. Wie geht WeTu diese Herausforderungen an?

Wir setzen die WeMobility-Lösungen direkt an unseren WeTu Hubs entlang des Viktoriasees ein. Jeder der sechs Hub-Standorte ist mit einer dezentralen Ladeinfrastruktur ausgestattet, die unabhängig vom lokalen Stromnetz funktioniert. Die produzierte Solarenergie versorgt die WeWater Wasserfilter mit sauberer Energie und lädt unsere WePower und WeMobility Produkte auf eine umweltfreundliche Art und Weise. Am Ende der Nutzungsdauer sorgen wir dafür, dass unsere Batterien in die Kreislaufwirtschaft gebracht und so weit wie möglich nachhaltig wiederverwertet werden. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Institutionen setzen wir auf die Entwicklung neuer Kompetenzen im Bereich E-Mobility, sodass Montage und Reparatur vor Ort stattfinden können. So etabliert sich das nötige Fachwissen und neue Stellen können geschaffen werden.

Wie entscheidet WeTu, welche Produkte sich am besten für WeMobility eignen?

Mit unserem Partnernetzwerk empowering people.Network können wir auf eine langjährige Zusammenarbeit mit globalen Sozialunternehmern und Start-ups zurückblicken. Dort haben wir viel Erfahrung mit der Bewertung von technischen Lösungsansätzen und passgenauen Geschäftsmodellen gesammelt. In Westkenia sind wir seit über 10 Jahren mit eigenen Projekten aktiv. Als Sozialunternehmen beschäftigt WeTu bereits 15 lokale Mitarbeiter an den WeTu Hubs. Das verbindet uns mit den Gemeinden vor Ort nun noch ein Stück mehr. Wie auch bei den Sparten WeWater und WePower suchen wir im WeMobility Bereich nach Lösungsansätzen, die den Anforderungen der Bevölkerung entsprechen. Die Zusammenarbeit mit Start-ups und etablierten Organisationen erlaubt uns agil zu handeln und die Produkte unkompliziert an die lokalen Bedürfnisse anzupassen.

Welche Lösungen werden vor Ort eingesetzt und wie werden sie getestet?

Jedes unserer ausgewählten Produkte wird eine sogenannte Proof-of-Concept Phase durchlaufen, bei der die Tauglichkeit der Lösungsansätze getestet wird. So können wir wertvolle Informationen über die Produkte und die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten sammeln und für WeMobility anpassen. Wir beginnen mit dem Testen der E-Lastenfahrräder von Anywhere.berlin. Es folgt der E-Transporter des Münchner Start-ups EVUM Motors und die E-Boda Bodas der Firma Opibus. Sie hat eine elektrische Variante für die weitverbreiteten Mopeds entwickelt, die sich auch in Kenia großer Beliebtheit erfreuen. Im Fischereibereich testen wir bereits seit einigen Monaten die E-Außenborder von Torqeedo, um eine umweltfreundliche Alternative zu den Benzinmotoren auf dem Viktoriasee zu schaffen. Begleitet wird diese Einführungsphase von einem Universitätsnetzwerk, um Daten zu gewinnen, die Grundlage für eine größere und flächendeckendere Skalierung bilden können.

Wie geht es für WeMobility weiter und wie tragen die Lösungsansätze zur Entwicklung in der Region bei?

Der afrikanische Fahrzeugmarkt besteht größtenteils aus Gebrauchtwägen, die millionenfach aus dem Ausland importiert werden. Die kenianische Regierung hat ein Gesetzt erlassen, nachdem importierte Fahrzeuge nicht älter als 8 Jahre sein dürfen, um die Verschmutzung durch veraltete Exemplare einzugrenzen. Nichtsdestotrotz findet in diesem Sektor keine lokale Wertschöpfung statt. Gemeinsam mit Universitäten und Bildungseinrichtungen nehmen wir uns vor, die nötigen Kompetenzen aufzubauen, um mittel- und langfristig große Teile der Wertschöpfung nach Kenia zu verlagern. Das schafft nicht nur Weiterbildungsmöglichkeiten, sondern gleichzeitig auch neue Jobs. Bei der Entwicklung von passenden Geschäftsmodellen, wie etwa Sharing-Konzepten denken wir die digitalen Lösungsansätze von Anfang an mit. Afrika hat mit mobilen Bezahlsystemen bereits bewiesen, dass „Leapfrogging“ mit moderner Technik sehr gut funktionieren kann. Ich bin davon überzeugt, dass E-Mobility die nächste große Chance für Afrika bietet, um einen weiteren großen Schritt bei der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung zu machen – und dies noch dazu klima- und umweltfreundlich.

Mai 2019

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