• Creative Commons entwickelt Lizenzen, mit denen der Rechteinhaber von Bildungsinhalten anderen Interessenten Nutzungsrechte einräumen kann.
    © Zusammenstellung aus Logo OER: 2012, Jonathas Mello¹, CC-BY 3.0 Unported und Logo CC²
Arbeitsbereich:
Bildung
Land/Region:
Deutschland
Prof. Michael Kerres und Richard Heinen vom LearningLab der Universität Duisburg-Essen

Die Siemens Stiftung fördert die Idee von Open Educational Resources (OER). Basierend auf einer einfachen Lizenz- und transparenten Rechtepolitik kann nun jeder Nutzer die offenen Bildungsmedien verwenden, bearbeiten, kombinieren und teilen.

Das Medienportal wird in den nächsten Jahren sukzessive zur interaktiven Plattform für offene Bildungsinhalte ausgebaut. Zwei Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen beraten die Stiftung auf diesem Weg: Professor Michael Kerres vom Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement und Richard Heinen, Geschäftsführer des LearningLab der Universität. Im Folgenden geben die Experten Auskunft über die Möglichkeiten von OER und welche Auswirkungen sie auf das Lehren und Lernen der Zukunft haben.

Herr Professor Kerres, Sie beschäftigen sich an Ihrem Lehrstuhl bereits seit vielen Jahren mit offenen Lernmaterialien – sogenannten Open Educational Resources. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Michael Kerres: Am LearningLab hier an der Universität Duisburg-Essen befassen wir uns mit den unterschiedlichsten Formen des Lehrens und Lernens mit digitalen Medien – von der Schule über die Hochschule, die berufliche Bildung bis zum lebenslangen Lernen. Die Produktion, Bereitstellung und Verwendung von Lernmaterialien spielen dabei natürlich eine wichtige Rolle.

Denn mit der Digitalisierung haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert: Früher stellten die Lehrenden das Material selbst her und kopierten es für ihre Lerngruppe. Wenn sie dies heute im digitalen Raum tun, stellt sich eine Reihe von rechtlichen Fragen: Welche Materialien darf ich übernehmen? Wo und wie darf ich diese neuen Materialien meinen Lernenden digital zur Verfügung stellen? Darf ich sie auch auf öffentlichen oder geschlossenen Plattformen Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung stellen? Durch die Lizenzierung von Materialien als Offene Bildungsmedien können viele dieser Fragen beantwortet werden.

Uns interessiert aber auch die Frage, wie die verschiedenen Plattformen, die sich im Internet entwickeln, zusammenspielen. Entstehen in sich geschlossene Systeme, die zwar eine gute Nutzererfahrung bieten, aber die Gefahr beinhalten, von einzelnen Anbietern abhängig zu werden? Oder kann man ein offenes Ökosystem gestalten, in dem Materialien zwischen verschiedenen Plattformen ausgetauscht und von beliebigen Teilnehmern verbessert und bewertet werden können? Die Frage der Offenheit von Bildungsinhalten adressiert dabei natürlich auch die Frage nach Bildungsgerechtigkeit und Pluralität.

Herr Heinen, inwieweit spielen OER bei Lerninnovationen eine Rolle?

Richard Heinen: OER per se verändert zunächst nichts. Die einzelne Lehrkraft muss von sich aus oder durch äußere Anreize dazu motiviert werden, ihren Unterricht zu verändern. Grundsätzlich bieten digitale Medien die Potenziale, Themen vielfältiger und multimedialer aufzubereiten. Das kann besonders in heterogenen Lerngruppen wichtig sein, wenn Material auf Lernende mit besonderen Fähigkeiten und Voraussetzungen angepasst werden muss. Sei es, dass die Lernenden kognitiv besonders gefordert werden wollen oder ihnen der Zugang zu den Materialien durch eine besondere Aufbereitung erst ermöglicht wird.

Lehrkräfte unterrichten heute immer häufiger in solchen heterogenen Klassen. OER bieten nun den rechtlichen Rahmen, dass individuelle Anpassungen weitergegeben und damit auch von Kollegen verwendet werden dürfen – wenn die Lehrkräfte bereit sind, miteinander zu kooperieren. Kooperation spielt auch auf einer anderen Ebene eine Rolle. Bei der Arbeit mit digitalen Medien können Schüler gemeinsam neue Inhalte schaffen, die etwa Lernergebnisse dokumentieren. Wenn sie hierbei OER nutzen und produzieren, werden diese Inhalte auch über den geschlossenen Klassenraum hinaus sichtbar und nutzbar.

Woran liegt es, dass Lehrkräfte noch recht zögerlich OER einsetzen?

Michael Kerres: Oft wissen Lehrkräfte gar nicht, was OER sind. Sie verwenden Material, das sie im Internet finden und das für ihren Unterricht passt. Häufig bleibt eine Unsicherheit, ob und wie sie das Material einsetzen, verändern und weitergeben dürfen. Dass OER hierfür eine Lösung sein können, ist schlicht nicht bekannt genug. Es ist daher besonders wichtig, aufzuklären und bewusst OER-Angebote zu schaffen. Dann sollte aber nicht nur ein kleiner versteckter Lizenzhinweis zu finden sein, sondern der Anbieter sollte auch über Sinn und Zweck von OER informieren. So wird aus einem diffusen Gefühl der Unsicherheit ein Bewusstsein für die Möglichkeiten offener Bildungsinhalte.

Richard Heinen: Hinzu kommt, dass wir bei OER oft vom Lernen mit digitalen Medien ausgehen. Somit sind auch die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen an der Schule wichtig. Habe ich als Lehrkraft überhaupt die Möglichkeit, interaktive Materialien im Unterricht zu verwenden? Stehen in der Schule mobile Geräte zur Verfügung und haben die Schülerinnen und Schüler gelernt, damit zu arbeiten? Hier wird deutlich: OER ist eine Facette komplexer Veränderungsprozesse, die notwendig sind, damit die Schulen den Herausforderungen der Digitalisierung in der Gesellschaft begegnen können.

Wie lässt sich die Qualität von OER sicherstellen?

Richard Heinen: Die Frage nach der Qualität im Kontext von OER eröffnet oft eine Scheindebatte. Mit dem Vorwurf mangelnder Qualität lassen sich OER diskreditieren, um bestehende Geschäftsmodelle zu stützen. Wenn aber ein Anbieter OER bewusst produziert und zusammen mit Lehrkräften erprobt, greifen in der Produktion dieselben Maßnahmen wie bei konventionell und kommerziell produzierten Materialien. Letztendlich entscheiden in beiden Fällen nicht der Autor oder Produzent über die Qualität, sondern die Lehrkraft und die Lernenden, die mit dem Material gut arbeiten konnten. Hier ist es wichtig für OER, eigentlich aber auch für konventionelle Materialien, Portale zur Bewertung und Kommentierung zu etablieren und Lehrkräfte dazu anzuregen, ihre Meinung auch kund zu tun. Eine sinnvolle Ergänzung dieser User-Meinungen sind Empfehlungsseiten, auf denen etwa Bundesländer von Experten Material auswählen lassen, das sie besonders befürworten.

Mittels guter User-Rückmeldungen und Verweissystemen lässt sich auch die Gefahr tendenziöser Materialien eindämmen. Wenn ein Anbieter freier Materialien tatsächlich beeinflussen will, dann braucht es aufmerksame Lehrkräfte und Redakteure, die warnend eingreifen – und dies auch anderen über geeignete Plattformen mitteilen.

Welchen Beitrag können Stiftungen Ihrer Meinung nach für die Verbreitung von OER leisten?


Michael Kerres: Für das OER-Thema waren Stiftungen von Beginn an wichtig. Das Engagement der Hewlett-Foundation etwa hat gemeinsam mit den Aktivitäten der UNESCO und der OCED das Thema international erst breit bekannt gemacht.

Stiftungen haben verschiedene Möglichkeiten, die Entwicklung von OER zu unterstützen. Sie können den gesellschaftlichen Diskussions- und Informationsprozess mit Veranstaltungen und Publikationen anregen. Sie können aber auch exemplarisch qualitativ hochwertige OER produzieren und Portale entwickeln, über die diese dann distribuiert werden. Eine entsprechende Gestaltung der Materialien ermöglicht dann auch eine didaktische Weiterentwicklung von Lernszenarien. Denn das Ziel sollte ja nicht sein, OER zu haben, sondern diese zu nutzen, um das Lernen auf die Bedarfe der heutigen Gesellschaft auszurichten und möglichst vielen hierzu Zugang zu gewähren.

Sie werden in den kommenden Monaten der Siemens Stiftung bei ihrem Umbau des Medienportals zur interaktiven OER-Plattform beratend zur Seite stehen. Was sind die wesentlichen Anforderungen an eine solche Plattform?

Richard Heinen: Die Antwort haben wir eigentlich schon gegeben. Das Medienportal bietet ja schon lange hochwertige Materialien an. Wenn die Siemens Stiftung jetzt OER produziert, dann ist es wichtig, die etablierten Qualitätssicherungsmaßnahmen aufrecht zu erhalten. Der interaktive Teil kann sicher dazu genutzt werden, auch die User in die Qualitätssicherung einzubeziehen. Mit anderen Worten: Die Lehrkräfte sollten durch das Portal angeregt werden, ihre Meinung zu den Materialien zu sagen und zu beschreiben, wie sie die Materialien mit welchen Lerngruppen zu welchen Lernzielen eingesetzt haben. Das Ergebnis kann sein, dass sich viele Materialien vielfältiger verwenden lassen, als sich das der Autor vielleicht gedacht hat.

Michael Kerres: Wichtig ist aber auch, dass für die Lehrkräfte sichtbar wird, dass es sich nun bei den Materialien um OER handelt und was das bedeutet. In letzter Konsequenz müsste das Medienportal dann Lehrkräften auch die Möglichkeit geben, eigene OER bereitzustellen. Besonders wenn diese Inhalte aus den Materialien des Medienportals erstellt wurden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Medienportal sowie Informationen zu OER finden Sie hier https://medienportal.siemens-stiftung.org



¹http://www.jonathasmello.com
²https://creativecommons.org/about/downloads

„Das A und O ist die Aufklärungsarbeit – dass es OER gibt und was sich dahinter verbirgt.“