• Music In Africa lädt dazu ein, die Musik des ganzen Kontinents kennen und schätzen zu lernen.
    © Siemens Stiftung
Arbeitsbereich:
Kultur
Land/Region:
Afrika
Eddie Hatitye, Director of Music In Africa Foundation

„Wir möchten Netzwerke aufbauen“. Ein Gespräch mit Eddie Hatitye über die neue Online-Plattform Music In Africa

Die Online-Plattform Music In Africa versammelt verlässliche und umfassende Informationen über das Musikschaffen in Afrika. Kostenlos und frei zugänglich möchte sie Interessierten als Wegweiser dienen, Musik aus Afrika weltweit bekannter machen und die Kooperation zwischen Künstlern auf internationalem Niveau fördern.

Wir haben das Projekt von Anfang an aktiv begleitet und freuen uns nun sehr, dass musicinafrica.net online ist. Eddie Hatitye, Direktor der Music In Africa Foundation, die für den Aufbau der Plattform verantwortlich ist, spricht in diesem Interview über seine Erfahrungen, das bisher Erreichte und seine Pläne für die Zukunft der Plattform.

Herr Hatitye, was für ein Gefühl ist es, Music In Africa nun online zu sehen?

Es ist ein großartiges Gefühl! Unser gesamtes Team hat exakt diesem Tag entgegengefiebert, an dem wir das Ergebnis des Projekts vor uns haben, an dem wir drei Jahre lang gearbeitet haben. Wie Sie sich vorstellen können, waren wir etwas nervös, ob das Portal den Erwartungen gerecht wird. Aber jetzt, nachdem es online ist, freuen wir uns sehr, dass wir Reaktionen von Menschen aus ganz Afrika bekommen; Menschen kommen online, legen Profile an und geben uns positive Rückmeldung. An dieser Stelle auch herzlichen Dank an unsere Mitarbeiter und Partner! Nur durch ihr Engagement und ihre Unterstützung sind wir da, wo wir heute stehen.

Was ist bisher auf der Webseite zu finden?

Derzeit gibt es vier Bereiche: „Directory“ (Verzeichnis), „Education“ (Musikpädagogik), „Magazine“ (Magazin) und „Resources“ (Ressourcen). Jeder davon bietet eine Fülle nützlicher Informationen über Musik in Afrika, beispielsweise wichtige Ansprechpartner und Informationen zu den Akteuren in der afrikanischen Musikbranche, Übersichtsartikel zu den Musikszenen in Afrika, Unterrichtsmaterialien, Musikkritiken, Neuigkeiten und praktische Tools für Musiker.

Sind diese Informationen nicht schon bereits anderswo verfügbar?

Ja und nein. Man findet im Internet eine Menge Informationen über Musik aus Afrika, doch vieles davon stimmt nicht. Das wollen wir mit dem Portal ändern. Jedes Detail auf unserer Webseite wird von uns vor der Veröffentlichung überprüft. Dafür arbeiten wir mit Fachleuten zusammen. Insbesondere für den Bereich „Resources“ haben wir sehr viel recherchiert, beispielsweise zu den unterschiedlichen Musikszenen in Afrika, über Genres, Instrumente und andere Themen, die helfen das regionale Musikschaffen besser zu erfassen. Wir bieten hilfreiches Wissen im Bereich Kulturmanagement, zu Copyrightfragen oder rechtlichen Themen. Unser Ziel ist es, Einblick in die wichtigsten Aspekte afrikanischer Musik zu geben. Um es etwas anschaulicher zu machen: Stellen Sie sich vor, Sie sind unterwegs in einer Stadt und beschaffen sich vorab Informationen, suchen Tipps und Erfahrungsberichte. Unsere Plattform bietet einen solchen Service aus der Perspektive der Musik. Wir führen all die Informationen zusammen, die bisher nur verstreut im Internet zu finden waren.

Wer erstellt die Inhalte?

Redaktionsteams für Music In Africa gibt es momentan im südlichen Afrika sowie in Ost-, West- und Zentralafrika. Zudem haben wir Beiträge von Fachleuten beauftragt – von Wissenschaftlern, Musikpädagogen und Journalisten. Das bringt mich auch gleich zu einem weiteren spannenden Aspekt des Projekts, der Music In Africa zu einer nachhaltigen Plattform machen soll. Jeder Nutzer hat die Möglichkeit, ein Profil zu erstellen oder einen Artikel zu schreiben. Wenn die Beiträge fundiert sind, veröffentlichen wir sie. Die Webseite pflegt sich also selbst. Um die Urheber von Inhalten zu honorieren, haben wir ein Tool entwickelt, das es anderen Nutzern der Webseite ermöglicht, Beiträge finanziell zu würdigen. Wenn Sie beispielsweise einen Artikel im Magazin lesen, finden Sie dort einen Button, um „Applaus“ zu spenden. Damit können Leser einen Beitrag auszeichnen und dem Verfasser ein kleines Honorar zukommen lassen.

Der Ansatz, die User in die Gestaltung der Plattform einzubeziehen, ist sehr interessant. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Technologie?

Hier gibt es zwei Aspekte. Aus Entwicklungsperspektive war es wichtig, eine Plattform zu schaffen, die sich für die sehr unterschiedlichen Märkte in Afrika eignet. Die Qualität der Internetverbindung schwankt von Land zu Land und nicht alle Menschen besitzen ein Smartphone. Doch beim Thema Musik gibt es natürlich noch einen anderen, viel wichtigeren Aspekt: Auf der ganzen Welt haben Internet und Technologie einen immer größeren Einfluss auf die Musik. Und es hat unzählige Diskussionen gegeben, ob dies nun gut oder schlecht ist. Ich denke, im Allgemeinen werden viele Musiker wohl sagen: „Manchmal wünschten wir uns, es hätte das Internet nie gegeben“, denn durch das Internet hat sich die Art, Musik zu erwerben und zu hören, völlig verändert. Es hat eine ganz neue Art Musiker geschaffen. Doch das ist genau der Grund, weshalb wir diese Art von Plattform benötigen, um Musiker zu fördern, neue Fans anzusprechen und ein größeres Publikum zu erreichen. Mit Veranstaltungen, Live-Auftritten und all diesen Dingen ist Geld zu verdienen – doch ohne die nötigen Informationen kommt niemand zu den Konzerten. Die Technologie ist nun einmal da – und wir wollen das Beste daraus machen.

Heißt das, die Technologie hat die Einstellung der Musiker verändert?

Die Musiker verändern sich tatsächlich. Das ist kein radikaler Wandel, aber sie sind dabei, sich zu verändern. Musiker erstellen Profile und stellen ihre Musik online. Sie begreifen Music In Africa ganz klar als Chance. Und wir haben die Aufgabe dafür zu sorgen, dass wir stets ihre Interessen in den Vordergrund stellen. Als gemeinnützige Organisation wollen wir aus den Inhalten keinen Profit schlagen. Es geht vor allem darum, die positiven Seiten der Technologie zu nutzen. Durch unseren Open-Source-Ansatz stehen Informationen schnell und kostenlos zur Verfügung, gleichzeitig regt er Menschen dazu an, die Webseite künftig selbst weiterzuentwickeln.

Eine Plattform zu schaffen, die Informationen über Musik aus ganz Afrika sammelt, ist ein sehr ehrgeiziges Vorhaben.

Ja, das ist es wirklich. Music in Africa ist die erste Plattform ihrer Art in Afrika. Schauen Sie sich den Kontinent an: Es gibt dort mehr als eine Milliarde Menschen und extrem unterschiedliche Musiktraditionen. Nie zuvor hat jemand versucht, diese unterschiedlichen Segmente zusammenzubringen. Es ist ein sehr ehrgeiziges Projekt für uns, und auch innovativ, so wie wir es angelegt haben und wie die Informationen online veröffentlicht und moderiert werden. Ich kenne keine vergleichbare Initiative.

Weshalb ist es so wichtig, eine derartige Plattform zu schaffen?

Musik hat einen ganz besonderen Stellenwert in Afrika. Sie ist heutzutage nicht nur ein kultureller Faktor, sondern bietet auch neue Geschäftsmöglichkeiten. Allerdings gibt es nur unzureichende Mittel für die Bewahrung der Musik, für den Erfahrungsaustausch zwischen professionellen Musikern oder Orte, an denen Künstler für ihre Musik werben können. Ich glaube, aus diesem Grund denkt manch einer, dass Afrika in dieser Beziehung anderen Kontinenten unterlegen ist. Nicht weil wir keine großartige Musik haben, sondern weil die Medien für afrikanische Musikstücke so begrenzt sind. Music In Africa lädt die Menschen ein, die Musik des ganzen Kontinents kennen und schätzen zu lernen. Wir möchten die öffentliche Wahrnehmung des afrikanischen Musiksektors stärken und Netzwerke aufbauen.

Was tun Sie, um die Webseite bekannt zu machen und die Menschen zusammenzubringen?

Das ist eine gute Frage. Das war tatsächlich die größte Herausforderung für uns. Zum Glück konnten wir uns von Anfang an auf ein großes Netzwerk stützen. Es gibt eine so genannte Reference Group, der 200 Musikfachleute aus ganz Afrika angehören, die unser Vorhaben unterstützen. Und wir haben wirklich hervorragende Mitglieder in unserem Vorstand, die aus verschiedenen Regionen Afrikas und Europas kommen und unterschiedliche Perspektiven und Ideen in das Projekt einbringen. Ihr Netzwerk ist von zentraler Bedeutung, wenn es darum geht, die Idee von Music In Africa zu verbreiten. Entscheidend ist auch, dass Music In Africa kein reines Online-Projekt ist. Um Music In Africa bekannter zu machen, nehmen wir an vielen Konferenzen und Veranstaltungen teil. Höhepunkte waren zum Beispiel die World Music Expo (WOMEX) in Budapest, oder die SIMA, das internationale Forum für Musik aus Afrika in Dakar. Daneben führen wir „offline“ Bildungsprogramme und Workshops durch. Das bedeutet ganz konkret, dass wir uns mit den Musikern zusammensetzen, über das Musikgeschäft sprechen oder Fortbildungen in Zusammenarbeit mit der Global Music Academy anstoßen.

Das klingt vielversprechend. Was wünschen Sie sich mit Blick auf die künftige Entwicklung der Plattform?

Dass Music in Africa die erste Anlaufstelle für all jene wird, die Fragen zu Musik in Afrika haben. Dabei möchten wir nicht einfach nur ein Portal sein, sondern nachhaltig zur Kreativwirtschaft in Afrika beitragen. Wir möchten die Sichtbarkeit afrikanischer Künstler erhöhen und die Freude am Hören und Spielen afrikanischer Musik in aller Welt fördern. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass diese Plattform Brücken baut, die einen Austausch der unterschiedlichen Akteure in der Musikbranche ermöglichen. Und hier meine ich nicht nur Musiker, sondern auch Musikkritiker und Journalisten, Wissenschaftler, Musikpädagogen und Verleger. Music in Africa lässt viele verschiedene auf Musik spezialisierte Netzwerke entstehen. Es bringt Akteure zusammen, begeistert sie und stößt gemeinsame Aktivitäten an.

Vielen Dank, Herr Hatitye! Wir wünschen Ihnen und der gesamten Plattform Music In Africa viel Erfolg.

Music In Africa ist eine gemeinsame Initiative des Goethe-Instituts und der Siemens Stiftung mit Partnern aus ganz Afrika. Seit ihrer Gründung im Juli 2013 ist die pan-afrikanische Stiftung Music In Africa Foundation für den Aufbau der Online-Plattform musicinafrica.net zuständig. Das Goethe-Institut und die Siemens Stiftung finanzieren und begleiten diesen Prozess. Langfristig wird die Music In Africa Foundation die Plattform in vollem Umfang eigenständig weiterführen.

„Unser Ziel ist es, alle wichtigen Aspekte der Musikszene in Afrika auf einer Plattform zusammenzubringen.“

Musik für mehr Toleranz und Offenheit - Ein Interview mit Adé Bantu
  • Grenzgänger, die zwischen Welten reisen: Adé Bantu mit seiner Band BANTU. Am 12. September waren sie auf dem Bürgerfest in Berlin zu hören.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Dani Rodriguez
Arbeitsbereich:
Kultur
Land/Region:
Afrika
Der nigerianisch-deutsche Musiker Adé Bantu.

Musik für mehr Toleranz und Offenheit: Ein Gespräch mit Ade Bantu

Am 12. September 2015 lud Bundespräsident Joachim Gauck zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue ein. Mit dabei war auf Einladung der Siemens Stiftung der nigerianisch-deutsche Musiker Adé Bantu. Mit seiner Band BANTU präsentierte er einen energiegeladenen Mix aus Afrofunk, Hiphop und Afrobeat. Ein Gespräch darüber, was Musik in einer Gesellschaft bewirken kann.

Adé, im Mittelpunkt des Bürgerfests in Berlin steht das Ehrenamt als wichtiger Teil der Zivilgesellschaft. Auch du engagierst dich mit deiner Musik auf vielfältige Weise. In Deutschland, wo du lange Zeit gelebt hast, ist den meisten die Initiative „Brothers Keepers“ bekannt, die du zusammen mit anderen Musikern im Jahr 2001 ins Leben gerufen hast – ein deutliches Statement gegen Fremdenfeindlichkeit und Aufruf zu mehr Toleranz und Offenheit. Nun lebst du seit einigen Jahren in Lagos. Wie engagierst du dich dort?

Die Situation in Nigeria ist schwierig. Die Terrorattacken von Boko Haram im Nordosten des Landes sind allgegenwärtig. Das konnten wir nicht einfach hinnehmen. Mit dem Projekt „Lagos-Kano Hiphop Connection“ wollten wir ein Zeichen setzen. Zusammen mit dem Goethe-Institut haben wir Workshops mit christlichen und muslimischen Musikern initiiert, um über Musik einen Dialog zu eröffnen, der hilft, bestehende Gräben abzubauen. Das hat viel Überzeugungskraft gebraucht. Doch am Ende hat es sich gelohnt: Nach langer Zeit konnten wir in Kano, im Norden des Landes, wieder ein gemeinsames Konzert von muslimischen und christlichen Musikern organisieren – mit großem Medienecho!

Das war 2012. Was ist seitdem passiert?

Leider gab es nach etwa einem halben Jahr am selben Ort eine Boko Haram-Attacke. Das war ein Rückschlag. Doch wir dürfen nicht aufgeben. Der afrikanische Geist – Offenheit und Toleranz – darf von Boko Haram nicht mit Füßen getreten werden. Zusammen mit Musikern und Aktivisten aus 12 westafrikanischen Ländern haben wir im Rahmen von „Artwatch Africa“ einen Song gegen Extremismus aufgenommen. „Droit de vivre" („Das Recht auf Leben“) wurde im März diesen Jahres veröffentlicht. Bald erscheint auch ein Video dazu, das wir in Hausa untertiteln, der Sprache, die in den Gebieten gesprochen wird, in denen das Terrorregime der Boko Haram am schlimmsten ist. Der Song soll die Menschen zum Nachdenken anregen und Mut machen, sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

Nun ist die Situation in Nigeria auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu der in Deutschland. Und doch engagierst du dich mit demselben Mittel: Musik.

Ja, wenn es darum geht, Menschen zu erreichen und zu motivieren, ist Musik oftmals das beste Mittel. Sie spricht Gefühle an, wie es Worte alleine nur schwer schaffen können. Mit meiner Musik will ich gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Wir Kreative sind dabei häufig sehr impulsiv und emotional, doch das verschafft uns oftmals mehr Gehör als politische Aktionen.

Warum tun das nicht mehr Musiker?

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. In Nigeria ist es zum Beispiel so: Viele junge Künstler sind abhängig von Sponsoren. Es gibt keine richtige Struktur in der Musikindustrie, keine richtigen Labels. Deswegen sind viele Musiker sehr vorsichtig, weil sie Angst haben, potenzielle Geldgeber zu verärgern. Sie wollen sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. – Bei mir ist das vielleicht etwas anders. Weil ich lange in Deutschland gelebt habe, bringe ich auch eine Art Tradition der Protestmusik mit, die gegenwärtige gesellschaftliche Probleme aufgreift und verarbeitet.

Was braucht es, um genau solche Musik zu stärken?

Vor allem zwei Dinge: Mut und Strukturen. Mit meinen Projekten, zum Beispiel mit der neuen Konzertreihe „Afropolitan Vibes“, versuche ich Musikern Mut zu machen, sich mit Musik gesellschaftspolitisch zu engagieren; nicht Mainstream zu sein. Strukturen in der Musikindustrie zu schaffen ist eine größere Aufgabe. Die neue Plattform „Music In Africa“ ist sicherlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Du warst bei der Gründungskonferenz von „Music In Africa“ dabei. Was gefällt dir an der jungen Musikplattform?

Die Online-Plattform erzählt die musikalische Geschichte Afrikas. Zum ersten Mal ist alles auf einer Plattform vereint, für alle zugänglich. Ich kenne auch einige der Autoren. Sie kommen direkt aus der jeweiligen Szene, über die sie schreiben. Das verleiht den Inhalten Authentizität, die ihresgleichen sucht – und stärkt die einzelnen Künstler, aber auch den Musiksektor als Ganzen.

Was bringst du mit, wenn du zum Bürgerfest nach Berlin kommst?

Zunächst einmal meine 13-köpfige Band – und natürlich viel Musik: eine Mischung aus Afrobeat, Afrohiphop, Highlife und Afrofunk. Wir arbeiten seit Jahren eng miteinander und sehen uns dabei als Grenzgänger, die zwischen den Welten reisen – mit offenen Augen und Sinnen. Berlin ist ein Abenteuer, auf das wir uns freuen!

Zu sehen ist Adé Bantu zusammen mit seiner Band BANTU am 12. September 2015 ab 16:20 Uhr auf der Hauptbühne im Park des Schlosses Bellevue. Der Eintritt ist frei.

Mehr Informationen zur Online-Plattform „Music In Africa“

Mehr zu Adé Bantu auf „Music In Africa“ (Biographie)

Mehr Informationen zur Band BANTU und Soundtracks

„Musik spricht Gefühle auf besondere Weise an und verschafft oftmals mehr Gehör als politische Aktionen.“

  • Grenzgänger, die zwischen Welten reisen: Adé Bantu mit seiner Band BANTU. Am 12. September waren sie auf dem Bürgerfest in Berlin zu hören.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Dani Rodriguez
Arbeitsbereich:
Kultur
Land/Region:
Afrika
Der nigerianisch-deutsche Musiker Adé Bantu.

Musik für mehr Toleranz und Offenheit: Ein Gespräch mit Ade Bantu

Am 12. September 2015 lud Bundespräsident Joachim Gauck zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue ein. Mit dabei war auf Einladung der Siemens Stiftung der nigerianisch-deutsche Musiker Adé Bantu. Mit seiner Band BANTU präsentierte er einen energiegeladenen Mix aus Afrofunk, Hiphop und Afrobeat. Ein Gespräch darüber, was Musik in einer Gesellschaft bewirken kann.

Adé, im Mittelpunkt des Bürgerfests in Berlin steht das Ehrenamt als wichtiger Teil der Zivilgesellschaft. Auch du engagierst dich mit deiner Musik auf vielfältige Weise. In Deutschland, wo du lange Zeit gelebt hast, ist den meisten die Initiative „Brothers Keepers“ bekannt, die du zusammen mit anderen Musikern im Jahr 2001 ins Leben gerufen hast – ein deutliches Statement gegen Fremdenfeindlichkeit und Aufruf zu mehr Toleranz und Offenheit. Nun lebst du seit einigen Jahren in Lagos. Wie engagierst du dich dort?

Die Situation in Nigeria ist schwierig. Die Terrorattacken von Boko Haram im Nordosten des Landes sind allgegenwärtig. Das konnten wir nicht einfach hinnehmen. Mit dem Projekt „Lagos-Kano Hiphop Connection“ wollten wir ein Zeichen setzen. Zusammen mit dem Goethe-Institut haben wir Workshops mit christlichen und muslimischen Musikern initiiert, um über Musik einen Dialog zu eröffnen, der hilft, bestehende Gräben abzubauen. Das hat viel Überzeugungskraft gebraucht. Doch am Ende hat es sich gelohnt: Nach langer Zeit konnten wir in Kano, im Norden des Landes, wieder ein gemeinsames Konzert von muslimischen und christlichen Musikern organisieren – mit großem Medienecho!

Das war 2012. Was ist seitdem passiert?

Leider gab es nach etwa einem halben Jahr am selben Ort eine Boko Haram-Attacke. Das war ein Rückschlag. Doch wir dürfen nicht aufgeben. Der afrikanische Geist – Offenheit und Toleranz – darf von Boko Haram nicht mit Füßen getreten werden. Zusammen mit Musikern und Aktivisten aus 12 westafrikanischen Ländern haben wir im Rahmen von „Artwatch Africa“ einen Song gegen Extremismus aufgenommen. „Droit de vivre" („Das Recht auf Leben“) wurde im März diesen Jahres veröffentlicht. Bald erscheint auch ein Video dazu, das wir in Hausa untertiteln, der Sprache, die in den Gebieten gesprochen wird, in denen das Terrorregime der Boko Haram am schlimmsten ist. Der Song soll die Menschen zum Nachdenken anregen und Mut machen, sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

Nun ist die Situation in Nigeria auf den ersten Blick sehr unterschiedlich zu der in Deutschland. Und doch engagierst du dich mit demselben Mittel: Musik.

Ja, wenn es darum geht, Menschen zu erreichen und zu motivieren, ist Musik oftmals das beste Mittel. Sie spricht Gefühle an, wie es Worte alleine nur schwer schaffen können. Mit meiner Musik will ich gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Wir Kreative sind dabei häufig sehr impulsiv und emotional, doch das verschafft uns oftmals mehr Gehör als politische Aktionen.

Warum tun das nicht mehr Musiker?

Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. In Nigeria ist es zum Beispiel so: Viele junge Künstler sind abhängig von Sponsoren. Es gibt keine richtige Struktur in der Musikindustrie, keine richtigen Labels. Deswegen sind viele Musiker sehr vorsichtig, weil sie Angst haben, potenzielle Geldgeber zu verärgern. Sie wollen sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. – Bei mir ist das vielleicht etwas anders. Weil ich lange in Deutschland gelebt habe, bringe ich auch eine Art Tradition der Protestmusik mit, die gegenwärtige gesellschaftliche Probleme aufgreift und verarbeitet.

Was braucht es, um genau solche Musik zu stärken?

Vor allem zwei Dinge: Mut und Strukturen. Mit meinen Projekten, zum Beispiel mit der neuen Konzertreihe „Afropolitan Vibes“, versuche ich Musikern Mut zu machen, sich mit Musik gesellschaftspolitisch zu engagieren; nicht Mainstream zu sein. Strukturen in der Musikindustrie zu schaffen ist eine größere Aufgabe. Die neue Plattform „Music In Africa“ ist sicherlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Du warst bei der Gründungskonferenz von „Music In Africa“ dabei. Was gefällt dir an der jungen Musikplattform?

Die Online-Plattform erzählt die musikalische Geschichte Afrikas. Zum ersten Mal ist alles auf einer Plattform vereint, für alle zugänglich. Ich kenne auch einige der Autoren. Sie kommen direkt aus der jeweiligen Szene, über die sie schreiben. Das verleiht den Inhalten Authentizität, die ihresgleichen sucht – und stärkt die einzelnen Künstler, aber auch den Musiksektor als Ganzen.

Was bringst du mit, wenn du zum Bürgerfest nach Berlin kommst?

Zunächst einmal meine 13-köpfige Band – und natürlich viel Musik: eine Mischung aus Afrobeat, Afrohiphop, Highlife und Afrofunk. Wir arbeiten seit Jahren eng miteinander und sehen uns dabei als Grenzgänger, die zwischen den Welten reisen – mit offenen Augen und Sinnen. Berlin ist ein Abenteuer, auf das wir uns freuen!

Zu sehen ist Adé Bantu zusammen mit seiner Band BANTU am 12. September 2015 ab 16:20 Uhr auf der Hauptbühne im Park des Schlosses Bellevue. Der Eintritt ist frei.

Mehr Informationen zur Online-Plattform „Music In Africa“

Mehr zu Adé Bantu auf „Music In Africa“ (Biographie)

Mehr Informationen zur Band BANTU und Soundtracks

„Musik spricht Gefühle auf besondere Weise an und verschafft oftmals mehr Gehör als politische Aktionen.“