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»Digitale Medien können guten Unterricht noch besser machen, aber schlechten Unterricht nicht gut.«​

Dr. Franziska Frost, Projektleitung Medienportal Tweet

Eine neue Kultur des Teilens

Als OER (Open Educational Resources) bezeichnet man Lehr-Lern-Materialien mit freier Lizenz. Sie dürfen von jedem kostenlos verwendet, bearbeitet und geteilt werden. Dank einer weltweiten OER-Bewegung erreichen aktuelle und hochwertige Medien so mehr Menschen als zuvor. Wie funktioniert das Urheberrecht bei offenen Bildungsmedien? Was sind die Herausforderungen beim OER-Einsatz im Schulalltag? Welche Rolle spielt die Siemens Stiftung in der OER-Bewegung? Wir haben bei unserer Expertin Dr. Franziska Frost nachgefragt…

Die Siemens Stiftung stellt mehrere tausend offene Bildungsmedien bereit. Damit greift sie aktiv in den Bildungsmarkt ein. Darf sie das?

Auf jeden Fall! Wir nehmen die UNESCO-Forderung nach „Bildung für alle“ ernst und glauben an dieses wichtige Ziel. Und dazu gehört nun mal auch ein möglichst offener Zugang zu Bildungsmedien. OER beruhen auf einer Kultur des Teilens, den wir als gemeinnützige Stiftung voranbringen wollen. Und mehr hochwertige Materialien bereichern unserer Meinung vielmehr den Bildungsmarkt als dass sie ihm schaden.

Wie genau tun Sie das?

Wir bieten auf unserem Medienportal kostenlos gut 4.000 offene Bildungsmedien zum Thema Naturwissenschaften & Technik an. Und wir geben vielfältige Impulse für neue Unterrichtsformate. Denn mehr Ideenvielfalt befördert den positiven Wettbewerb um gute Lerninhalte. Davon profitieren vor allem Schüler und Lehrkräfte – schließlich wählen sie das für sie passendste Angebot.

Besonders viel wird über das Urheberrecht diskutiert. Müssen die Autoren wirklich um ihre Rechte bangen?

Ich höre diese Befürchtung immer noch viel zu oft. Ganz ehrlich: Sie ist grundlos. Offen lizensierte Bildungsmaterialien unterliegen selbstverständlich dem Urheberrecht. Das heißt ganz einfach: Wer ein Werk erstellt, hält auch alle Rechte daran. Der Urheber entscheidet, welche Nutzungsrechte er in welcher Form weitergibt. Er kann diese Rechte zum Beispiel an eine Institution verkaufen. Diese kann das Werk dann als OER anbieten, wenn der Urheber ihr die entsprechenden Nutzungsrechte eingeräumt hat. OER und verlegerisches Handeln schließen sich somit nicht aus.

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Auf dem Medienportal stellt die Siemens Stiftung rund 4.000 offene Bildungsmedien (OER) für Lehrer und Schüler zur Verfügung.
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Wie gehen Sie mit den Lizenzen Ihrer Medien um? Und was darf am Ende der Nutzer?

Wir beauftragen Fachautoren mit der Erstellung von Medien und erwerben anschließend die Rechte. Jeder kann die Medien dann auf unserem Medienportal kostenlos herunterladen, verändern, kombinieren und weiterverbreiten – unter zwei Voraussetzungen: Wir sind als Rechteinhaber des Originals genannt, und die Medien werden unter denselben Bedingungen weitergegeben. Zunächst standen wir allerdings vor einer ganz anderen Herausforderung: Wir haben ja 2015 nicht erst damit begonnen, Lehrmaterial zu erstellen. Wir hatten bereits einen riesigen Pool an „geschützten“ Materialien, die wir daraufhin sichten mussten, ob sie OER-fähig waren und welchen zeitlichen und finanziellen Aufwand es bedeuten würde, sie in offene Bildungsressourcen umzuwandeln. Hier mussten wir teils Nachverhandlungen mit den Autoren führen.

Wie stellen Sie die Qualität der Inhalte für einen guten Unterricht sicher? Geht das überhaupt?

Alleine könnten wir dies gar nicht leisten. Wir arbeiten mit einem Netzwerk von Autoren aus Schulen und Universitäten zusammen, die fachdidaktische Expertise und Methodenkompetenz einbringen. Zum Beispiel mit der TUM School of Education oder der iMINT-Akademie. Darauf folgt ein systematischer Qualitätscheck. Wir prüfen die Neutralität der Materialien und achten darauf, dass Informationen zu kontrovers diskutierten Themen nicht einseitig oder lückenhaft dargestellt sind. Wichtig ist mir allerdings bei der ganzen Diskussion um die Qualität von OER, die Lehrkräfte verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken: Denn digitale Medien haben großes Potenzial für den Unterricht, verbessern ihn aber nicht per se. Entscheidend sind die Lehrerinnen und Lehrer, die die Materialien mit viel Engagement und Fachkompetenz nicht nur einsetzen, sondern auch entsprechend der Bedürfnisse ihrer Klassen verändern. Wie das gelingen kann, zeigen wir in Handreichungen und Unterrichtskonzepten.

Wohin genau geht Ihre Reise mit OER?

Es geht nicht nur darum, immer mehr und mehr freie Bildungsmedien zu erstellen. Sie müssen auch bei denen ankommen, die sie brauchen. Zwei digitale Aspekte spielen hier eine wichtige Rolle: Zum einen müssen wir sehr viel Wert legen auf die richtige Verschlagwortung der Medien und eine Vernetzung der Portale. Denn was hilft das beste Unterrichtsmaterial, wenn es nicht schnell und treffsicher auffindbar ist? Zum anderen wissen wir als Stiftung, die auch in Entwicklungsländern arbeitet, dass OER alleine nicht ausreichend sind. Zwar können zum Beispiel Lehrer, mit denen wir in Subsahara-Afrika zusammenarbeiten, OER über ihr Handy abrufen, doch für den Einsatz im Unterricht fehlen ihnen in vielen Fällen die technischen Möglichkeiten: Computer für die Bearbeitung, Drucker oder Beamer.

Ist die Vision der UNESCO für eine „Bildung für alle“ damit nicht obsolet?

Überhaupt nicht! In unserer Arbeit mit Lehrern beobachten wir eine enorme Kreativität. Sie rezipieren die Medien analog und digital, entwickeln eigene Ideen und setzen sie auf ihre Art im Unterricht um. Genau diese Gestaltungskraft gilt es zu unterstützen und zu fördern.

April 2018

Projektleitung Medienportal
Corinna Hartung

+49 89 540487 325

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