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»Das Experimentieren ist für die Schüler ein verbindendes Element. Wir schaffen das auch ohne viele Worte.«

Marc Büssing, Gymnasium der Stadt Frechen

Selbstvertrauen stärken – Perspektiven schaffen

Die Physiklehrer Paul Feltes und Marc Büssing vom Gymnasium in Frechen wagten selbst ein Experiment, als sie das Projekt „MINTogether“ für geflüchtete Jugendliche ins Leben riefen. Einmal in der Woche tauchen sie gemeinsam mit ihnen in die Welt der Naturwissenschaften und Technik ein. Bei dem freiwilligen Unterrichtsangebot schrauben die Jugendlichen Bausätze für Solarautos oder Windkraftanlagen zusammen und erhalten so spielerisch berufsbezogene technische Kenntnisse. Vorurteile und sprachliche Barrieren verlieren beim gemeinsamen Experimentieren und Bauen an Bedeutung.

Sie fördern Jugendliche, die noch kaum Deutsch sprechen, ausgerechnet mit einem Technik-Projekt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Marc Büssing: Im Regelunterricht haben die geflüchteten Jugendlichen häufig große Probleme. Viele wirken frustriert und niedergeschlagen, weil sie inhaltlich nicht mitkommen. Wir dachten uns: Die brauchen dringend Erfolgserlebnisse. Das war der Startpunkt. Das Experimentieren ist für die Schüler ein verbindendes Element. Die Sprache spielt da eine untergeordnete Rolle. Wir schaffen das auch ohne viele Worte.

Paul Feltes: Nach den Sommerferien 2015 befand sich plötzlich ein Zeltlager in unserer Turnhalle. Täglich begegneten wir auf dem Schulhof Menschen, die geflüchtet waren. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Wir überlegten: Was können wir für die Kinder tun? Da kam das Angebot der Siemens Stiftung, Projekte im MINT-Bereich zu fördern. Von da an ging alles sehr schnell. Zur Sprachbarriere: Am Anfang sprach keines der Kinder Deutsch. Deshalb haben wir zuerst Bilder von den Werkzeugen gemacht und darunter geschrieben, wie sie heißen. Inzwischen verständigen wir uns ganz gut.

Paul Feltes, Physiklehrer am Gymnasium in Frechen.

Wer kommt denn zu Ihnen in den Unterricht?

Paul Feltes: Es nehmen immer zehn bis 15 geflüchtete Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren unterschiedlichster Nationalitäten teil. Dazu kommen drei bis vier deutsche Schüler als Helfer. Sie wechseln sich ab, damit sie im Regelunterricht nicht zu viel versäumen.

Marc Büssing: Wir verstehen das Projekt auch als Maßnahme zur Begabtenförderung. Deshalb nehmen vor allem bessere deutsche Schüler teil.

Und wie läuft der Unterricht praktisch ab?

Paul Feltes: Die Jugendlichen basteln anhand von Bausätzen beispielsweise ein Solarboot. Dabei orientieren sie sich an Bildern und Konstruktionsskizzen. Die technischen Anforderungen lassen sich im Anspruch unterschiedlich gestalten und steigern. Manche Schüler möchten nur einen Holzwagen mit Luftballonantrieb bauen, andere statten diesen mit Solarzelle und Rotor aus. Alle Angebote gibt es in verschiedenen technischen Schwierigkeitsgraden – ein hervorragender Transfereffekt.

Marc Büssing: Viele Projekte sind selbstdifferenzierend. Wer sich zum Beispiel gleich zwei Solarzellen nimmt, muss selbst herausfinden, wie er diese verschaltet.

Ihre Unterrichtsmethode ist also das entdeckende Lernen?

Marc Büssing: Genau! Wir verfolgen einen handlungsorientierten Ansatz. Der Unterricht soll vor allem spannend sein. Wichtig ist die Identifikation mit dem Lernprodukt, deshalb bekommen die Schüler auch viel Freiraum zur kreativen Gestaltung ihrer Modelle. Die Motivation muss aus den Dingen kommen, die die Schüler anfertigen.

Was möchten Sie mit dem Projekt erreichen?

Paul Feltes: Vor allen Dingen wollen wir den geflüchteten Jugendlichen Erfolgserlebnisse verschaffen und ihr Selbstvertrauen stärken. Sprachförderung, Berufsorientierung und der Abbau von Vorurteilen – all das dient letztlich der Integration der Flüchtlinge in Deutschland.  

Marc Büssing: Auch die MINT-Förderung von Mädchen ist ein wichtiger Aspekt. Sie fühlen sich von unserem Projekt besonders angesprochen.

Bringen die Jugendlichen denn schon Vorkenntnisse in Naturwissenschaften und Technik mit?

Marc Büssing: Die sind sehr unterschiedlich. Teilweise kommen die Kinder aus Akademikerhaushalten. Andere haben wenig Vorbildung. Handwerklich sind einige Schüler topfit.

Und wie kommt das Projekt bei den Kindern an?

Paul Feltes: Sie studieren mit leuchtenden Augen die Anleitungen zu den Bausätzen. Wenn sie zum Beispiel eine Konstruktionsskizze auf Holz übertragen sollen, dann tun sie das mit einer Hingabe, dass es eine Freude ist. Ich sehe unsere Jugendlichen an und glaube zu wissen, wie sie sich fühlen.

Marc Büssing: Wir als Lehrer haben von Anfang an eine riesige Wertschätzung erfahren. Das ist wirklich gut für die Seele. Aber auch bei den Schülern stellen wir Fortschritte fest. Manche engagieren sich sehr in dem Projekt, sie leben regelrecht auf und werden zu echten Experten. Ich denke da an ein Mädchen, das anfangs in sich gekehrt wirkte und ganz alleine zu uns kam. Inzwischen hilft sie sogar anderen, wenn die nicht weiterkommen.

Sind Sie auch schon an Grenzen gestoßen?

Marc Büssing: Ja, wir haben mal versucht, digitale Bildungsinhalte zu vermitteln: Die Schüler sollten mit einer visuellen Programmiersprache etwas programmieren. Aber das war ihnen zu abstrakt. Geräte wie Smartphones oder Computer kennen viele der geflüchteten Jugendlichen offenbar nicht als Arbeitsmedium.

Paul Feltes: Am Anfang wollte ich den Kindern anhand einer Lichterkette erst einmal Parallel- und Reihenschaltung beibringen. Das habe ich schnell aufgegeben (lacht). Dann haben wir ihnen 40 Kabel und eine Hand voll Lämpchen in die Hand gedrückt und gesagt: Bringt das mal zum Leuchten. Und das hat geklappt!

Die naturwissenschaftlich-technische Bildung besitzt ja offensichtlich Potenzial bei der Förderung von geflüchteten Kindern. Worin besteht das?

Marc Büssing: Wir sind mit unserem Projekt so etwas wie ein Anker für die Schüler. Bei „MINTogether“ sind die geflüchteten Jugendlichen mal in der Mehrzahl und können auf einmal glänzen. Sie helfen anderen, mit dem Bohrer umzugehen, sie hämmern und sägen. Hier sind sie plötzlich jemand.

Paul Feltes: Ich sehe das Potenzial vor allem in der Zukunft. Wir vermitteln den Jugendlichen berufsbezogene technische und sprachliche Kenntnisse. Später würden wir sie gerne in reguläre Ausbildungsbetriebe vermitteln. So weit sind wir aber noch nicht.

Die Siemens Stiftung möchte MINT-Bildung und die Vermittlung von Werten stärker verknüpfen. Verfolgen auch Sie diesen Ansatz?

Experimentieren für Fortgeschrittene: Die technischen Projekte sind selbstdifferenzierend und beliebig erweiterbar.
© Siemens Stiftung, Fotograf: Sebastian Isacu

Marc Büssing: An unserem Projekt beteiligen sich neben den geflüchteten Jugendlichen ja auch deutsche Regelschüler. Das ist eine große Bereicherung und eine tolle Möglichkeit, beide Gruppen zusammenzubringen und Vorurteile abzubauen. Inzwischen umarmen sich die Schüler nach der Stunde zum Abschied. Aber auch inhaltlich vermitteln wir den Schülern mit unseren Projekten Werte. Wir haben uns auf die Erneuerbaren Energien fokussiert, um die Kinder für einen verantwortungsvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen zu sensibilisieren.

Das klingt ambitioniert. Hat Sie das Projekt denn auch persönlich weitergebracht?

Marc Büssing: Die extreme Heterogenität der Gruppe ist schon eine pädagogische Herausforderung. Im Gegenzug durften wir großen Respekt und Dankbarkeit erfahren. Für mich persönlich ist es schön zu sehen, wie die geflüchteten Jugendlichen mit den deutschen Schülern ganz unbefangen zusammenarbeiten. Diese positiven Erfahrungen nehmen sie hoffentlich auch mit nach Hause.
 
Paul Feltes: Für uns als Gymnasiallehrer war der Umgang mit den geflüchteten Schülern ohne Deutschkenntnisse eine völlig neue Situation. Sich spontan darauf einzulassen, das habe ich als spannende Herausforderung erlebt.

Das Motto „MINTogether“ trifft ja auch auf Sie beide zu...

Marc Büssing: Als Team hat uns das Projekt unheimlich weitergebracht. Es ist von großem Vorteil, dass wir den Unterricht zu zweit machen können. Wir empfinden es als wichtiges Zeichen von Wertschätzung seitens der Schulleitung, dass sie uns beiden das Projekt voll anrechnet.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Paul Feltes: Wir würden das Projekt gerne in der bewährten Form fortführen. In einem weiteren Schritt möchten wir auch Nachbarschulen und Unternehmen in der Region einbeziehen. Um den Schülern langfristig eine berufliche Perspektive zu bieten, wenn das ihr Aufenthaltsstatus erlaubt.

Oktober 2017

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