In Kultur und Kontext verwurzelt:

Das V. Encuentro eröffnet Wege für die Zukunft der Bildung  

Viele der heutigen Führungspersönlichkeiten hinter den weltweit einflussreichsten Technologieunternehmen, darunter der Geschäftsführer von YouTube, der operative Geschäftsführer  von Facebook sowie die Gründer von LinkedIn, Salesforce und Airbnb, haben nicht Informatik studiert, sondern Geisteswissenschaften. Der argentinische Philosoph und Experte für digitale Bildung Alejandro Piscitelli sieht darin keinen Zufall: „Wer Menschen nicht versteht, kann keine Produkte, Technologien oder Dienstleistungen entwickeln, die ihr Leben wirklich verbessern.“

Interdisziplinäres Lernen in unserer von KI geprägten Welt

Piscitelli erläutert: Wenn Bildungssysteme eine immer stärkere Spezialisierung belohnen und Absolvent*innen mit eng umrissener Expertise hervorbringen, geraten möglicherweise jene Kompetenzen aus dem Blick, die es braucht, um sich in einer von Unsicherheit, Komplexität und ständigem Wandel geprägten Welt zurechtzufinden. Während Künstliche Intelligenz unsere Arbeits- und Lernwelten rasant verändert, liegt die Versuchung nahe, Technologie als Antwort auf jede Herausforderung zu betrachten. Piscitelli setzt dem eine andere Perspektive entgegen. Statt mit KI zu konkurrieren, sollte Bildung „Universalgelehrte“ fördern: Menschen, die Disziplinen miteinander verbinden, über Fachgrenzen hinweg kritisch denken und dort neue Fragen entwickeln können, wo alte Antworten nicht mehr ausreichen. 

Gemeinsames Ziel von 200 Organisationen

Piscitellis Bildungsvision ist längst mehr als eine theoretische Idee: In Lateinamerika nimmt sie durch gemeinsames Handeln bereits konkrete Formen an. Dieses gemeinsame Anliegen prägte die Agenda des V. Encuentro von Red STEM Latinoamérica, das vom 21. bis 23. Juli 2026 in Lima, Peru, stattfand. Die von der Siemens Stiftung initiierte und gemeinsam mit Red STEM Latinoamérica, Instituto APOYO, Universidad Peruana Cayetano Heredia (UPCH) und CIDSTEM an der Pontificia Universidad Católica de Valparaíso (PUCV) organisierte dreitägige Konferenz brachte Vertreter*innen von Universitäten, Schulen, Forschungseinrichtungen, lokalen und regionalen Bildungsbehörden, gemeinnützigen Organisationen und internationalen Institutionen zusammen. Im Mittelpunkt standen bestehende Bildungslücken und die Zukunft des Lernens. Unter dem Motto Gemeinsam transformieren: Für nachhaltige Gemeinschaften und Territorienist das Encuentro die führende MINT-Konferenz Lateinamerikas. Es bot eine Plattform für den Austausch von Ideen, die Stärkung des MINTplus-Bildungsansatzes und die gemeinsame Entwicklung von Lösungen für die drängendsten Bildungsherausforderungen der Region – mit Vertreter*innen von mehr als 200 Organisationen aus 14 Ländern“, sagt Ulrike Wahl, Leiterin des Regionalbüros Lateinamerika der Siemens Stiftung. 

Alejandro Piscitelli hielt den Hauptvortrag „Neue Kompetenzen für den Umgang mit Komplexität“ und plädierte dafür, multidisziplinär ausgebildete Fachkräfte zu befähigen, Zukunft und Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
© Siemens Stiftung

Überliefertes Wissen eröffnet neue Lernwege

Zugleich machten die Teilnehmenden deutlich, dass die Zukunft der Bildung weit mehr umfasst als KI. Innovation ist tief in Kultur, Gemeinschaft und lokalem Wissen verwurzelt. Besonders anschaulich zeigte dies die inspirierende Session „AWA: Überliefertes Wissen in die frühkindliche Bildung einweben“. Unter der Leitung von Alexandra Pedraza ging sie der Frage nach: Wie kann Innovation auf überliefertem Wissen aufbauen, statt es zu ersetzen? Alexandra Pedraza, Pädagogin für frühkindliche Bildung und Gründerin der ONE Education Foundation, stellte eine dynamische MINTplus-Initiative für die frühe Bildung vor. Sie verbindet Ansätze des kulturbezogenen informatischen und mathematischen Denkens mit peruanischen Traditionen und nutzt die Muster und Logik überlieferter Webtechniken, um bereits zweijährigen Kindern mathematisches Denken zu vermitteln – ganz ohne digitale Geräte. 

Mütter und weibliche Führungspersönlichkeiten machen ihr überliefertes Wissen zum Ausgangspunkt für die Transformation von Bildung
© Siemens Stiftung

Die Initiative wird inzwischen in Peru, Kolumbien und Chile umgesetzt und hat mit 21 gemeindebasierten Projekten rund 2.000 Kinder erreicht. Großeltern, die indigene Sprachen sprechen, geben dabei Webtraditionen und Sprache als Teil des Lernprozesses weiter. „Wenn Kinder entdecken, dass Naturwissenschaften, Mathematik und informatisches Denken bereits in ihrer eigenen Kultur verankert sind, erkennen sie, dass Innovation nicht erst mit Technologie beginnt, sondern mit ihrer Identität und ihrer Gemeinschaft“, erklärt Alexandra Pedraza.

Lokale Lebenswelten als Ausgangspunkt für neue Ideen

Giovanna Danies, Associate Professor an der Fakultät für Architektur und Design der Universidad de los Andes in Kolumbien und Koordinatorin der Arbeitsgruppe Gender im Bereich MINTplus von Red STEM Latinoamérica, stärkt in ihrem Design-Thinking-Workshop Problemlösungskompetenzen, die unmittelbar an den lokalen Alltag anknüpfen. Am Anfang identifizieren die Schüler*innen Herausforderungen in ihren eigenen Gemeinschaften und fragen, wie frühere Generationen mit ähnlichen Problemen umgegangen sind. Ausgehend von den Zielen für nachhaltige Entwicklung entwickeln sie Biodesign-Lösungen, die von lokaler Biodiversität, indigenen Praktiken, Biotechnologie und Chemie inspiriert sind. „Unsere Aufgabe besteht darin, Schüler*innen dabei zu begleiten, Ergebnisse an ihre eigene Kultur, Umwelt und ihr traditionelles Wissen anzupassen – und damit zu zeigen, dass lokale Innovation regionale und sogar globale Relevanz entfalten kann“, ergänzt Giovanna Danies.

Giovanna Danies bei ihrem Biodesign-Workshop
© Siemens Stiftung

Johans Ríos, Dozent für STEM Magic bei ATARRAYA STEM an der Universidad de los Andes in Kolumbien, verband Illusion, Theater, Mathematik und Naturwissenschaften und veranschaulichte damit, was er „die Kunst des Möglichen“ nennt. Ob inspiriert von der Natur oder vom Staunen über einen Zaubertrick: Diese Ansätze zeigen, dass MINTplus-Bildung junge Menschen darin bestärkt, kreativ zu denken und Lösungen für reale Herausforderungen zu entwickeln.

Erstmals gab das Encuentro jungen Frauen Stimmen mit dem „Jugendforum: Frauen als MINTplus-Führungspersönlichkeiten in Lateinamerika“ eine eigene Plattform. Sieben junge Frauen aus Peru, Brasilien, Bolivien, Chile und Kolumbien stellten dort ihre Initiativen zu ökologischer Nachhaltigkeit, Gesundheit und inklusivem Lernen vor. Eine der Referentinnen, die 26-jährige Paläontologin Camila Zamora, zeigte auf, wie Fossilien als Teil des nationalen Kulturerbes Perus wertvolle Einblicke in frühere Klimaveränderungen und die Entwicklung der Biodiversität geben. 

Referentinnen beim „Jugendforum: Frauen als MINTplus-Führungspersönlichkeiten in Lateinamerika“
© Siemens Stiftung

Lehrkräfte als Gestalter*innen des Wandels

Mehr als 500 Menschen nahmen vor Ort am zentralen Campus der UPCH teil, Hunderte weitere waren online zugeschaltet. „Es war uns eine Ehre, Vertreter*innen aus unterschiedlichen Bereichen auf unserem Campus zu begrüßen – darunter Lehrkräfte, Vordenker*innen sowie Akteur*innen aus Bildung, Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft und öffentlichem Sektor“, sagt Hugo Flores Liñán, STEAM-Koordinator an der Fakultät für Natur- und Ingenieurwissenschaften der UPCH. 

Im Zentrum des V. Encuentro stand das Netzwerk der MINTplus-Lehrkräftegemeinschaften Lateinamerikas“, dem inzwischen mehr als 2.500 Pädagoginnen aus ganz Lateinamerika angehören. 160 Mitglieder dieses Netzwerks reisten nach Lima. Gemeinsam mit Expertinnen aus dem gesamten Bildungsbereich tauschten sie pädagogisches Wissen und Erfahrungen aus, stärkten ihre fachlichen Netzwerke und entwickelten Lerngemeinschaften weiter, in denen das gegenseitige Lernen und die Zusammenarbeit im Mittelpunkt stehen.

Nina Ibaceta im Austausch mit Lehrkräften über Erfahrungen und bewährte Ansätze aus unterschiedlichen Bildungskontexten und Regionen
© CIDSTEM PUCV

Besonders sichtbar wurde dieser Geist auf der Expo für Bildungsinnovation: 52 Projekte aus sieben Ländern zeigten, wie Lehrkräfte, Schulen und Partnerorganisationen den MINTplus-Ansatz in die Praxis umsetzen. Die Expo war weit mehr als eine Ausstellung und entwickelte sich zu einem Raum für Dialog und gemeinsames Lernen. „Jedes Beispiel spiegelte das Engagement von Bildungsgemeinschaften für eine Bildung wider, die relevant, kooperativ und mit der Lebensrealität ihrer Schüler*innen verbunden ist. Innovation wird dann wirklich bedeutsam, wenn sie geteilt und diskutiert wird und andere inspiriert“, sagt Nina Ibaceta Guerra, Koordinatorin des Lehrkräftenetzwerks sowie Forscherin und Projektkoordinatorin bei CIDSTEM an der PUCV. 

Presenters at the “Youth Forum: Women Leaders in STEM+ Latin America”
© Siemens Stiftung

Das Bildungsökosystem stärken

Das beim Encuentro geteilte Wissen und die Erfahrungen wurden zum Impulsgeber für gemeinsames Handeln. Vertreter*innen der 56 „MINTplus-Territorien“, Lehrkräfte-Communities, thematischen Arbeitstische, der regionalen Bildungsagenda, von mehr als 70 innovativen MINT-orientierten Projekten sowie 13 kollaborativen Arbeitsgruppen kamen zusammen. Gemeinsam identifizierten sie Prioritäten für die kommenden Jahre, darunter Klimawandelbildung, Gesundheit, Gender, informatisches Denken, Finanzbildung, frühkindliche Bildung und Open Educational Resources (OER). Dieses Engagement zeigte sich auch in praxisorientierten Workshops. Sie machten deutlich, dass das Erstellen und Anpassen von Lehr- und Lernmaterialien keine neue Praxis sind, sondern der Schritt hin zu offenen Bildungspraktiken, die an konkrete pädagogische Bedarfe und Kontexte angepasst sind und Lehrkräfte wie Schüler*innen mit Kompetenzen für den souveränen Umgang mit Digitalität stärken.

Weitere Panels befassten sich mit der Bedeutung von „Gesundheit in der Bildung“ mit einem Schwerpunkt auf sozio-emotionalem Wohlbefinden sowie mit „Strategischen Allianzen und Kofinanzierungsmodellen“ als zentrale Bausteine für nachhaltige Zusammenarbeit und gemeinsame Wirkung. Das Panel „Ökosysteme, Klimafolgen und Bildung“ untersuchte zudem, wie MINTplus und Klimawandelbildung Resilienz stärken, gemeinsames Klimahandeln anregen und Lernen mit den ökologischen Herausforderungen im Lebensumfeld der Schüler*innen verbinden können, um gemeinsam Lösungen für Klimaschutz und Anpassung zu entwickeln.

Die Teilnehmenden stimmten über das beste Projekt der Expo für Bildungsinnovation ab
© Siemens Stiftung

Vernetzung der Schwester-Stiftungen

Das V. Encuentro festigte zugleich die wachsende regionale Allianz zwischen den Siemens Stiftungen in Argentinien, Brasilien und Kolumbien und der international tätigen Siemens Stiftung. Führungskräfte der vier Stiftungen kamen zusammen, um ihre Strategien abzustimmen und Synergien rund um die gemeinsame Vision von MINTplus als Treiber nachhaltiger Entwicklung in der Region weiter zu vertiefen. 

Fahrplan für die Zukunft

Den Abschluss der drei Veranstaltungstage bildete die Lima-Erklärung, die den weiteren Weg von Red STEM Latinoamérica vorzeichnet. Das Netzwerk verpflichtete sich dazu, sein Governance-Modell für langfristige Nachhaltigkeit zu stärken, eine Plattform zur Untersuchung und Messung der Wirkung von MINTplus-Bildung aufzubauen, eine Arbeitsgruppe zur Stärkung junger Führungskräfte ins Leben zu rufen und einen regionalen Fahrplan sowie ein Kofinanzierungsmodell weiterzuentwickeln. Darüber hinaus sollen die nationalen MINTplus-Agenden in Kolumbien, Mexiko, Bolivien, Chile und Peru ausgebaut und unter anderem neue Mitglieder aus Panama und der Dominikanischen Republik aufgenommen werden. Damit bekräftigt das Netzwerk sein übergeordnetes Ziel, verantwortungsbewusste, empathische, resiliente und aktive Bürger*innen zu stärken, die zu nachhaltigen Gemeinschaften und Territorien in ganz Lateinamerika beitragen. Der MINTplus-Ansatz spielt dabei eine zentrale Rolle.

Vertreter*innen der Stiftungen in Argentinien, Brasilien und Kolumbien gemeinsam mit dem Team der Siemens Stiftung
© Siemens Stiftung

Mayte Morales Arce, Geschäftsführende Direktorin des Instituto APOYO, sagt: „Die Umsetzung des MINTplus-Ansatzes in Peru ist bereits Realität und gibt Anlass zur Hoffnung. Sie bietet eine Strategie für die Gegenwart mit einer nachhaltigen Vision, die auf der Stärkung aktiver Bürgerschaft beruht. Das V. Encuentro hat gezeigt, dass mehr als 500 Mitglieder des Netzwerks diesen Ansatz in ihren lokalen Gemeinschaften umsetzen. So werden in Schulen Kompetenzen gefördert, um konkrete Herausforderungen vor Ort zu lösen und zu mehr Wohlergehen beizutragen.“ 

Im Anschluss an das Encuentro lud die regionale Bildungsbehörde von Lima zentrale Netzwerkpartner*innen an die traditionsreiche Schule Nuestra Señora de Guadalupe ein, eine der ältesten öffentlichen Schulen Perus. Die Lehrkräfte zeigten dort, wie MINTplus über Naturwissenschaften und Technik hinausgeht und Geschichte, Geisteswissenschaften und kulturelles Erbe in forschendes Lernen einbindet. Ausgehend von der Unabhängigkeit Perus und der Entstehung des Nationalstaats untersuchen die Schüler*innen historische Ereignisse mithilfe naturwissenschaftlicher Fragestellungen, ingenieurwissenschaftlicher Ansätze, Mathematik und Analyse – von historischer Architektur bis hin zur Rolle von Technologie und Innovation für das Verständnis der Vergangenheit des Landes. 

Die Lima-Erklärung gibt die strategische Richtung für die zukünftigen Aktivitäten von Red STEM Latinoamérica vor.
© Siemens Stiftung

„Zu erleben, wie MINTplus in den Klassenzimmern lebendig wird, hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, wie wichtig es ist, beim Lernen an die eigene Geschichte und Kultur der Schüler*innen anzuknüpfen. Denn so wird Bildung relevanter und interdisziplinärer und befähigt junge Menschen, ihre Zukunft aktiv mitzugestalten“, sagt Dr. Barbara Filtzinger, Leiterin des Arbeitsgebiets Bildung der Siemens Stiftung und Co-Autorin des MINTplus-Positionspapiers. 

Barbara Filtzinger im Austausch mit Schülern der Schule Nuestra Señora de Guadalupe
© Siemens Stiftung