• In der „Ecole Pissy“ am Rande von Ouagadougou wird die Sehstärke der Schüler getestet und die Brillen noch vor Ort produziert und angepasst.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Isabella Bilger
  • Der Plus Optix Apparat erkennt in wenigen Sekunden, ob eine Sehschwäche vorliegt oder nicht.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Isabella Bilger
  • Eine Brille kann alles verändern. Dank OneDollarGlasses können sich jetzt auch in Burkina Faso mehr Menschen eine Sehhilfe leisten.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Isabella Bilger
Arbeitsbereich:
Entwicklungskooperation
Land/Region:
Burkina Faso
Christine Meinhardt hat das Projekt vor Ort besucht.

Eine Brille – unendliche Möglichkeiten

Experten schätzen, dass rund 700 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu Brillen haben – und damit Nachteile in der Bildung, im sozialen Miteinander und am Arbeitsmarkt, weil sie viele Tätigkeiten nicht ausüben können. Der Verein EinDollarBrille e.V., Gewinner des ersten empowering people. Awards 2013, fertigt kostengünstige Brillen für Entwicklungsländer und hat bisher bereits mehr als 100.000 Brillen weltweit produziert und verteilt. Aktuell ist der Verein in 8 Ländern tätig. Seit 2013 ist der Verein auch in westafrikanischen Burkina Faso aktiv, seit 2015 kooperieren die Siemens Stiftung und EinDollarBrille e.V. im Rahmen einer mehrjährigen Projektpartnerschaft, um den Zugang zu Brillen auch für die kleinstädtische und ländliche Bevölkerung zu ermöglichen.
Wir haben mit unserer Kollegin Christine Meinhardt, Projektleiterin im Arbeitsbereich Entwicklungskooperation der Siemens Stiftung gesprochen, die das Projekt  vor Ort besucht hat.

Burkina Faso ist in europäischen  Medien kaum präsent. Welche Eindrücke hast Du aus dem Land mitgenommen?

Ich bin regelmäßig für unsere Projekte in Kenia unterwegs und habe einige ost- und südafrikanische Länder bereist, das war mein erster Besuch in Westafrika.  Aufgrund seiner zentralen Lage war Burkina Faso schon immer ein Transitland. Die Menschen dort sind an Einflüsse von außen gewöhnt, was zu einer großen Offenheit der lokalen Gesellschaft Fremden und Fremdem gegenüber geführt hat. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Burkina Faso eines der ärmsten Länder weltweit ist. Das Land ist sehr ländlich geprägt – Gebäude mit mehreren Stockwerken sind sogar in der Hauptstadt Ouagadougou eher selten. Sobald man auf eine Nebenstraße abbiegt, hat man den Eindruck, sich in einem Dorf zu befinden, da nur wenige Straßen im City Center geteert sind. In der Regenzeit (Mai bis September) kann man hier auf der Straße übrigens auch mal einem „heiligen“ Krokodil über den Weg laufen – die kommen dann nämlich gerne aus ihren Teichen im Stadtpark und machen einen Spaziergang durch die angrenzenden Viertel. Das ist uns aber nicht passiert, denn ich war während der Trockenzeit dort bei Temperaturen um 40 Grad. Auch das war für einen Mitteleuropäer, der gerade aus dem deutschen Winter kam, durchaus gewöhnungsbedürftig.

In Burkina Faso haben überdurchschnittlich viele Menschen mit Augenkrankheiten und Fehlsichtigkeit zu kämpfen. Was sind die Gründe dafür?

Burkina Faso liegt am Rand der Sahelzone. An kaum einen Ort der Welt ist die Sonneneinstrahlung intensiver, zusätzlich liegt ständig feiner Wüstensand in der Luft. Ohne Schutz durch Sonnenhut und Sonnenbrille sind das extreme Bedingungen für das menschliche Auge. Den meisten Burkinabe ist die extrem schädliche Wirkung der Sonne entweder nicht bewusst oder sie haben nicht die finanziellen Mittel, um sich angemessen zu schützen. Die Kinder trifft das besonders hart. OneDollarGlasses schätzt, dass überdurchschnittlich viele Kinder und Jugendlichen unter 16 Jahren fehlsichtig sind bzw. unter Vorstufen des Grauen Stars leiden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Optiker von EinDollarBrille e.V. systematisch die Schulen besuchen, Sehtests durchführen und dann für diejenigen Kinder, die fehlsichtig sind, kostenlos eine Brille zur Verfügung stellen. Die Schulen sind aufgrund der hohen Geburtenraten und Migration in die Städte ohnehin überfüllt - allein in der Hauptstadt Ouagadougou wächst die Bevölkerung jedes Jahr um rund 250.000 Menschen, auf dem Land ist das Bevölkerungswachstum nicht weniger stark. Kinder, die in den überfüllten Klassenzimmern weder den Lehrer noch die Tafel erkennen können, haben kaum Bildungschancen.
Natürlich hat die starke Sonneneinstrahlung auch enorme Auswirkungen auf Menschen im Erwachsenenalter. Hinzu kommt das typische, altersbedingte Nachlassen der Sehfähigkeit, die bei Menschen ab 40 Jahre auch hier in Deutschland in vielen Fällen eine Lesebrille notwendig macht. Der Anteil der erwachsenen Burkinabe, die eine Brille benötigen und keinen angemessenen Zugang haben, ist extrem hoch und liegt laut Schätzungen von des Teams bei rund 30-40%.

Was sind denn die Inhalte bzw. war denn der Projektplan, als sich die Siemens Stiftung entschieden hat, EinDollarBrille e.V. in Burkina Faso zu unterstützen?

Als wir die Zusammenarbeit zwischen EinDollarBrille e.V. und Siemens Stiftung 2015 starteten, haben wir uns auf drei übergeordnete Ziele verständigt: Erstens, die Expansion des Projektes in kleinere Städte sowie ländliche Regionen, denn 75% der rund 19 Millionen Einwohner Burkina Fasos leben auf dem Land. Um das Wirkungsziel, möglichst viele Menschen mit einer Brille zu versorgen, zu erreichen, ist die Ausweitung der Services auf die ländlichen Regionen also unausweichlich. Zweitens haben wir vereinbart, verschiedene Vertriebswege auszuprobieren, um herauszufinden, wie wir das kombinierte Geschäftsmodell aus Brillenverkauf zu einem bezahlbaren Preis einerseits und freier Abgabe von Brillen an Schulkinder andererseits auch auf dem Land rentabel gestalten können. Denn Profitabilität und damit nachhaltige Sicherung der lokalen Organisation zu erreichen, ist in Städten mit hoher Bevölkerungsdichte natürlich leichter. Die Rentabilität auf dem Land kann nur durch möglichst effiziente Vertriebswege erreicht werden, denn hohe Transportkosten, weite, schlecht ausgebaute Wege und weniger Kunden machen den Verkauf auf dem Land zeit- und kostenintensiv. Drittens, geht es nicht ohne ein gutes und engagiertes Team! Insgesamt haben wir unsere fachliche und finanzielle  Unterstützung beim Aufbau und Ausbau des Projekts über drei Jahre zugesagt.

Was ist das Geschäftsmodell von EinDollarBrille e.V. in Burkina Faso?

Die Strategie in Burkina Faso ist ähnlich dem Vorgehen auch in anderen Entwicklungsregionen. Zuerst geht es darum, Machbarkeit, Marktpotenzial und Partnerlandschaft zu analysieren. Hier werden  Regularien im lokalen Gesundheitssystem genauso erfasst wie bereits bestehende persönliche Verbindungen in die jeweilige Region. Von einem benachbarten Standort wird dann ein Team gebildet, das sich um die Einbindung der lokal Verantwortlichen kümmert und im Anschluss um einen geeigneten Standort und den Bau eines Brillenzentrums, die Rekrutierung von jungen Menschen für die Optikerausbildung und den Verkaufsstart. In Burkina Faso werden die Brillen - zentral in der Werkstatt in Ouagadougou produziert. Anschließend werden die derzeit 9 Shops beliefert und direkt im Shop, bei mobilen Verkaufsveranstaltungen, sogenannten „Outreaches“, und in Schulen von den Mitarbeitern angepasst. Statistisch gesehen kommt in Burkina Faso ein Augenoptiker auf mehrere Hunderttausend Patienten, d.h. Fehlsichtigkeit wird bisher kaum erkannt. Diese arbeiten meist in den städtischen Gesundheitszentren und vermitteln Patienten an teure Brillengeschäfte, die Preise zwischen 50 und 120 Euro verlangen und dadurch natürlich hohe Kommissionen an die vermittelnden Optiker und Ärzte zahlen können. Übrig bleiben die Menschen in der Stadt, die sich diese Preise nicht leisten können, sowie die Menschen auf dem Land, denen schlicht keine Versorgung angeboten wird.       
Genau diese Versorgungslücke schließt EinDollarBrille e.V.mit einem Geschäftsmodell, dass die Brillen für durchschnittlich 8 Euro verkauft. Dieser Preis deckt die Materialkosten sowie die Kosten der Produktion sowie des Verkaufs ab und ermöglicht damit die Nachhaltigkeit des Konzepts. Erst waren sie nur zu dritt, inzwischen arbeiten fast 50 Menschen im Management, Produktion, Verkauf und Vertrieb. Im Jahr 2017 konnte der Brillenabsatz sogar verdoppelt und damit fast die gesamten lokalen laufenden Kosten gedeckt werden.

Die Versorgung von Kindern ist besonders aufwändig, wie geht das Team vor Ort an den Schulen vor?

Es gehört zum Wirkungsziel, auch an den  Schulen in Burkina Faso eine möglichst flächendeckende Versorgung  anzubieten. Das bedeutet, das Team ist viel unterwegs und teilweise auch in  abgelegenen Dorfschulen. Wir waren zum Beispiel in der Schule „Ecole Pissy“ am Rande von Ouagadougou. Dort kam dann auch das Plus Optix Gerät zum Einsatz, ein professionelles Optik-Diagnose-Gerät , das den herkömmlichen Sehtest mit verschieden großen Buchstaben an der Wand zwar nicht ersetzt, jedoch diejenigen Kinder ohne Seheinschränkung schnell identifiziert, so dass die Refraktionierung, also die Feststellung der nötigen optischen Korrektur, wesentlich schneller geht. So kann das Team statt ca. 100 Kinder rund 400 Kinder testen. Direkt im Anschluss werden noch vor Ort in den Schulen die Brillen angepasst und dem Kind mitgegeben. Die Kinder dürfen sich noch eine individualisierte Verzierung aussuchen, z.B. farbige Glasperlen. Es ist schon sehr berührend, wenn ein Kind oder aber auch ältere Personen mit ihrer neuen Brille beinahe überwältigt von den Eindrücken um sich sehen. Übrigens haben nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen hohe Anforderungen an Qualität und Design der Brille: Neben der ovalen Urform gibt es inzwischen rechteckige Brillen, Sonnenbrillen mit Dioptrien oder Rahmen mit doppelten Bügeln – je nach Verwendung und individuellem Geschmack. Bei den Optikern und Angestellten gehört es sogar zum guten Ton, dass jeder sein eigenes Design trägt. Wenn das keine Identifikation mit dem Unternehmen ist!

Was sind nach Deiner Reise Deine Erwartungen wie sich EinDollarBrille e.V. in Burkina Faso weiterentwickeln wird?

Das Projekt ist ohne Zweifel in Burkina Faso angekommen. So harmonisch, kreativ und ambitioniert wie ich die Situation erlebt habe, kann ich nur sagen, sie sind als Team und Social Business da, wo jeder gerne wäre: einer erfolgreichen und sinnstiftenden Tätigkeit nachzugehen, die viele Menschen glücklich macht und ihnen wieder eine Lebensperspektive gibt.. Das Team ist mittlerweile auf 49 Mitarbeiter gewachsen. Die neun Ladengeschäfte in Ouagadougou, Kaya, Tenkodogo, Bobo-Dioulasso, Koupéla und Fada verkaufen gewinnbringend Brillen an die lokale Bevölkerung, inklusive Lese- und Sonnenbrille. In diesem Jahr werden weitere 6 Shops hinzukommen, ein erster Outreach in Banfora verkaufte 300 Brillen an einem Tag. Wenn man diese ganzen Entwicklungen zusammen nimmt, sprechen wir jetzt ganz realistisch davon, dass 2020 / 2021 der langfristige „Break Even“ erreicht ist. Das ist ein toller Erfolg und freut uns in der Siemens Stiftung natürlich gewaltig. ODG steht für das, woran auch wir glauben: Technologien gepaart mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell gleicht Defizite in der Grundversorgung aus und generiert Arbeitsplätze. Mit der Erfolgsgeschichte ist EinDollarBrille e.V. eine wichtige Inspiration und Motivation für viele weitere Erfinder und Sozialunternehmer im empowering people. Network, die ebenfalls mit ihren Erfindungen das Leben von Menschen in Entwicklungsregionen verbessern.

„Kinder, die in den überfüllten Klassenzimmern weder den Lehrer noch die Tafel erkennen können, haben kaum Bildungschancen.“