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»Unsere Kinder sollen unabhängig denken und auf die reale Welt vorbereitet sein.«

Lilo MacLachlan, Chemielehrerin, Deutsche Internationale Schule, Johannesburg

Nachhaltig durch Design: Mit Design Thinking die Ziele für nachhaltige Entwicklung verstehen

Design Thinking beschreibt eine Methode für nutzerzentrierte Gestaltung und Problemlösung, die Einzug in verschiedene Gesellschaftsbereiche gehalten hat: Technologie und Innovation, Wirtschaft und Industrie, Dienstleistungen und städtische Planung. Während dieser kreative, am Menschen ausgerichtete Ansatz in höheren Bildungseinrichtungen bereits seit Jahren Anwendung findet, wird er nun auch in Primär- und Sekundärschulen eingeführt. Beim Projekt „Design Thinking in MINT“ von Siemens Stiftung und The Index Project geht es vorrangig darum, die Methode auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) anzuwenden. Der folgende Bericht von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern aus Südafrika schildert anschaulich, wie die neue Methode die Unterrichtserfahrung bereichert.

Eine Momentaufnahme von drei Schulen in Südafrika: Durban, Johannesburg und Kapstadt

2019 bot die Siemens Stiftung 25 Lehrkräften aus Südafrika einen Workshop zur Anwendung von Design Thinking in den MINT-Fächern an. Seitdem haben die Pädagoginnen und Pädagogen zusammen mit ihren Klassen in Durban, Johannesburg und Kapstadt an den drängenden Problemen gearbeitet, auf die sich die SDGs beziehen. Sie entwickelten dabei konkrete Lösungen, was einen nachhaltigen Eindruck sowohl bei den Lehrkräften als auch bei den Schülerinnen und Schülern hinterließ.

Geschlechtergleichheit, nachhaltiger Konsum und Klimaschutz – die meisten SDGs beziehen sich auf die weltweit größten Probleme und eignen sich ideal für eine fundierte Bearbeitung im MINT-Unterricht. Gleichzeitig geht Design Thinking noch weiter und unterstützt Lernende darin, die Bedeutung der SDGs auf persönlicher und lokaler Ebene zu verstehen.

Mit Design Thinking auf dem Weg in eine nachhaltige Zukunft

Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen liefern den thematischen Rahmen für einen interdisziplinären MINT-Unterricht. Im Klassenraum hilft die Methode des Design Thinking, Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu komplexen MINT-Themen wie sauberes Trinkwasser oder nachhaltige Stromerzeugung zu schaffen, ihre Relevanz zu erkennen und diese auf den Alltag zu beziehen. 

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Ich gestaltete das Klassenzimmer für einen ‚Neuanfang‘ komplett um.

Den Lehrkräften des Thomas More College in Durban zufolge, hat die Methode des Design Thinking ihre „Sicht auf den Unterricht grundlegend verändert“. Die Einführung des neuen Prozesses „veränderte ihre Rolle von der Lehrkraft hin zum Moderator“, während die Lernenden entdeckten, wie sie ihre Projekte und Erfahrungen selbst gestalten können. Sogar die räumliche Aufteilung im Klassenzimmer änderte sich: „Nach dem Workshop gestaltete ich den gesamten Unterrichtsraum für einen ‚Neuanfang‘ komplett um. Vorher gab es zum Beispiel keine Gruppentische“, berichtet Genevieve Saville, die in den neunten bis zwölften Klassen Design unterrichtet.

Der Zehntklässlerin Electra gefällt der neue Ansatz: „Es ist großartig, dass wir nicht an unserer ersten Idee festhalten müssen. Wir können sie weiterentwickeln und sogar unsere Meinung ändern. Dass wir am Ende ein finales Produkt entwickelt hatten, gab uns außerdem die Gewissheit, dass sich die ganze Arbeit ausgezahlt hat!“ Am besten gefiel ihr die Phase der Ideenentwicklung, die sie auch im Kunstunterricht anwendet. Ein Zwölftklässler kommentiert den Prozess ähnlich: „Ich fand es toll, dass die Ideenentwicklung einer gewissen Struktur folgte, die aber dennoch nicht zu starr war. Wir konnten aus einer Idee die nächste formen oder Änderungen vornehmen. Dabei gab uns die Methode einen verlässlichen Rahmen auf unserem eigenen Weg.”

Um wie ein*e Designer*in zu denken, ist ein starker Praxisbezug erforderlich – spielerische Hilfsmittel unterstützen die Lernenden bei der Umsetzung.
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Plakate in den Unterrichtsräumen am Thomas More College mit Design-Prinzipien laden Schülerinnen und Schüler ein, wie Gestalter*innen zu denken!
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Lernende visualisieren ihre eigenen Denkprozesse und Ideen durch gemeinsames Zeichnen.
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„Persona Maps funktionieren super.“
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Lernende setzen in der Gruppe ihre Ideen in Prototypen um.
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Viele Hände, schnelles Ende – die Lernenden arbeiten gemeinsam an einem Projekt zur Hydrokultur, das mehrere SDGs umfasst.
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In der Design-Klasse arbeiten die Schülerinnen und Schüler in Gruppen und formulieren auf Basis der SDGs die Herausforderungen, an denen sie arbeiten möchten – zum Beispiel die Entwicklung einer besseren Ausbildung für Lehrerinnen und Lehrer (SDG 4: Hochwertige Bildung) oder die Untersuchung genderbasierter Gewalt (SDG 5: Geschlechtergleichheit). Zum letzten Punkt ergänzt ein Schüler: „Sexuelle Belästigung steht in Durban sozusagen auf der Tagesordnung.“ In diesem Rahmen betrachten die Lernenden die Probleme nicht nur auf Basis ihrer persönlichen Erfahrung, sondern ergründen auch Situationen, in denen sich der Sachverhalt möglicherweise gravierender darstellt. Daraus ziehen sie hilfreiche Erkenntnisse für praktische Lösungsansätze.

Wir werden auf das Leben nach der Schule vorbereitet.

Für Genevieve, Lehrerin vom Thomas More College, ist es erfüllend zu sehen, wie die Lernenden zu diesem Ergebnis kommen. Eine Schülerin schwärmt: „Diese Art zu lernen ist wirklich spitze, weil sie einen starken Praxisbezug hat und ich mir die Dinge so besser merken kann. Wir lernen, wie wir Probleme lösen und werden auf das Leben nach der Schule vorbereitet.“

Techniklehrer Vincent Oberholzer startete in seiner achten Klasse ein Projekt zur Hydrokultur: „Hier gibt es viele Schnittstellen zu den SDGs. [Früher] ging es im Unterricht hauptsächlich um das Was und Wie, aber die Kinder fragten immer nach dem Warum. Genau diese Frage ist nun zum festen Bestandteil geworden und das macht einen riesigen Unterschied.”

Persona Maps funktionieren super.

Für Vincent ist der wichtigste Aspekt beim Design Thinking die Persona – also eine fiktive Personenbeschreibung: „Sie funktioniert super.“ Empathie ist dabei tatsächlich ein zentrales Element und die Schülerinnen und Schüler scheinen dem zuzustimmen: „Es fühlt sich gut an, Menschen zu helfen, auch wenn wir dies tatsächlich ja noch gar nicht tun. Aber allein der Gedanke ist schön. Wir versetzen uns in die Lage der Menschen, denen wir zu helfen versuchen.“

Beide Lehrkräfte am Thomas More College wurden vom Rest der Schule und vor allem auch vom Direktor unterstützt. Für die Zukunft plant die Schule Design-Thinking-Workshops für das ganze Kollegium, auch für Lehrkräfte von verschiedenen Fächern und aus unterschiedlichen Abteilungen. So können Pädagoginnen und Pädagogen verschiedener Fächer in einem multidisziplinären Projekt an diversen Aspekten zusammen arbeiten. Diese Idee hat sich bereits im Unterricht bezahlt gemacht, indem Entwicklung, Gestaltung und Grafikdesign (Engineering, Graphics and Design, EGD) miteinander verbunden wurden.

Schülerinnen und Schüler sind risikofreudiger und lassen auch Fehler zu.

Lilo MacLachlan, Chemielehrerin an der Deutschen Internationalen Schule in Johannesburg, bereitet ihre Schülerinnen und Schüler mit Design Thinking auf den südafrikanischen Nachwuchswettbewerb für Naturwissenschaften vor. Aber ihre Unterrichtsstunden sind auch ein gutes Training für das Leben nach der Schule. „Unsere Kinder sollen unabhängig denken können und auf die reale Welt vorbereitet sein“, erklärt sie. „Mit Design Thinking sind die Projekte für den Wettbewerb greifbarer geworden und haben einen tatsächlichen Sinn. Wir befassen uns mit Problemen aus dem echten Leben und die Schülerinnen und Schüler spüren, dass dies einen Unterschied macht und hilfreich ist. Sie sind risikofreudiger und lassen auch Fehler zu.“

Anhand der Personas verstehen die Lernenden die Probleme, die mit den SDGs verbunden sind, und entwickeln Empathie mit den Betroffenen.
© Siemens Stiftung, Fotograf: Luke Bell Doman
Ihre Erkenntnisse zu teilen und sich gegenseitig Feedback zu geben, ist zentraler Bestandteil der Lernerfahrung.
© Siemens Stiftung, Fotograf: Luke Bell Doman

Die Lernenden präsentieren ihre Projekte für den Wettbewerb in Form eines Gallery Walks, sozusagen einer Poster-Session. Jedes Projekt thematisiert ein bestimmtes SDG, von alternativen erneuerbaren Energiequellen (SDG 7: Bezahlbare und saubere Energie) über die Nutzung von Plastik (SDG 12: Nachhaltiger Konsum und Produktion) bis hin zu Insektenfarmen als bezahlbare und nachhaltige Lebensmittelquelle (SDG 2: Kein Hunger). Die Schülerinnen und Schüler sind überzeugt, dass sie unter Einsatz von Design Thinking ihre Projekte besser angehen konnten. Sie begannen, die Fragestellungen aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Eine Gruppe hob die Bedeutung der Interviews mit potentiellen Nutzerinnen und Nutzern hervor; dadurch entwickelten sie Empathie und ihre Lösungen wurden „greifbarer“. Das Streben nach guten Noten wird bei diesem Prozess zur Nebensache. Stattdessen lernten die Schülerinnen und Schüler, sich darauf zu konzentrieren, etwas zu erforschen, auch einmal einen Rückschlag zu erleiden und durch die Erfahrung zu lernen. Auf die Frage, welches Wort den Prozess zusammenfasst, fielen: Kreativität, Freiheit oder Struktur. Einige fingen sogar an, die Methode außerhalb des naturwissenschaftlichen Unterrichts anzuwenden: „Es geht viel um Problemlösungen und das ist nun mal auch für den Alltag wichtig.”

„Verrückt nach Wissenschaft“ – Design Thinking brachte Schülerinnen und Schülern der Floreat Primary School die MINT-Themen deutlich näher.
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Die Mädchen diskutieren konkrete Maßnahmen rund um SDG 14: Leben unter Wasser.
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Ein Siebtklässler der Floreat Primary School ist begeistert von dem Wettbewerbsprojekt, das er mit der neuen Methode entwickelt hat.
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Im Vergleich mit den anderen beiden Schulen ist die Floreat Primary School im Herzen des Arbeiterviertels im Kapstadter Süden deutlich bescheidener ausgestattet. Mit einer Fülle an Arbeitsmaterialien lässt sich zwar der Wert eines jeden Projekts erhöhen. Das Schöne am Design Thinking ist aber, dass die Materialien allein den Erfolg nicht garantieren. Es ist wichtiger, dass engagierte Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler auf eine dynamische Zukunft vorbereiten, indem sie bestehende Strukturen durch neue Methoden aufbrechen.

Authentizität weckt Interesse.

Sogar mit eingeschränkten Ressourcen, großen Klassen und wenig Platz schaffte es die Lehrerin Kristi Jooste, ihrer siebten Klasse Design Thinking näherzubringen: „Es gab diese Energie im Raum, weil es etwas Echtes war. Und genau diese Authentizität weckt das Interesse.”

Ihre Schülerinnen und Schüler nutzen den Prozess für Projekte zu Meeresökosystemen nach SDG 14: Leben unter Wasser. Sie haben Spaß daran: „Die Persona hat uns geholfen, das Problem besser zu erkennen. Als wir die Prototypen getestet haben, funktionierten einige einwandfrei, einige jedoch nicht. Die Entwicklung war schwierig, hat aber viel gebracht.“ Ein Schüler erkannte auch, welches Potenzial die Methode zur Vorbereitung auf die High School birgt: „Ich glaube, ich werde diesen Prozess mein Leben lang anwenden, auch außerhalb der Schule. Vielleicht für ein Vorstellungsgespräch, wenn ich mich auf die High School vorbereite. Ich könnte die Dinge besser identifizieren: Warum bin ich nervös? Wie überwinde ich meine Angst? – Das wäre wirklich sehr hilfreich!”

Durch Design Thinking kann ich meinen Spielraum als Lehrerin erweitern.

Kristi sieht eine generelle Verbesserung bei der Qualität der Projekte, da die Schülerinnen und Schüler sich mit realen Problemen befassen und nicht mit fiktiven Szenarien, die speziell für den Unterricht entwickelt wurden: „Der Ansatz hat mir einen neuen Impuls gegeben, auch wenn ich meine Art und Weise zu unterrichten nicht gänzlich geändert habe. Mit dem zusätzlichen Tool kann ich meinen Spielraum als Lehrerin deutlich erweitern.”

Hätte sie ausreichend Kapazitäten, würde Kristi ihre Kolleginnen und Kollegen im Design Thinking schulen. Idealerweise würde sie einen Mentor pro Gruppe einsetzen, den gesamten Lehrplan entschleunigen und Design Thinking für das ganze Team einführen – und zwar nicht nur in einem Fach, sondern über alle Disziplinen hinweg. Im Gegensatz zum herkömmlichen Unterricht mit seinem Fokus auf Wissensvermittlung ist beim Design Thinking der Weg das Ziel.

Für Schülerinnen und Schüler hat sich die neue Herangehensweise als sehr wertvoll erwiesen. Das belegt auch ihre Bereitschaft, diesen Ansatz zur Vorbereitung auf die High School zu nutzen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Design Thinking in Ihrer Klasse gemacht? Haben Sie Interesse an einer Fortbildung, möchten Sie Ihre Erkenntnisse teilen oder sich mit anderen Lehrkräften in unserem Netzwerk in Verbindung setzen?
Wir freuen uns, von Ihnen zu hören!

Christine Niewöhner
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