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»Durch Experimento kann tra­ditionelles Wissen mit modernen Lehrmethoden ver­knüpft und vermittelt werden.«

Dr. Nathalie von Siemens, Geschäftsführender Vorstand und Sprecherin der Siemens Stiftung

Naturwissenschaftliches Lernen – mit Traditionen und für die Zukunft

Die Intshayelolo Primary School ist eine öffentliche Grundschule im südafrikanischen Western Cape, an der über 1.200 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Und, sie ist eine der vielen verschiedenen Stationen die Nathalie von Siemens auf ihrer Südafrikareise in diesem Herbst besucht hat. Im Mittelpunkt des achttägigen Aufenthalts in den Provinzen Eastern Cape, Western Cape und Gauteng standen der persönliche Kontakt und der direkte Austausch mit den zahlreichen Partnern, die sich in Kooperation mit der Siemens Stiftung für eine zeitgemäße, naturwissenschaftlich-technische Bildung engagieren. Kern der Aktivitäten ist Experimento, das internationale Bildungsprogramm der Siemens Stiftung, das seit 2011 in Südafrika eingesetzt wird. Es bietet Pädagogen und Lehrkräften Materialien, Methoden und Anleitungen für einen an Experimenten orientierten und auf das Prinzip des forschenden Lernens ausgerichteten Unterricht. Die Inhalte werden in Zusammenarbeit mit Lehrerbildungsinstituten und lokalen Universitäten speziell an die Lehrpläne vor Ort angepasst.

Auf dem richtigen Weg

Naturwissenschaftlich-technische Bildung ist ein wesentlicher Schlüssel für die persönliche Entwicklung junger Menschen, ihre Zukunftschancen und ihre gesellschaftliche Teilhabe. Von besonderer Bedeutung für eine gelingende Bildung ist die Rolle der Pädagogen und deren Möglichkeiten, naturwissenschaftlich-technische Inhalte zu vermitteln. In Südafrika arbeiten inzwischen rund 270 Lehrkräfte und über 20.000 Schülerinnen und Schüler mit Experimento. Eine erfolgreiche Entwicklung, die stetig fortschreitet. Am Science Competence Center in Johannesburg haben sich etwa in den letzten Monaten engagierte Lehrkräfte und Lehramtsstudierende zum Unterrichtseinsatz von Experimento ausbilden lassen. Jetzt ziehen sie Bilanz. „Die Erfahrung hier hat mich gelehrt, meine Unsicherheit gegenüber naturwissenschaftlich-technischem Unterricht abzulegen und Vertrauen in die Materie zu gewinnen. Darauf bin ich sehr stolz! Ich bin eine junge Lehrerin der Naturwissenschaften und ich werde es allen beweisen“, erklärt sie überzeugt. Ihre Kollegin ergänzt: „Meine 55 Schüler in der Klasse haben nun die Möglichkeit, das naturwissenschaftlich-technische Wissen über kooperative Lehrmethoden mit den vielen Experimentiermaterialien begreifen zu können. Das ist eine wunderbare Erfahrung!“ Auch für die Siemens Stiftung, denn die steigende Nachfrage an Experimento und die positiven Feedbacks aus der Praxis zeigen, dass das Konzept und die Umsetzung von Experimento offenbar den richtigen Weg gehen.

Schüler an einer Grundschule visualisieren das Sonnensystem zum besseren Verständnis der naturwissenschaftlichen Zusammenhänge.
© Siemens Stiftung

Traditionelles Wissen verknüpft mit zeitgemäßen Lehrmethoden

Dass dieser zukunftsorientierte Weg auch traditionelles Wissen aufgreift und vermittelt, stand im Mittelpunkt des Gespräches zwischen Nathalie von Siemens mit Keith Roy Langenhoven, Direktor der School of Science and Mathematics, an der University of the Western Cape (UWC). Indigenes Wissen, das lokale, meist traditionelle Wissen über Heilkunde, Landwirtschaft, Religion oder Riten, spielt vor allem in vielen Regionen Afrikas bis heute noch eine große Rolle, gerät aber zunehmend in Vergessenheit. Durch Experimento kann dieses traditionelle Wissen mit modernen Lehrmethoden verknüpft und vermittelt werden, wie das Beispiel „Wasser filtern“ zeigt: Ein abgeschnittenes Stück Zuckerrohr diente herkömmlich nicht nur als Trinkhalm, sondern quasi als althergebrachte Technologie zur Wasseraufbereitung. Beim Trinken aus Tümpeln und Bächen wird ein Reinigungseffekt des Wassers erzielt, indem Partikel an den Fasern des Zuckerrohrs haften bleiben und damit ausgefiltert werden. Ein ähnliches Prinzip der Wasserfilterung beschreiben naturwissenschaftliche Versuche aus Experimento I 10+. Durch die Verwendung von Sand, Kohle, Papier oder spezifischen Membranfiltern kann hier Wasser in unterschiedlicher Intensität gereinigt werden. Die Einbettung von indigenem Wissen in den Unterricht schlägt eine Brücke von den kulturellen Identitäten der Lernenden hin zur praktischen Umsetzung der Naturwissenschaften.

 

Experimento verbindet aber nicht nur traditionelle Weisheit mit moderner Pädagogik, sondern fördert auch fächerübergreifendes Wissen. Die Mthatha Excelsior High School beispielsweise ist eine öffentliche, weiterführende Schule in Eastern Cape, Südafrika. Konzentriert arbeiten die Jugendlichen der 10. Klasse im Physikunterricht mit Experimento I 10+ zum Thema „Wasser als Wärmespeicher“. Es geht um die Aggregatzustände von Wasser in Form von fest, flüssig und gasförmig. Die 16-jährige Zola meldet sich aufgeregt zu Wort. „Die Tatsache kenne ich bereits aus dem Chemieunterricht.“ Damit werden die Schüler zu Transferleistungen angeregt.

Schlüssel zur wirkungsorientierten Bildung

Neben Gesprächen, die dem gegenseitigen Kennenlernen und dem Austausch zur inhaltlichen Entwicklung von Experimento dienten, stand vor allem auch der Austausch mit Bildungsexperten im Vordergrund der Reise durch Südafrika. Welche strukturellen Maßnahmen bedeutend sind, um langfristig und nachhaltig wirkungsorientierte Bildungsprozesse zu entwickeln, war eine der zentralen Fragestellungen im Expertengespräch mit Dr. Jonathan Clark, Bildungsforscher an der University of Cape Town und Direktor an den hier angesiedelten Initiativen Schools Improvement Initiative (SII) und Schools Development Unit (SDU). Sein Credo: Ein effizientes Schulmanagement ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Bildungsentwicklung in Südafrika! Schulmanagement beinhaltet alle Maßnahmen, die zur Gestaltung und Optimierung von Schule und schulischen Prozessen beitragen. Dazu gehören zentrale Aspekte wie Führung, Entwicklung von Unterricht und Schule, Umgang mit Konflikten und Problemen, Möglichkeiten der Personalentwicklung, Verwaltung und Organisation sowie funktionale Arbeitsabläufe und der Einsatz von Ressourcen. „Erfolgreiches Schulmanagement ist heute nicht nur in Südafrika, sondern in jedem Land eine entscheidende Aufgabe. Die Rahmenbedingungen dafür sind sicher national verschieden und die Umsetzung für jede einzelne Schule anders. Die entscheidenden Fragen sind aber für jede Schule gleich: Wie können wir unsere Schule so organisieren, dass ein ideales Umfeld für unsere Pädagogen entsteht? Und wie schaffen wir an unserer Schule optimale Lern- und Entwicklungsbedingungen für unsere Schüler? Diese Fragen beschäftigen Experten und Praktiker in Südafrika, Deutschland und Lateinamerika gleichermaßen“, bemerkte Nathalie von Siemens nach ihrem Besuch an der Cape Town University und rückblickend auf eine erfahrungsintensive Woche in Südafrika.

Dezember 2014

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