• Im Schülerlabor lernen die geflüchteten Jugendlichen, Bakterien zu unterscheiden. Viele von ihnen streben später eine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung an.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Hochmoderne Ausstattung: Das Schülerlabor an der Europaschule Utbremen bietet beste Lernbedingungen.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Eine Fachbiologin unterstützt die Schüler mit praktischen Tipps.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Sie kamen ohne Sprachkenntnisse. Jetzt halten die Schüler die Ergebnisse der mikrobiologischen Schnelltests bereits schriftlich auf Deutsch fest.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Experimentieren ist Konzentration gefragt. Wer etwas nicht versteht, fragt auf Deutsch nach.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Warum färbt sich das Teststäbchen gelb? Lehrerin Yvonne Matzick erklärt den Aminopeptidasetest.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Erfolgreich im Team: Schulleiter Tobias Weigelt und seine Kolleginnen haben die Bildungsgänge für die Geflüchteten an ihrer Schule gemeinsam entwickelt.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Ihre geflüchteten Schüler sind Biologielehrerin Yvonne Matzick ans Herz gewachsen.

MINT-Bildung für Geflüchtete: Experimentieren hilft beim Verstehen

Am Schulzentrum Utbremen bereiten zwei Berufsorientierungsklassen in Naturwissenschaften und Informatik geflüchtete Jugendliche auf naturwissenschaftlich-technisch-Berufe vor. Lehrerin Yvonne Matzick ist von der Motivation ihrer Schüler begeistert.

Ihre Schüler stammen aus Syrien, Afghanistan oder afrikanischen Staaten, sprechen verschiedene Sprachen und verfügen über einen höchst unterschiedlichen Bildungsstand – wie gelingt unter diesen Voraussetzungen naturwissenschaftlicher Unterricht?

Yvonne Matzick: Wir unterrichten auf unterschiedlichen Niveaus und lassen die Schülerinnen und Schüler leistungsheterogen arbeiten. Dazu stellen wir die Arbeitsgruppen so zusammen, dass Stärkere und Schwächere voneinander profitieren. Diese erhalten mehr Zeit, den Wortschatz so zu entwickeln, dass sie dem Unterricht folgen können. Gut wird der Unterricht, wenn die Schüler miteinander arbeiten.

Was führt die Jugendlichen in die neuen, zweijährigen Bildungsgänge „Naturwissenschaften“ und „Informationsverarbeitung“ – eher der Zufall oder echtes Interesse an MINT-Bildung?

Einige haben großes Interesse an Naturwissenschaften, wollen beispielsweise Pharmazeutisch-Technische Assistenten werden. Andere sind hier, weil sie gehört haben, dass das eine gute Schule ist. Wir haben einen hohen Praxis- und Technikanteil, das macht insbesondere jungen Männern viel Spaß. Beim Experimentieren lernen sie die Theorie parallel mit und verstehen so viel besser, warum sie etwas tun.

Die geflüchteten Jugendlichen haben zum Teil Traumata erlitten, sind ohne ihre Familien in Deutschland. Können Sie trotz der schwierigen persönlichen Ausgangslage das Interesse der Schüler an Naturwissenschaften wecken?

Die Schüler beschäftigen sich sehr gerne mit Naturwissenschaften, weil sie beim Experimentieren nicht an ihre Traumata denken. Die meisten sind sehr zukunftsorientiert und wollen die Schule von ihrer Vergangenheit trennen. Wir geben den Schülern die Möglichkeit, über ihre Sorgen zu sprechen, das ist aber nur ein Angebot.

Welche Ziele verfolgen sie mit den neuen Bildungsgängen „Naturwissenschaften“ und „Informationsverarbeitung“?

Die beiden Bildungsgänge passen zum Profil unserer Schule. Die Curricula, die wir selbst entwickelt haben, bilden eine Schnittmenge für Jugendliche, die starken inhaltlichen Input brauchen und andere, die eher praktisch orientiert sind. Das Ziel ist eine sprachliche und berufsorientierte Grundbildung in naturwissenschaftlichen Fächern. Außerdem sollen die Schüler lernen, im Team an einer Aufgabe zu arbeiten.

Was sind die Inhalte des naturwissenschaftlichen Unterrichts?

Im ersten Jahr haben die Schüler nur Deutsch, Mathematik, Englisch und Sport. Im zweiten Jahr beginnen wir mit der Einführung in die Laborarbeit. Da haben wir uns anfangs mit Händen und Füßen verständigt. Oder ich habe Gegenstände einfach an die Tafel gemalt. Die erste inhaltliche Einheit dreht sich um den Menschen – Ernährung, Gesundheit, die Sinne. Danach behandeln wir das Thema Mikrobiologie. Dabei geht es um Hygiene und um Krankheiten.  

Mit welchen Methoden und Unterrichtsmaterialien arbeiten Sie?

Ich unterrichte hypothesengeleitet. Das heißt, ich stelle im Vorfeld eine Frage, damit die Schüler die Zusammenhänge besser verstehen. Zum Beispiel: Theo ist krank. Was muss der Arzt wissen, um ihm helfen zu können? Ich lasse die Schüler immer in Gruppen arbeiten. Sie müssen etwas lesen, darüber sprechen und Handlungen untereinander koordinieren. Die Verbrauchsmaterialien kaufen wir zum Teil von der Zuwendung der Siemens Stiftung. Darüber hinaus nutze ich gerne Materialien aus dem Medienportal der Stiftung, weil diese als Word-Dokument zur Verfügung stehen und ich sie mit geringen sprachlichen Anpassungen gut verwenden kann.

Die Siemens Stiftung verfolgt zunehmend den Ansatz, MINT-Bildung und Werte zu verknüpfen. Spielt das in Ihrem Unterricht auch eine Rolle?

Die Sensibilisierung für Werte wie Umweltschutz finden die Jugendlichen sehr spannend. Nehmen Sie das Beispiel Mülltrennung oder Recycling – das kennen sie in dieser Form von zu Hause nicht. Untereinander gingen die Jugendlichen von Anfang an gut und wertschätzend miteinander um. Da musste ich gar nicht vermitteln.

Kann naturwissenschaftlich-technische Bildung nach Ihrer Einschätzung zur Integration von geflüchteten Jugendlichen beitragen?

Die Welt ist so stark durch MINT geprägt, dass ein Grundwissen in diesem Bereich den Jugendlichen die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht. Beispielsweise erhalten sie Zugang zu technischen Ausbildungsberufen. Dennoch ist es ein weiter Weg für die Schüler, anzukommen und sich zu Hause zu fühlen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie geht es mit Ihrem Projekt weiter?

Wir werden im nächsten Schuljahr wieder eine Vorklasse und zwei Berufsorientierungsklassen haben. Außerdem hat Bremen das Programm „Bremer Integrationsqualifizierung“ (BIG) entwickelt. Eine solche BIG-Klasse werden wir auch bekommen.

Und Ihre Schüler – schmieden sie auch schon konkrete Pläne?

Sie sind alle hochmotiviert, den Schulabschluss zu schaffen. Einige haben bereits eine Lehrstelle ergattert. Und einige möchten gerne eines Tage in ihre Heimat zurückkehren, um beim Wiederaufbau zu helfen. Sie sagen sich: Wenn ich zum Beispiel Elektriker bin, kann ich etwas Sinnvolles beitragen.

„Die Schüler denken beim Experimentieren nicht an ihre Traumata. Die meisten sind sehr zukunftsorientiert und wollen die Schule von ihrer Vergangenheit trennen.“



Schriftenreihe MINT-EC

Wie Integration durch naturwissenschaftliche Projekte gelingen kann, dokumentiert die aktuelle Schriftenreihe von MINT-EC. Unter dem Titel „Integration von geflüchteten Kindern und Jugendlichen in den Schulalltag“ bieten 26 Reportagen über sehr unterschiedliche Projektansätze und Interviews mit den Beteiligten Einblicke in die Praxis.

Aktuelle Ausgabe herunterladen

MINTegration – Interview mit Jörg Haas
  • Gemeinsam überlegen die Tutoren, wie sie die Grundschüler unterstützen können.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Gut betreut: Grundschülerin Victoria mit ihren Tutoren.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Ausfüllen der Arbeitsblätter stehen die Tutoren mit Rat und Tat zur Seite.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Hört, hört: Beim „Richtungshören“ lernt Victoria, dass unser Gehirn bestimmte Geräusche filtern kann.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • „Die Kinder hatten richtig Spaß“, erzählt Lehrer Jörg Haas.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Farbensehen: Durch bunte Brillen sieht die Welt ganz anders aus.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Der Macher von „MINTegration“: Lehrer Jörg Haas

MINTegration – Ein MINT-Bildungsprojekt für Übergangsklassen

Experimentieren und dabei ins Gespräch kommen: So lautet das Ziel von MINTegration, einer naturwissenschaftlichen Workshopreihe für geflüchtete Kinder am Jakob-Fugger-Gymnasium in Augsburg. Mit seinem schularten- und fächerübergreifenden Projekt betrat Physik- und Mathematiklehrer Jörg Haas Neuland.

Ein MINT-Bildungsprojekt für geflüchtete Kinder – wie kamen Sie auf die Idee?

JÖRG HAAS: Die Siemens Stiftung hatte MINT-EC-Schulen angeboten, sie bei der Integration von Flüchtlingskindern zu unterstützen. In den Übergangsklassen der Grundschulen in Bayern werden die Kinder intensiv in Deutsch unterrichtet. Die Naturwissenschaften fehlen da nahezu komplett. Ich wollte den Schülern einfach die Gelegenheit geben, in die Naturwissenschaften hinein zu schnuppern.

Worin sehen Sie das Potenzial naturwissenschaftlich-technischer Bildung für die Integration von Geflüchteten?

HAAS: Unser Projekt hatte das Ziel, über die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen den Spracherwerb zu festigen. Ganz nebenbei wollten wir den geflüchteten Kindern auch das Jakob-Fugger-Gymnasium Augsburg als Beispiel für eine weiterführende Schule zeigen, die als Bildungsziel das Abitur hat. Ein Großteil unserer Tutoren besitzt selbst einen Migrationshintergrund – sie waren für die Grundschüler tolle Vorbilder gelungener Integration.

Wie liefen die Workshops ab?

HAAS: Die Workshops waren pro Übergangsklasse auf vier Nachmittage verteilt. Als erstes haben wir gemeinsam in der Mensa zu Mittag gegessen. Gestartet haben wir dann immer mit einem Spiel – da wurde am Anfang schon viel gelacht. Dann ging es mit den Experimenten los. Anschließend mussten die Kinder mit Hilfe ihrer Tutoren die Ergebnisse auf Arbeitsblättern festhalten.

Welche Experimente haben die Kinder kennengelernt?

HAAS: Wir haben zu Themen wie Körper und Sinneswahrnehmungen, Stromkreis und Energie, Wasser und Filterung experimentiert. Dazu gehörten etwa die Zitronenbatterie, das Richtungshören, Leiter und Nichtleiter oder das Filtern von Wasser. Die Versuche stammten zum Großteil aus dem Experimento-Kasten der Siemens Stiftung.

Wie sah das sprachsensible Unterrichtsmaterial aus?

HAAS: Wir hatten jeweils ein Vokabelblatt mit Fotos und den passenden Fachwörtern auf Deutsch, jeweils in der Einzahl und im Plural und mit dem dazugehörigen Begleiter. So lernen die Kinder die Wörter gleich vollständig. Zu jedem Wort mussten die Kinder einen Satz schreiben.

Kam das Projekt bei den Schülern gut an?

HAAS: Viele der Grundschüler waren noch nie mit der experimentellen Herangehensweise an Naturwissenschaften in Berührung gekommen. Für sie war es ein überraschender Effekt, dass man etwa mit einer Zitrone ein Lämpchen zum Leuchten bringen kann. Das hat den Kindern gefallen.

Sie konnten also das Interesse der Kinder an den Naturwissenschaften wecken!

HAAS: In jedem Fall haben wir die Lust am Experimentieren geweckt. Wir haben gespürt, dass die Kinder richtig Spaß hatten und immer wieder gerne gekommen sind.

Hat Sie das Projekt auch persönlich weitergebracht?

HAAS: Wir hatten rund zehn verschiedene Sprachen hier vertreten, die ich zum Teil noch nicht kannte. Meine Fächer „sprachsensibel“ zu unterrichten, war für mich ebenfalls neu. Mein persönliches Highlight bestand aber darin, zu sehen, mit welcher Empathie unsere Tutoren mit den Kindern umgehen. Sie haben beim Experimentieren zusammen gelacht und hatten Spaß. Das war sehr ergreifend.

Planen Sie eine Fortsetzung des Projektes?

HAAS: Im zweiten Halbjahr werden wir noch eine Workshopreihe anbieten. Ab September ist am Lehrstuhl für Physikdidaktik der Universität Augsburg ein Seminar zu unserem Projekt geplant. Darin sollen Schüler die Rolle des Lehrers übernehmen. Die Methode heißt „Lernen durch Lehren“.

Würden Sie Ihr Konzept auch mit anderen Interessenten teilen?

HAAS: Selbstverständlich! Unser Konzept geben wir gerne an andere Schulen weiter. Die Materialien liegen in editierbaren Versionen vor, die auch einfach angepasst werden können. Man könnte also sofort loslegen!

„Die Kinder hatten richtig Spaß.“

  • Gemeinsam überlegen die Tutoren, wie sie die Grundschüler unterstützen können.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Gut betreut: Grundschülerin Victoria mit ihren Tutoren.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Ausfüllen der Arbeitsblätter stehen die Tutoren mit Rat und Tat zur Seite.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Hört, hört: Beim „Richtungshören“ lernt Victoria, dass unser Gehirn bestimmte Geräusche filtern kann.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • „Die Kinder hatten richtig Spaß“, erzählt Lehrer Jörg Haas.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Farbensehen: Durch bunte Brillen sieht die Welt ganz anders aus.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Der Macher von „MINTegration“: Lehrer Jörg Haas

MINTegration – Ein MINT-Bildungsprojekt für Übergangsklassen

Experimentieren und dabei ins Gespräch kommen: So lautet das Ziel von MINTegration, einer naturwissenschaftlichen Workshopreihe für geflüchtete Kinder am Jakob-Fugger-Gymnasium in Augsburg. Mit seinem schularten- und fächerübergreifenden Projekt betrat Physik- und Mathematiklehrer Jörg Haas Neuland.

Ein MINT-Bildungsprojekt für geflüchtete Kinder – wie kamen Sie auf die Idee?

JÖRG HAAS: Die Siemens Stiftung hatte MINT-EC-Schulen angeboten, sie bei der Integration von Flüchtlingskindern zu unterstützen. In den Übergangsklassen der Grundschulen in Bayern werden die Kinder intensiv in Deutsch unterrichtet. Die Naturwissenschaften fehlen da nahezu komplett. Ich wollte den Schülern einfach die Gelegenheit geben, in die Naturwissenschaften hinein zu schnuppern.

Worin sehen Sie das Potenzial naturwissenschaftlich-technischer Bildung für die Integration von Geflüchteten?

HAAS: Unser Projekt hatte das Ziel, über die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen den Spracherwerb zu festigen. Ganz nebenbei wollten wir den geflüchteten Kindern auch das Jakob-Fugger-Gymnasium Augsburg als Beispiel für eine weiterführende Schule zeigen, die als Bildungsziel das Abitur hat. Ein Großteil unserer Tutoren besitzt selbst einen Migrationshintergrund – sie waren für die Grundschüler tolle Vorbilder gelungener Integration.

Wie liefen die Workshops ab?

HAAS: Die Workshops waren pro Übergangsklasse auf vier Nachmittage verteilt. Als erstes haben wir gemeinsam in der Mensa zu Mittag gegessen. Gestartet haben wir dann immer mit einem Spiel – da wurde am Anfang schon viel gelacht. Dann ging es mit den Experimenten los. Anschließend mussten die Kinder mit Hilfe ihrer Tutoren die Ergebnisse auf Arbeitsblättern festhalten.

Welche Experimente haben die Kinder kennengelernt?

HAAS: Wir haben zu Themen wie Körper und Sinneswahrnehmungen, Stromkreis und Energie, Wasser und Filterung experimentiert. Dazu gehörten etwa die Zitronenbatterie, das Richtungshören, Leiter und Nichtleiter oder das Filtern von Wasser. Die Versuche stammten zum Großteil aus dem Experimento-Kasten der Siemens Stiftung.

Wie sah das sprachsensible Unterrichtsmaterial aus?

HAAS: Wir hatten jeweils ein Vokabelblatt mit Fotos und den passenden Fachwörtern auf Deutsch, jeweils in der Einzahl und im Plural und mit dem dazugehörigen Begleiter. So lernen die Kinder die Wörter gleich vollständig. Zu jedem Wort mussten die Kinder einen Satz schreiben.

Kam das Projekt bei den Schülern gut an?

HAAS: Viele der Grundschüler waren noch nie mit der experimentellen Herangehensweise an Naturwissenschaften in Berührung gekommen. Für sie war es ein überraschender Effekt, dass man etwa mit einer Zitrone ein Lämpchen zum Leuchten bringen kann. Das hat den Kindern gefallen.

Sie konnten also das Interesse der Kinder an den Naturwissenschaften wecken!

HAAS: In jedem Fall haben wir die Lust am Experimentieren geweckt. Wir haben gespürt, dass die Kinder richtig Spaß hatten und immer wieder gerne gekommen sind.

Hat Sie das Projekt auch persönlich weitergebracht?

HAAS: Wir hatten rund zehn verschiedene Sprachen hier vertreten, die ich zum Teil noch nicht kannte. Meine Fächer „sprachsensibel“ zu unterrichten, war für mich ebenfalls neu. Mein persönliches Highlight bestand aber darin, zu sehen, mit welcher Empathie unsere Tutoren mit den Kindern umgehen. Sie haben beim Experimentieren zusammen gelacht und hatten Spaß. Das war sehr ergreifend.

Planen Sie eine Fortsetzung des Projektes?

HAAS: Im zweiten Halbjahr werden wir noch eine Workshopreihe anbieten. Ab September ist am Lehrstuhl für Physikdidaktik der Universität Augsburg ein Seminar zu unserem Projekt geplant. Darin sollen Schüler die Rolle des Lehrers übernehmen. Die Methode heißt „Lernen durch Lehren“.

Würden Sie Ihr Konzept auch mit anderen Interessenten teilen?

HAAS: Selbstverständlich! Unser Konzept geben wir gerne an andere Schulen weiter. Die Materialien liegen in editierbaren Versionen vor, die auch einfach angepasst werden können. Man könnte also sofort loslegen!

„Die Kinder hatten richtig Spaß.“

MINTogether – Interview mit Paul Feltes und Marc Büssing
  • Mädchen fühlen sich vom Projekt „MINTogether“ am Gymnasium Frechen besonders angesprochen.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Experiment geglückt: Stolz beobachten die Jugendlichen ihre Solarkatamarane im Wasser.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Solarzellen und Rotoren treiben die Katamarane an.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Physiklehrer Marc Büssing, der gemeinsam mit Paul Feltes das Projekt verantwortet, lässt die geflüchteten Jugendlichen Dinge selbst herausfinden.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Das Raketenauto fährt auch mit Luftballonantrieb.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Experimentieren ist Konzentration gefragt.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Den Schwierigkeitsgrad ihrer Projekte bestimmen die Schüler selbst. Lehrer Marc Büssing gibt Anregungen.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Schrauben, Hämmern und Bohren kommen die Teilnehmer am Projekt „MINTogether“ ohne viele Worte aus.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Experimentieren für Fortgeschrittene: Die technischen Projekte sind selbstdifferenzierend und beliebig erweiterbar.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Übertragen der Konstruktionsskizzen auf Holz kommt es auf Genauigkeit an.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Physiklehrer Paul Feltes möchte den geflüchteten Jugendlichen berufsbezogene technische Kenntnisse vermitteln.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Mit Liebe zum Detail: Die geflüchteten Schüler erhalten viel Freiraum zur kreativen Gestaltung ihrer Modelle.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Verschafft Geflüchteten Erfolgserlebnisse: Paul Feltes, Physiklehrer am Gymnasium in Frechen.

Selbstvertrauen stärken – Perspektiven schaffen

Die Physiklehrer Paul Feltes und Marc Büssing vom Gymnasium in Frechen wagten selbst ein Experiment, als sie das Projekt „MINTogether“ für geflüchtete Jugendliche ins Leben riefen. Einmal in der Woche tauchen sie gemeinsam mit ihnen in die Welt der Naturwissenschaften und Technik ein. Bei dem freiwilligen Unterrichtsangebot schrauben die Jugendlichen Bausätze für Solarautos oder Windkraftanlagen zusammen und erhalten so spielerisch berufsbezogene technische Kenntnisse. Vorurteile und sprachliche Barrieren verlieren beim gemeinsamen Experimentieren und Bauen an Bedeutung.

Sie fördern Jugendliche, die noch kaum Deutsch sprechen, ausgerechnet mit einem Technik-Projekt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Marc Büssing: Im Regelunterricht haben die geflüchteten Jugendlichen häufig große Probleme. Viele wirken frustriert und niedergeschlagen, weil sie inhaltlich nicht mitkommen. Wir dachten uns: Die brauchen dringend Erfolgserlebnisse. Das war der Startpunkt. Das Experimentieren ist für die Schüler ein verbindendes Element. Die Sprache spielt da eine untergeordnete Rolle. Wir schaffen das auch ohne viele Worte.

Paul Feltes: Nach den Sommerferien 2015 befand sich plötzlich ein Zeltlager in unserer Turnhalle. Täglich begegneten wir auf dem Schulhof Menschen, die geflüchtet waren. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Wir überlegten: Was können wir für die Kinder tun? Da kam das Angebot der Siemens Stiftung, Projekte im MINT-Bereich zu fördern. Von da an ging alles sehr schnell. Zur Sprachbarriere: Am Anfang sprach keines der Kinder Deutsch. Deshalb haben wir zuerst Bilder von den Werkzeugen gemacht und darunter geschrieben, wie sie heißen. Inzwischen verständigen wir uns ganz gut.

Wer kommt denn zu Ihnen in den Unterricht?

Paul Feltes: Es nehmen immer zehn bis 15 geflüchtete Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren unterschiedlichster Nationalitäten teil. Dazu kommen drei bis vier deutsche Schüler als Helfer. Sie wechseln sich ab, damit sie im Regelunterricht nicht zu viel versäumen.

Marc Büssing: Wir verstehen das Projekt auch als Maßnahme zur Begabtenförderung. Deshalb nehmen vor allem bessere deutsche Schüler teil.

Und wie läuft der Unterricht praktisch ab?

Paul Feltes: Die Jugendlichen basteln anhand von Bausätzen beispielsweise ein Solarboot. Dabei orientieren sie sich an Bildern und Konstruktionsskizzen. Die technischen Anforderungen lassen sich im Anspruch unterschiedlich gestalten und steigern. Manche Schüler möchten nur einen Holzwagen mit Luftballonantrieb bauen, andere statten diesen mit Solarzelle und Rotor aus. Alle Angebote gibt es in verschiedenen technischen Schwierigkeitsgraden – ein hervorragender Transfereffekt.  

Marc Büssing: Viele Projekte sind selbstdifferenzierend. Wer sich zum Beispiel gleich zwei Solarzellen nimmt, muss selbst herausfinden, wie er diese verschaltet.  

Ihre Unterrichtsmethode ist also das entdeckende Lernen?

Marc Büssing: Genau! Wir verfolgen einen handlungsorientierten Ansatz. Der Unterricht soll vor allem spannend sein. Wichtig ist die Identifikation mit dem Lernprodukt, deshalb bekommen die Schüler auch viel Freiraum zur kreativen Gestaltung ihrer Modelle. Die Motivation muss aus den Dingen kommen, die die Schüler anfertigen.  

Was möchten Sie mit dem Projekt erreichen?

Paul Feltes: Vor allen Dingen wollen wir den geflüchteten Jugendlichen Erfolgserlebnisse verschaffen und ihr Selbstvertrauen stärken. Sprachförderung, Berufsorientierung und der Abbau von Vorurteilen – all das dient letztlich der Integration der Flüchtlinge in Deutschland.  

Marc Büssing: Auch die MINT-Förderung von Mädchen ist ein wichtiger Aspekt. Sie fühlen sich von unserem Projekt besonders angesprochen.

Bringen die Jugendlichen denn schon Vorkenntnisse in Naturwissenschaften und Technik mit?

Marc Büssing: Die sind sehr unterschiedlich. Teilweise kommen die Kinder aus Akademikerhaushalten. Andere haben wenig Vorbildung. Handwerklich sind einige Schüler topfit.

Und wie kommt das Projekt bei den Kindern an?

Paul Feltes: Sie studieren mit leuchtenden Augen die Anleitungen zu den Bausätzen. Wenn sie zum Beispiel eine Konstruktionsskizze auf Holz übertragen sollen, dann tun sie das mit einer Hingabe, dass es eine Freude ist. Ich sehe unsere Jugendlichen an und glaube zu wissen, wie sie sich fühlen.

Marc Büssing: Wir als Lehrer haben von Anfang an eine riesige Wertschätzung erfahren. Das ist wirklich gut für die Seele. Aber auch bei den Schülern stellen wir Fortschritte fest. Manche engagieren sich sehr in dem Projekt, sie leben regelrecht auf und werden zu echten Experten. Ich denke da an ein Mädchen, das anfangs in sich gekehrt wirkte und ganz alleine zu uns kam. Inzwischen hilft sie sogar anderen, wenn die nicht weiterkommen.  

Sind Sie auch schon an Grenzen gestoßen?

Marc Büssing: Ja, wir haben mal versucht, digitale Bildungsinhalte zu vermitteln: Die Schüler sollten mit einer visuellen Programmiersprache etwas programmieren. Aber das war ihnen zu abstrakt. Geräte wie Smartphones oder Computer kennen viele der geflüchteten Jugendlichen offenbar nicht als Arbeitsmedium.

Paul Feltes: Am Anfang wollte ich den Kindern anhand einer Lichterkette erst einmal Parallel- und Reihenschaltung beibringen. Das habe ich schnell aufgegeben (lacht). Dann haben wir ihnen 40 Kabel und eine Hand voll Lämpchen in die Hand gedrückt und gesagt: Bringt das mal zum Leuchten. Und das hat geklappt!

Die naturwissenschaftlich-technische Bildung besitzt ja offensichtlich Potenzial bei der Förderung von geflüchteten Kindern. Worin besteht das?


Marc Büssing: Wir sind mit unserem Projekt so etwas wie ein Anker für die Schüler. Bei „MINTogether“ sind die geflüchteten Jugendlichen mal in der Mehrzahl und können auf einmal glänzen. Sie helfen anderen, mit dem Bohrer umzugehen, sie hämmern und sägen. Hier sind sie plötzlich jemand.

Paul Feltes: Ich sehe das Potenzial vor allem in der Zukunft. Wir vermitteln den Jugendlichen berufsbezogene technische und sprachliche Kenntnisse. Später würden wir sie gerne in reguläre Ausbildungsbetriebe vermitteln. So weit sind wir aber noch nicht.

Die Siemens Stiftung möchte MINT-Bildung und die Vermittlung von Werten stärker verknüpfen. Verfolgen auch Sie diesen Ansatz?

Marc Büssing: An unserem Projekt beteiligen sich neben den geflüchteten Jugendlichen ja auch deutsche Regelschüler. Das ist eine große Bereicherung und eine tolle Möglichkeit, beide Gruppen zusammenzubringen und Vorurteile abzubauen. Inzwischen umarmen sich die Schüler nach der Stunde zum Abschied. Aber auch inhaltlich vermitteln wir den Schülern mit unseren Projekten Werte. Wir haben uns auf die Erneuerbaren Energien fokussiert, um die Kinder für einen verantwortungsvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu sensibilisieren.

Das klingt ambitioniert. Hat Sie das Projekt denn auch persönlich weitergebracht?

Marc Büssing: Die extreme Heterogenität der Gruppe ist schon eine pädagogische Herausforderung. Im Gegenzug durften wir großen Respekt und Dankbarkeit erfahren. Für mich persönlich ist es schön zu sehen, wie die geflüchteten Jugendlichen mit den deutschen Schülern ganz unbefangen zusammenarbeiten. Diese positiven Erfahrungen nehmen sie hoffentlich auch mit nach Hause.
 
Paul Feltes: Für uns als Gymnasiallehrer war der Umgang mit den geflüchteten Schülern ohne Deutschkenntnisse eine völlig neue Situation. Sich spontan darauf einzulassen, das habe ich als spannende Herausforderung erlebt.  

Das Motto „MINTogether“ trifft ja auch auf Sie beide zu...

Marc Büssing: Als Team hat uns das Projekt unheimlich weitergebracht. Es ist von großem Vorteil, dass wir den Unterricht zu zweit machen können. Wir empfinden es als wichtiges Zeichen von Wertschätzung seitens der Schulleitung, dass sie uns beiden das Projekt voll anrechnet.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Paul Feltes: Wir würden das Projekt gerne in der bewährten Form fortführen. In einem weiteren Schritt möchten wir auch Nachbarschulen und Unternehmen in der Region einbeziehen. Um den Schülern langfristig eine berufliche Perspektive zu bieten, wenn das ihr Aufenthaltsstatus erlaubt.

„Das Experimentieren ist für die Schüler ein verbindendes Element. Wir schaffen das auch ohne viele Worte.“

  • Mädchen fühlen sich vom Projekt „MINTogether“ am Gymnasium Frechen besonders angesprochen.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Experiment geglückt: Stolz beobachten die Jugendlichen ihre Solarkatamarane im Wasser.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Solarzellen und Rotoren treiben die Katamarane an.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Physiklehrer Marc Büssing, der gemeinsam mit Paul Feltes das Projekt verantwortet, lässt die geflüchteten Jugendlichen Dinge selbst herausfinden.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Das Raketenauto fährt auch mit Luftballonantrieb.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Experimentieren ist Konzentration gefragt.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Den Schwierigkeitsgrad ihrer Projekte bestimmen die Schüler selbst. Lehrer Marc Büssing gibt Anregungen.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Schrauben, Hämmern und Bohren kommen die Teilnehmer am Projekt „MINTogether“ ohne viele Worte aus.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Experimentieren für Fortgeschrittene: Die technischen Projekte sind selbstdifferenzierend und beliebig erweiterbar.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Beim Übertragen der Konstruktionsskizzen auf Holz kommt es auf Genauigkeit an.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Physiklehrer Paul Feltes möchte den geflüchteten Jugendlichen berufsbezogene technische Kenntnisse vermitteln.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
  • Mit Liebe zum Detail: Die geflüchteten Schüler erhalten viel Freiraum zur kreativen Gestaltung ihrer Modelle.
    © Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Verschafft Geflüchteten Erfolgserlebnisse: Paul Feltes, Physiklehrer am Gymnasium in Frechen.

Selbstvertrauen stärken – Perspektiven schaffen

Die Physiklehrer Paul Feltes und Marc Büssing vom Gymnasium in Frechen wagten selbst ein Experiment, als sie das Projekt „MINTogether“ für geflüchtete Jugendliche ins Leben riefen. Einmal in der Woche tauchen sie gemeinsam mit ihnen in die Welt der Naturwissenschaften und Technik ein. Bei dem freiwilligen Unterrichtsangebot schrauben die Jugendlichen Bausätze für Solarautos oder Windkraftanlagen zusammen und erhalten so spielerisch berufsbezogene technische Kenntnisse. Vorurteile und sprachliche Barrieren verlieren beim gemeinsamen Experimentieren und Bauen an Bedeutung.

Sie fördern Jugendliche, die noch kaum Deutsch sprechen, ausgerechnet mit einem Technik-Projekt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Marc Büssing: Im Regelunterricht haben die geflüchteten Jugendlichen häufig große Probleme. Viele wirken frustriert und niedergeschlagen, weil sie inhaltlich nicht mitkommen. Wir dachten uns: Die brauchen dringend Erfolgserlebnisse. Das war der Startpunkt. Das Experimentieren ist für die Schüler ein verbindendes Element. Die Sprache spielt da eine untergeordnete Rolle. Wir schaffen das auch ohne viele Worte.

Paul Feltes: Nach den Sommerferien 2015 befand sich plötzlich ein Zeltlager in unserer Turnhalle. Täglich begegneten wir auf dem Schulhof Menschen, die geflüchtet waren. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Wir überlegten: Was können wir für die Kinder tun? Da kam das Angebot der Siemens Stiftung, Projekte im MINT-Bereich zu fördern. Von da an ging alles sehr schnell. Zur Sprachbarriere: Am Anfang sprach keines der Kinder Deutsch. Deshalb haben wir zuerst Bilder von den Werkzeugen gemacht und darunter geschrieben, wie sie heißen. Inzwischen verständigen wir uns ganz gut.

Wer kommt denn zu Ihnen in den Unterricht?

Paul Feltes: Es nehmen immer zehn bis 15 geflüchtete Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren unterschiedlichster Nationalitäten teil. Dazu kommen drei bis vier deutsche Schüler als Helfer. Sie wechseln sich ab, damit sie im Regelunterricht nicht zu viel versäumen.

Marc Büssing: Wir verstehen das Projekt auch als Maßnahme zur Begabtenförderung. Deshalb nehmen vor allem bessere deutsche Schüler teil.

Und wie läuft der Unterricht praktisch ab?

Paul Feltes: Die Jugendlichen basteln anhand von Bausätzen beispielsweise ein Solarboot. Dabei orientieren sie sich an Bildern und Konstruktionsskizzen. Die technischen Anforderungen lassen sich im Anspruch unterschiedlich gestalten und steigern. Manche Schüler möchten nur einen Holzwagen mit Luftballonantrieb bauen, andere statten diesen mit Solarzelle und Rotor aus. Alle Angebote gibt es in verschiedenen technischen Schwierigkeitsgraden – ein hervorragender Transfereffekt.  

Marc Büssing: Viele Projekte sind selbstdifferenzierend. Wer sich zum Beispiel gleich zwei Solarzellen nimmt, muss selbst herausfinden, wie er diese verschaltet.  

Ihre Unterrichtsmethode ist also das entdeckende Lernen?

Marc Büssing: Genau! Wir verfolgen einen handlungsorientierten Ansatz. Der Unterricht soll vor allem spannend sein. Wichtig ist die Identifikation mit dem Lernprodukt, deshalb bekommen die Schüler auch viel Freiraum zur kreativen Gestaltung ihrer Modelle. Die Motivation muss aus den Dingen kommen, die die Schüler anfertigen.  

Was möchten Sie mit dem Projekt erreichen?

Paul Feltes: Vor allen Dingen wollen wir den geflüchteten Jugendlichen Erfolgserlebnisse verschaffen und ihr Selbstvertrauen stärken. Sprachförderung, Berufsorientierung und der Abbau von Vorurteilen – all das dient letztlich der Integration der Flüchtlinge in Deutschland.  

Marc Büssing: Auch die MINT-Förderung von Mädchen ist ein wichtiger Aspekt. Sie fühlen sich von unserem Projekt besonders angesprochen.

Bringen die Jugendlichen denn schon Vorkenntnisse in Naturwissenschaften und Technik mit?

Marc Büssing: Die sind sehr unterschiedlich. Teilweise kommen die Kinder aus Akademikerhaushalten. Andere haben wenig Vorbildung. Handwerklich sind einige Schüler topfit.

Und wie kommt das Projekt bei den Kindern an?

Paul Feltes: Sie studieren mit leuchtenden Augen die Anleitungen zu den Bausätzen. Wenn sie zum Beispiel eine Konstruktionsskizze auf Holz übertragen sollen, dann tun sie das mit einer Hingabe, dass es eine Freude ist. Ich sehe unsere Jugendlichen an und glaube zu wissen, wie sie sich fühlen.

Marc Büssing: Wir als Lehrer haben von Anfang an eine riesige Wertschätzung erfahren. Das ist wirklich gut für die Seele. Aber auch bei den Schülern stellen wir Fortschritte fest. Manche engagieren sich sehr in dem Projekt, sie leben regelrecht auf und werden zu echten Experten. Ich denke da an ein Mädchen, das anfangs in sich gekehrt wirkte und ganz alleine zu uns kam. Inzwischen hilft sie sogar anderen, wenn die nicht weiterkommen.  

Sind Sie auch schon an Grenzen gestoßen?

Marc Büssing: Ja, wir haben mal versucht, digitale Bildungsinhalte zu vermitteln: Die Schüler sollten mit einer visuellen Programmiersprache etwas programmieren. Aber das war ihnen zu abstrakt. Geräte wie Smartphones oder Computer kennen viele der geflüchteten Jugendlichen offenbar nicht als Arbeitsmedium.

Paul Feltes: Am Anfang wollte ich den Kindern anhand einer Lichterkette erst einmal Parallel- und Reihenschaltung beibringen. Das habe ich schnell aufgegeben (lacht). Dann haben wir ihnen 40 Kabel und eine Hand voll Lämpchen in die Hand gedrückt und gesagt: Bringt das mal zum Leuchten. Und das hat geklappt!

Die naturwissenschaftlich-technische Bildung besitzt ja offensichtlich Potenzial bei der Förderung von geflüchteten Kindern. Worin besteht das?


Marc Büssing: Wir sind mit unserem Projekt so etwas wie ein Anker für die Schüler. Bei „MINTogether“ sind die geflüchteten Jugendlichen mal in der Mehrzahl und können auf einmal glänzen. Sie helfen anderen, mit dem Bohrer umzugehen, sie hämmern und sägen. Hier sind sie plötzlich jemand.

Paul Feltes: Ich sehe das Potenzial vor allem in der Zukunft. Wir vermitteln den Jugendlichen berufsbezogene technische und sprachliche Kenntnisse. Später würden wir sie gerne in reguläre Ausbildungsbetriebe vermitteln. So weit sind wir aber noch nicht.

Die Siemens Stiftung möchte MINT-Bildung und die Vermittlung von Werten stärker verknüpfen. Verfolgen auch Sie diesen Ansatz?

Marc Büssing: An unserem Projekt beteiligen sich neben den geflüchteten Jugendlichen ja auch deutsche Regelschüler. Das ist eine große Bereicherung und eine tolle Möglichkeit, beide Gruppen zusammenzubringen und Vorurteile abzubauen. Inzwischen umarmen sich die Schüler nach der Stunde zum Abschied. Aber auch inhaltlich vermitteln wir den Schülern mit unseren Projekten Werte. Wir haben uns auf die Erneuerbaren Energien fokussiert, um die Kinder für einen verantwortungsvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu sensibilisieren.

Das klingt ambitioniert. Hat Sie das Projekt denn auch persönlich weitergebracht?

Marc Büssing: Die extreme Heterogenität der Gruppe ist schon eine pädagogische Herausforderung. Im Gegenzug durften wir großen Respekt und Dankbarkeit erfahren. Für mich persönlich ist es schön zu sehen, wie die geflüchteten Jugendlichen mit den deutschen Schülern ganz unbefangen zusammenarbeiten. Diese positiven Erfahrungen nehmen sie hoffentlich auch mit nach Hause.
 
Paul Feltes: Für uns als Gymnasiallehrer war der Umgang mit den geflüchteten Schülern ohne Deutschkenntnisse eine völlig neue Situation. Sich spontan darauf einzulassen, das habe ich als spannende Herausforderung erlebt.  

Das Motto „MINTogether“ trifft ja auch auf Sie beide zu...

Marc Büssing: Als Team hat uns das Projekt unheimlich weitergebracht. Es ist von großem Vorteil, dass wir den Unterricht zu zweit machen können. Wir empfinden es als wichtiges Zeichen von Wertschätzung seitens der Schulleitung, dass sie uns beiden das Projekt voll anrechnet.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Paul Feltes: Wir würden das Projekt gerne in der bewährten Form fortführen. In einem weiteren Schritt möchten wir auch Nachbarschulen und Unternehmen in der Region einbeziehen. Um den Schülern langfristig eine berufliche Perspektive zu bieten, wenn das ihr Aufenthaltsstatus erlaubt.

„Das Experimentieren ist für die Schüler ein verbindendes Element. Wir schaffen das auch ohne viele Worte.“

Werte lernen, leben und fühlen – Interview mit Prof. Dr. Mandl
  • Die Siemens Stiftung engagiert sich für eine gelingende Wertebildung im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Katrin Heyer
  • Werte sind das Fundament für ein gelingendes Miteinander von Menschen mit unterschiedlichster sozialer, religiöser und kultureller Herkunft.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Katrin Heyer
  • Neben dem familiären Umfeld ist es eine Aufgabe der Schule Werte zu bilden.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Anne Hornemann
  • Schüler sollen werteorientiertes Verhalten lernen, leben und fühlen.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Anne Hornemann
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Wertebildung im Forschungsfokus: Professor Dr. Heinz Mandl

Gemeinsam mit Kooperationspartnern entwickelt die Siemens Stiftung Materialien und Methoden, um Schüler beim Experimentieren mit wertebildenden Fragestellungen zu konfrontieren.

Dr. Heinz Mandl ist emeritierter Professor für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Lehr-/ Lernforschung in der Aus- und Weiterbildung mit Medien, Wissensmanagement, Wertebildung und Evaluation.

Herr Professor Mandl, warum brauchen wir Werte?

Professor Mandl: Werte und Wertebildung umfassen ein Thema, das aktuell von großer Bedeutung ist. Wir erleben tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, unter anderem durch Digitalisierung, Globalisierung oder Migration. Diese Entwicklung trägt einerseits dazu bei, dass unsere Gesellschaft heute deutlich vielfältiger und chancenreicher ist. Gleichzeitig führen diese neuen Herausforderungen oft zu Unübersichtlichkeit und damit auch Unsicherheit und Ängsten. Hier schaffen Werte Maßstäbe und Kriterien, die Orientierung geben. Gleichzeitig sind Werte aber auch unerlässlich für die Zukunft unserer Gesellschaft. Die Aneignung und Weitergabe demokratischer Grundwerte – wie Freiheit, Gleichheit oder Solidarität – als gemeinsame Wertebasis, ist der erste und wichtigste Schritt für den sozialen Zusammenhalt.

Werte sind demnach sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft essenziell?

Professor Mandl: Ja, Werte werden immer auf individueller und sozial-gesellschaftlicher Ebene unterschieden. Auf individueller Ebene haben sie vor allem zwei Funktionen: Eine intentionale und eine bewertende. Die intentionale Funktion besteht darin, dass Werte Ziele vorgeben, nach denen Menschen ihr Handeln allgemein ausrichten. Die bewertende Funktion enthält Kriterien, um Eigenschaften, Vorstellungen, Handlungen oder Ereignisse zu beurteilen. Im Kontext der sozial-gesellschaftlichen Ebene haben Werte die Aufgabe, die Strukturen eines Sozialsystems aufrechtzuerhalten, da Werte allgemeingültige Standards als gesellschaftliche Basis repräsentieren.

Wie bildet man am besten Werte ohne moralischen Zeigefinger?

Professor Mandl: Eine erfolgreiche Wertebildung kann per se weder durch Moralisieren oder schlichtes Überstülpen gelingen. Werte sollen im eigenen Handeln erfahren und erlebt sowie in unterschiedlichen Situationen erprobt und überprüft werden. Wertebildung gelingt besonders, wenn Schüler selbst den Sinn von Werten verstehen lernen.

Ab welchem Alter ist eine gezielte Wertebildung für Kinder wichtig?

Professor Mandl: Aufgrund der Bedeutung von Werten für Individuum und Gesellschaft sollten Kinder von Anfang an dazu angeregt werden, ihre eigenen Wertvorstellungen zu entwickeln. Kinder verinnerlichen schon im frühen Alter Werte und Normen, die ihr ganzes Leben prägen können. Vor allem das familiäre Umfeld ist primär für die Wertebildung entscheidend und Eltern haben hier eine zentrale Vorbildfunktion. Ihre Haltungen und Verhaltensweisen prägen das Denken und Handeln der Kinder. Gleichzeitig erleben Kinder, dass sie von ihren Eltern für wertvoll und für liebenswert erachtet werden, und lernen auf diese Weise, andere Menschen zu achten und wertzuschätzen.

Welche Bedeutung hat in diesem Kontext die schulische Wertebildung?

Professor Mandl: Wertebildung ist Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule. Die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit sowie die Festigung einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit stehen dabei im Vordergrund. Zudem personifiziert jede Lehrkraft – bewusst oder unbewusst – bestimmte Werte. Ob Gerechtigkeit im sozialen Miteinander, Offenheit gegenüber individuellen Ideen und Kompetenzen aber auch Disziplin zur Förderung der Lern- und Leistungsentwicklung: Auch Lehrkräfte sind Vorbilder und repräsentieren bestimmte Werte. Die Kinderwertemonitor Studie von 2014 betont, dass für 80 Prozent der Kinder die Lehrkraft eine zentrale Identifikationsperson darstellt.

Warum sollte die Wertebildung auch im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht stattfinden?

Professor Mandl: Kinder und Jugendliche werden heute frühzeitig mit naturwissenschaftlich-technischen Fragestellungen, auch kontroversen, konfrontiert. Eine rein fachlich-theoretische Beschäftigung mit diesen reicht jedoch für die Einschätzung ihrer Bedeutung nicht aus. Werte unterstützen dagegen den naturwissenschaftlich-technischen Unterricht, um Sachverhalte zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen, verschiedene Perspektiven einnehmen zu können oder naturwissenschaftlich-technische Fragestellungen zu reflektieren und zu bewerten. Gleichzeitig bietet aber der naturwissenschaftlich-technische Unterricht per se Voraussetzungen, die die Wertebildung begünstigen: Durch das gemeinsame Experimentieren werden beispielsweise Verantwortungsbewusstsein, Kompromiss- und Urteilsfähigkeit ebenso geschult wie Teamgeist und Sozialkompetenz.

Welche gezielten Methoden unterstützen den Prozess der Wertebildung beim internationalen Bildungsprogramm Experimento?

Professor Mandl: Um die Wertebildung didaktisch umzusetzen, gibt es spezifisch methodische Bausteine. Für die praktische Unterrichtsgestaltung von Experimento I 8+ wurden als Methoden Impulstechniken und der Einsatz von Fällen mit Dilemmata gewählt. Impulstechniken können nonverbal, z.B. durch Bilder und Gesten, oder verbal, z.B. durch Feststellungen oder Aufforderungen sein. Sie haben das Ziel, eine Reflexion anzuregen und Schüler dazu anzuregen, Meinungen zu äußern und somit Diskussionsmöglichkeiten zu schaffen. Der Einsatz von Fällen mit Dilemmata hilft, ein Bewusstsein für einen wertebezogenen Konflikt zu schaffen. Schülerinnen und Schüler reflektieren, dass Entscheidungen bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen können.

Für Experimento hat die Siemens Stiftung gemeinsam mit Ihnen bestimmte Werte identifiziert. Warum sollen gerade diese Werte im Unterricht gebildet werden?

Professor Mandl: Diese Werte entsprechen den Anforderungen unserer Zeit, wie Klimawandel und Ressourcenknappheit. Der Wert Nachhaltigkeit meint beispielsweise, auf eine ökonomische, ökologische und sozial tragfähige Entwicklung für alle Generationen Rücksicht zu nehmen. Werte wie Urteilskraft und Selbstständigkeit sind unverzichtbar, um sich in einer vielfältigen und komplexen Welt zielstrebig orientieren und sicher entscheiden zu können. Oder, Werte wie Offenheit, Toleranz und Solidarität sind grundlegende Voraussetzung, wenn wir von Heterogenität und Integration sprechen.

Können über Service-Learning bestimmte Werte stärker gebildet werden?

Professor Mandl: Werte zeigen sich in Handlungen – vom Wissen zum Handeln. Besonders intensiv wird dieser Prozess beim Service-Learning gefördert. Hier wird fachliches Lernen mit sozialem Engagement und der Übernahme von Verantwortung im Schulumfeld verbunden. Der große Vorteil ist, dass durch die Anwendung und damit verbundene praktische Erfahrung, die Werte tatsächlich erlebt werden. Erlebnis und Reflektion sind damit die zentralen Momente der Wertebildung. Für die Schüler kann sich Service-Learning positiv auf die Entwicklung sozialer und persönlicher Kompetenzen auswirken.

„Wertebildung gelingt besonders, wenn Schüler selbst den Sinn von Werten verstehen lernen.“

  • Die Siemens Stiftung engagiert sich für eine gelingende Wertebildung im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Katrin Heyer
  • Werte sind das Fundament für ein gelingendes Miteinander von Menschen mit unterschiedlichster sozialer, religiöser und kultureller Herkunft.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Katrin Heyer
  • Neben dem familiären Umfeld ist es eine Aufgabe der Schule Werte zu bilden.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Anne Hornemann
  • Schüler sollen werteorientiertes Verhalten lernen, leben und fühlen.
    © Siemens Stiftung/Freudenberg Stiftung, Fotograf: Anne Hornemann
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Wertebildung im Forschungsfokus: Professor Dr. Heinz Mandl

Gemeinsam mit Kooperationspartnern entwickelt die Siemens Stiftung Materialien und Methoden, um Schüler beim Experimentieren mit wertebildenden Fragestellungen zu konfrontieren.

Dr. Heinz Mandl ist emeritierter Professor für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Lehr-/ Lernforschung in der Aus- und Weiterbildung mit Medien, Wissensmanagement, Wertebildung und Evaluation.

Herr Professor Mandl, warum brauchen wir Werte?

Professor Mandl: Werte und Wertebildung umfassen ein Thema, das aktuell von großer Bedeutung ist. Wir erleben tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, unter anderem durch Digitalisierung, Globalisierung oder Migration. Diese Entwicklung trägt einerseits dazu bei, dass unsere Gesellschaft heute deutlich vielfältiger und chancenreicher ist. Gleichzeitig führen diese neuen Herausforderungen oft zu Unübersichtlichkeit und damit auch Unsicherheit und Ängsten. Hier schaffen Werte Maßstäbe und Kriterien, die Orientierung geben. Gleichzeitig sind Werte aber auch unerlässlich für die Zukunft unserer Gesellschaft. Die Aneignung und Weitergabe demokratischer Grundwerte – wie Freiheit, Gleichheit oder Solidarität – als gemeinsame Wertebasis, ist der erste und wichtigste Schritt für den sozialen Zusammenhalt.

Werte sind demnach sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft essenziell?

Professor Mandl: Ja, Werte werden immer auf individueller und sozial-gesellschaftlicher Ebene unterschieden. Auf individueller Ebene haben sie vor allem zwei Funktionen: Eine intentionale und eine bewertende. Die intentionale Funktion besteht darin, dass Werte Ziele vorgeben, nach denen Menschen ihr Handeln allgemein ausrichten. Die bewertende Funktion enthält Kriterien, um Eigenschaften, Vorstellungen, Handlungen oder Ereignisse zu beurteilen. Im Kontext der sozial-gesellschaftlichen Ebene haben Werte die Aufgabe, die Strukturen eines Sozialsystems aufrechtzuerhalten, da Werte allgemeingültige Standards als gesellschaftliche Basis repräsentieren.

Wie bildet man am besten Werte ohne moralischen Zeigefinger?

Professor Mandl: Eine erfolgreiche Wertebildung kann per se weder durch Moralisieren oder schlichtes Überstülpen gelingen. Werte sollen im eigenen Handeln erfahren und erlebt sowie in unterschiedlichen Situationen erprobt und überprüft werden. Wertebildung gelingt besonders, wenn Schüler selbst den Sinn von Werten verstehen lernen.

Ab welchem Alter ist eine gezielte Wertebildung für Kinder wichtig?

Professor Mandl: Aufgrund der Bedeutung von Werten für Individuum und Gesellschaft sollten Kinder von Anfang an dazu angeregt werden, ihre eigenen Wertvorstellungen zu entwickeln. Kinder verinnerlichen schon im frühen Alter Werte und Normen, die ihr ganzes Leben prägen können. Vor allem das familiäre Umfeld ist primär für die Wertebildung entscheidend und Eltern haben hier eine zentrale Vorbildfunktion. Ihre Haltungen und Verhaltensweisen prägen das Denken und Handeln der Kinder. Gleichzeitig erleben Kinder, dass sie von ihren Eltern für wertvoll und für liebenswert erachtet werden, und lernen auf diese Weise, andere Menschen zu achten und wertzuschätzen.

Welche Bedeutung hat in diesem Kontext die schulische Wertebildung?

Professor Mandl: Wertebildung ist Bestandteil des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule. Die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit sowie die Festigung einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit stehen dabei im Vordergrund. Zudem personifiziert jede Lehrkraft – bewusst oder unbewusst – bestimmte Werte. Ob Gerechtigkeit im sozialen Miteinander, Offenheit gegenüber individuellen Ideen und Kompetenzen aber auch Disziplin zur Förderung der Lern- und Leistungsentwicklung: Auch Lehrkräfte sind Vorbilder und repräsentieren bestimmte Werte. Die Kinderwertemonitor Studie von 2014 betont, dass für 80 Prozent der Kinder die Lehrkraft eine zentrale Identifikationsperson darstellt.

Warum sollte die Wertebildung auch im naturwissenschaftlich-technischen Unterricht stattfinden?

Professor Mandl: Kinder und Jugendliche werden heute frühzeitig mit naturwissenschaftlich-technischen Fragestellungen, auch kontroversen, konfrontiert. Eine rein fachlich-theoretische Beschäftigung mit diesen reicht jedoch für die Einschätzung ihrer Bedeutung nicht aus. Werte unterstützen dagegen den naturwissenschaftlich-technischen Unterricht, um Sachverhalte zu beurteilen und Entscheidungen zu treffen, verschiedene Perspektiven einnehmen zu können oder naturwissenschaftlich-technische Fragestellungen zu reflektieren und zu bewerten. Gleichzeitig bietet aber der naturwissenschaftlich-technische Unterricht per se Voraussetzungen, die die Wertebildung begünstigen: Durch das gemeinsame Experimentieren werden beispielsweise Verantwortungsbewusstsein, Kompromiss- und Urteilsfähigkeit ebenso geschult wie Teamgeist und Sozialkompetenz.

Welche gezielten Methoden unterstützen den Prozess der Wertebildung beim internationalen Bildungsprogramm Experimento?

Professor Mandl: Um die Wertebildung didaktisch umzusetzen, gibt es spezifisch methodische Bausteine. Für die praktische Unterrichtsgestaltung von Experimento I 8+ wurden als Methoden Impulstechniken und der Einsatz von Fällen mit Dilemmata gewählt. Impulstechniken können nonverbal, z.B. durch Bilder und Gesten, oder verbal, z.B. durch Feststellungen oder Aufforderungen sein. Sie haben das Ziel, eine Reflexion anzuregen und Schüler dazu anzuregen, Meinungen zu äußern und somit Diskussionsmöglichkeiten zu schaffen. Der Einsatz von Fällen mit Dilemmata hilft, ein Bewusstsein für einen wertebezogenen Konflikt zu schaffen. Schülerinnen und Schüler reflektieren, dass Entscheidungen bestimmte Konsequenzen nach sich ziehen können.

Für Experimento hat die Siemens Stiftung gemeinsam mit Ihnen bestimmte Werte identifiziert. Warum sollen gerade diese Werte im Unterricht gebildet werden?

Professor Mandl: Diese Werte entsprechen den Anforderungen unserer Zeit, wie Klimawandel und Ressourcenknappheit. Der Wert Nachhaltigkeit meint beispielsweise, auf eine ökonomische, ökologische und sozial tragfähige Entwicklung für alle Generationen Rücksicht zu nehmen. Werte wie Urteilskraft und Selbstständigkeit sind unverzichtbar, um sich in einer vielfältigen und komplexen Welt zielstrebig orientieren und sicher entscheiden zu können. Oder, Werte wie Offenheit, Toleranz und Solidarität sind grundlegende Voraussetzung, wenn wir von Heterogenität und Integration sprechen.

Können über Service-Learning bestimmte Werte stärker gebildet werden?

Professor Mandl: Werte zeigen sich in Handlungen – vom Wissen zum Handeln. Besonders intensiv wird dieser Prozess beim Service-Learning gefördert. Hier wird fachliches Lernen mit sozialem Engagement und der Übernahme von Verantwortung im Schulumfeld verbunden. Der große Vorteil ist, dass durch die Anwendung und damit verbundene praktische Erfahrung, die Werte tatsächlich erlebt werden. Erlebnis und Reflektion sind damit die zentralen Momente der Wertebildung. Für die Schüler kann sich Service-Learning positiv auf die Entwicklung sozialer und persönlicher Kompetenzen auswirken.

„Wertebildung gelingt besonders, wenn Schüler selbst den Sinn von Werten verstehen lernen.“