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Max Steiner, Fotograf: Isabella Bilger

»Bereits in den ersten Jahren konnten wir über 30.000 Patienten aus abgelegenen Gebieten versorgen.«

Max Steiner, Leiter der HI-Bolivia Foundation und EinDollarBrille-Länderkoordinator Bolivien

Steter Tropfen höhlt den Stein

Wenn Max Steiner etwas anpackt, steht das soziale Engagement und die Unterstützung Benachteiligter im Vordergrund. In Bolivien, dem Herkunftsland seiner Frau und seiner zweiten Heimat, findet er mit „Lentes al Instante“, der bolivianischen Organisation von EinDollarBrille e.V., ein breites Betätigungsfeld und inzwischen auch sehr viele Freiwillige, die an seinen Projekten mitwirken.

Du arbeitest seit 2014 für OneDollarGlasses (EinDollarBrille) in Bolivien und anderen Ländern in Lateinamerika. Wie ist es dazu gekommen und was motiviert Dich, auf diesem Gebiet tätig zu sein?

Ich lebe seit 2000 in Bolivien und war zuerst für die Jugendherbergsbewegung tätig. In diesem Zusammenhang engagierten wir uns auch im Gesundheitsbereich. Durch meine Honorarprofessur an der Universität Santa Cruz, die eine Partnerschaft mit der Universität Erlangen pflegt, bin ich mit Martin Aufmuth, dem Gründer des EinDollarBrille e.V. in Kontakt gekommen. Sehr schnell haben wir beschlossen, die EinDollarBrille auch nach Bolivien zu bringen. Inzwischen sind wir neben Bolivien auch in Mexiko, Brasilien und seit neuestem in Peru tätig. Meine Hauptmotivation dabei ist das „Zurückgeben“ und die Zusammenarbeit mit Menschen. Ich habe enorm viel Freude dabei, mit unseren Teams die Einsätze in abgelegenen Gebieten zu planen und durchzuführen. Das sind kleine aber wichtige Beiträge, die Situation auf dem Land für Bedürftige zu verbessern. Mein Motto dabei ist, entsprechend meinem Namen „Steter Tropfen höhlt den Stein“.

Du kennst viele Länder Lateinamerikas. Was macht Bolivien besonders und wo siehst Du besondere Herausforderungen?

Es ist diese enorme Gegensätzlichkeit, die mich fasziniert und beunruhigt zugleich. In Bolivien gibt es eine ausgesprochene Zweiklassengesellschaft. Man spürt auf Schritt und Tritt die 500 Jahre koloniale Unterdrückung nach der Eroberung. Bis heute haben es die indigenen Ethnien schwer in Lateinamerika, und Bolivien ist mit dem vergleichsweise größten indigenen Anteil von zwei Dritteln indigener Bevölkerung das am stärksten original gebliebene Land. Insbesondere auf dem Altiplano in über 4.000 Metern Höhe sowie in den rund 1.000 Tälern in der Andenfaltung, in denen Quechua- und Aymara-Stämme in mehreren Millionenstärken leben. Die Faszination dort helfen zu können, das sehe ich als ein großes Potential. Bereits in den ersten Jahren konnten wir über 30.000 Patienten aus abgelegenen und über 90 Prozent indigenen Gebieten versorgen. Auch unsere Mitarbeiter sind zu über 90 Prozent indigen und hatten vor der Zusammenarbeit mit uns keine feste Anstellung. Ihre Expertise ist für unser operatives Geschäft sehr wichtig, damit wir vor Ort die entsprechenden Sprachen sprechen.

Ihr investiert viel in die Ausbildung eurer Mitarbeiter, insbesondere von so genannten Assistenten der optischen Konsultation. Was bedeutet das genau und wie läuft das ab?

Die einjährige Ausbildung zum Assistenten der optischen Konsultation bei der lokalen Institution Lentes al Instante (LAI) besteht aus theoretischen und praktischen Anteilen. Hierzu gibt es ein Manual zur sphärischen Kontrolle und Korrektion, das von OneDollarGlasses entwickelt und international eingesetzt wird. Am Ende der Ausbildung können die Teilnehmer Sehtests durchführen, erste Diagnosen stellen und Brillen vor Ort anpassen und korrigieren. Denn allein durch die sphärische Korrektur können wir über sechzig Prozent der Patienten helfen. Über fünfzig Kandidaten haben wir bereits ausgebildet. Einzelnen Mitarbeitern ermöglichen wir auch das vierjährige Fachhochschulstudium zum Diplom-Optometristen. Die Ausbildung zum Augenarzt ist sehr aufwendig, genau aus diesem Grund sind alle Augenärzte nur in den großen Städten in den Kliniken zu finden. Die weniger besiedelten Gebiete kann man mit Assistenten der optischen Konsultation und vereinzelten Optometristen hervorragend versorgen.

Du hast die Kampagnen angesprochen. Ihr seid viel unterwegs. Viele eurer Patienten sind Schüler. Welche Bedeutung kommt der Arbeit mit Schulen zu?

OneDollarGlasses hat die Versorgung in Schulen zu einer zentralen Aufgabe erklärt. Denn was nützt es, wenn es mehr Schulen gibt und die Lehrer sich Mühe geben, und am Ende können die Schüler nicht an der Tafel lesen, weil sie fehlsichtig sind? In Bolivien kann man im Schnitt davon ausgehen, dass 20 bis 30 Prozent der Schüler nicht gut sehen können. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass die Lösung für ihre Sehschwäche meist ganz einfach ist.

 

Die korrekte Sehstärke ist eine ganz wichtige Basis für eine gute Ausbildung. Normalerweise nähern wir uns neuen Dörfern, indem wir mit dem Bürgermeister und dem Schuldirektor sprechen, die sich häufig überhaupt zum ersten Mal mit den Sehproblemen ihrer Bevölkerung und Schüler auseinandersetzen. Wir beginnen in den Schulen mit unseren Kampagnen, sie stehen im Zentrum. Später kommt die breitere Bevölkerung durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Publikums-Kampagnen zum Sehtest dazu.

Die Schülerinnen und Schüler sind sichtlich stolz auf ihre neuen Brillen, die sie vor Ort mit farbigen Perlen und Schläuchen ganz nach ihrem Geschmack anpassen konnten.
© EinDollarBrille e.V.

Was an LAI in Bolivien würdest Du als unternehmerisch bezeichnen? Zielt ihr auf eine von Spenden unabhängige Organisation ab?

Ich selbst kann den Unternehmer nicht abstreifen, ich war schließlich über 30 Jahre unternehmerisch tätig. Nur ein großes Herz zu haben und helfen zu wollen ist nicht mehr zeitgerecht. Wir selbst sind als sozialunternehmerische Einheit aufgebaut und unsere Mitarbeiter können marktgerechte Löhne erwarten, die bis zu dem Lohnniveau eines Grundschullehrers gehen können.

Was fehlt, ist die Gewinnmaximierung – das wollen und können wir nicht anstreben. Daher basieren unsere Einnahmen auf einer Kombination aus Spenden und Verkäufen. Schüler und behinderte Menschen bekommen unsere Brillen umsonst, ältere Menschen bekommen 50 Prozent Nachlass. In Absprache mit der Bevölkerung haben wir einen sozialen Preis für eine verkaufte Brille bei 80 Bolivianos (etwa 10 Euro) festgesetzt. Das liegt unter den günstigsten, aus China importierten Brillen für 120 bis 150 Bolivianos, plus Konsultation. Vom Verkauf der Brillen werden unsere laufenden Kosten, also Ausgaben für die Kampagnen, gedeckt. Was es jetzt braucht ist der Aufbau und die Investitionen für den Schwerpunkt Schulen, denn in diesem Zusammenhang kann sich das Geschäft nicht selbst tragen.

Wie geht ihr mit dem Risiko um, den lokalen Markt durch spendenbegünstigte Preise negativ zu beeinflussen?

Ohne Zweifel denken viele Optiker zuerst, dass wir ihnen etwas wegnehmen könnten, doch wir können ihnen im Gespräch die Bedenken nehmen. Denn wir sind gar nicht dort, wo die Optiker ihren Markt haben, da wir nie in einem Stadtzentrum auftreten. Außerdem arbeiten wir mit ausgewählten Optikern zusammen, da wir in vielen Gebieten auf Hornhautverkrümmung treffen, die nur mithilfe einer Optikerbrille behandelt werden kann. Bis zu einem Drittel unserer Patienten überweisen wir an sie. Somit sind wir mitunter ganz beliebt bei den Optikern. Auch wenn unsere Patienten einen kräftigen Preisnachlass von bis zu zwei Dritteln bekommen.

Wenn wir nun in die Zukunft schauen: Was wäre Dein Traum für Bolivien / Lateinamerika? Was wünschst Du Dir zu erreichen?

Was Bolivien angeht: mein größter Traum wäre, dass es politisch und demokratisch stabil bleibt. Und dass wir in diesem Jahr 20.000 Patienten erreichen können, sowie die Jahre darüber hinaus. Das ist eine stolze Zahl für so ein kleines Land. Über 100.000 Brillen in den nächsten fünf Jahren – das wäre mein Wunsch.

 

Ansonsten steht der Ausbau in Brasilien im Vordergrund. Wir streben 30.000 Brillen pro Jahr an, sodass wir in den kommenden drei Jahren die 100.000 erreicht haben. Unser Geschäft in Peru wollen wir deckungsgleich zu Bolivien aufbauen bezüglich der indigenen Komponente und uns auf die armen Vororte von Lima konzentrieren. Ebenfalls 20.000 Brillen jährlich wünsche ich mir. In Mexiko steht ein Wechsel des Kooperationspartners an. Außerdem wollen wir im Norden von Argentinien, in den ärmeren Gegenden Paraguays tätig werden sowie in Kolumbien. Auch hier gibt es sehr bedürftige Gegenden, zum Beispiel die ehemals von der FARC besetzten Gebiete sowie stark durch venezolanische Flüchtlinge aufgesuchten Gebiete, die wir ab 2020 angehen wollen.

Lieber Max, wir danken Dir für das Gespräch und wünschen alles Gute für die vielen Pläne!

Der Dank geht zurück. Ohne Unterstützung der Siemens Stiftung wäre das nicht möglich.

August 2019

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