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»Man braucht Gesprächs­part­ner, um Fragen zu stellen, von denen man noch nicht weiß, ob sie für einen relevant sind.«

Joachim Gerstmeier, Projektleiter Darstellende Kunst

Kunst verändert durch Erleben

In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Verwerfungen bieten die Theaterakademien EXPERIMENTA SUR, MOVIMIENTO SUR und PANORAMA SUR in Lateinamerika einen Raum, der Austausch und Beziehungen ermöglicht. Im Interview mit Anne Phillips-Krug berichtet Projektleiter Joachim Gerstmeier darüber, wie aus der künstlerischen Zusammenarbeit neue Ideen entstehen, die dazu beitragen, unterschiedliche gesellschaftliche Perspektiven aufeinander zu beziehen.

Herr Gerstmeier, Sie kommen gerade aus Bogotá von der sechsten Ausgabe von EXPERIMENTA SUR zurück. Was war der diesjährige Schwerpunkt der Akademie? Spielten aktuelle Entwicklungen eine Rolle?

Bei EXPERIMENTA SUR geht es darum, nach neuen szenischen Ausdrucksformen zu suchen, die auf das reagieren, was im politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld passiert. Mit dem Thema „Erinnern und Vergessen“ stand in diesem Jahr auch der Friedensprozess in Kolumbien zur Diskussion, der das Land über der Frage nach Frieden oder Rechtsprechung ja gerade extrem spaltet.

Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien, um den es dabei geht, hat seit den 1960er Jahren Hunderttausende von Menschenleben gekostet. Wie geht man an ein so schwieriges Thema heran?

In einer Art Versuchsanordnung brachte zum Beispiel eines der Laboratorien Experten aus verschiedenen Feldern und Ländern mit den teilnehmenden Theatermachern zusammen – eine Anthropologin und Erinnerungsforscherin, einen Schriftsteller, eine Richterin, eine Psychologin und einen Menschenrechtsanwalt. Zunächst hörten sich alle gemeinsam die Aufnahme einer Aussage eines Opfers des bewaffneten Konflikts an. Während das Tonband lief, auf dem die Zeugin unter anderem schildert, wie sie den Guerillero umbringt, der sich an ihrer Tochter vergeht, wie sie also selbst vom Opfer zum Täter wird, wurde es unter den Teilnehmern immer stiller. Die Experten mussten dann sichtbar um Worte ringen, um das Dokument aus Sicht ihres Feldes zu beleuchten. Die Richterin war zum Beispiel selbst im Konflikt zwischen dem, was sie menschlich richtig und juristisch tolerabel fand. Im zweiten Teil des Laboratoriums arbeiteten die Teilnehmer dann mit den Experten an szenischen Entwürfen. Es war beeindruckend, zu sehen, welche Dialogebenen sich durch die Andersartigkeit der künstlerischen Sprachen bildeten, weil jeder natürlich die Erfahrung aus seinem eigenen Land miteingebracht hat.

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Mercedes Halfon (Argentinien), Jorge Taseo Baldeón (Peru) und Laura Liz Gil (Kuba) berichten darüber, was die Teilnahme an den Theaterakademien für ihre Arbeit bedeutet.

© Siemens Stiftung

Welche Möglichkeiten und Chancen sehen Sie darin, wenn Künstler aus unterschiedlichen Kontexten und Ländern im Rahmen einer solchen Akademie gemeinsam an einem Thema arbeiten?

Die in dieser Versuchsanordnung gesetzte Kombination aus Expertendialog und künstlerischer Forschung hat das sehr gut gezeigt: Zum einen braucht man Gesprächspartner, um Fragen stellen zu können, von denen man teilweise noch gar nicht weiß, dass sie relevant für einen selber sind. Zum anderen braucht man solche Labore, in denen auch mal ein Gedanke oder ein Versuch scheitern darf oder man bisweilen an die Grenzen der Darstellungs- und Ausdrucksmöglichkeiten kommt. Ich denke, das Wichtigste ist dabei, Erfahrungen zu machen. Die Akademien sind ein unabhängiger, geschützter Raum der Reflexion und der Kritik, der sich in den fast immer prekären Arbeitsverhältnissen dort viel zu selten finden lässt. Und die Möglichkeit, den Alltag zu unterbrechen und sich zu fragen, wo stehen wir mit unserem Metier in unserer Gesellschaft – das ist ein ganz wesentlicher Motor für Innovation. Weil Künstler aus nahezu allen lateinamerikanischen Ländern zusammenkommen, entstehen nicht nur Austausch und Dialog, sondern die Akademien sind selbst ein Modell für Zusammenarbeit, aus dem immer wieder neue Netzwerke hervorgehen.

Welche Netzwerke und Initiativen sind das in den letzten Jahren gewesen?

Eine interessante Arbeit, die 2015 in Buenos Aires bei PANORAMA SUR auf Initiative der beiden Leiter Cynthia Edul und Alejandro Tantanian realisiert wurde, war „Palimpsesto“, ein Stück, das von acht Autoren geschrieben und anschließend von drei Regisseuren inszeniert worden ist, alles ehemalige Stipendiaten der Akademie aus unterschiedlichen Jahren. Dann gab es bei MOVIMIENTO SUR drei Choreografen – ein Brasilianer, ein Chilene und ein Mexikaner –, die sich unter dem Namen „Vínculo Sur“ zusammengetan haben, um in den verschiedenen Ländern auf lokalem Niveau gemeinsam Projekte zu machen. Im Mittelpunkt stand dabei der Wunsch, über die Verbindung mit den anderen Choreografen kreative Impulse zu bekommen, da war das Individuelle ausschlaggebend, anders als bei der „Grupo Traficantes“, wo es darum geht, dass etwas Gemeinsames entsteht…

Die „Grupo Traficantes“ besteht aus ehemaligen Stipendiaten von EXPERIMENTA SUR und PANORAMA SUR, die inzwischen selbst als Beitragende zu den einzelnen Akademien eingeladen werden…

„Grupo Traficantes“ sind sechs Künstler aus Argentinien, Kolumbien, Kuba, Peru und Uruguay, die sich 2016 während EXPERIMENTA SUR in Bogotá zu einer konkreten Projektidee zusammengefunden haben und seitdem als Künstlerkollektiv zusammenarbeiten. Das ist eines der Dinge, die diese Kontinuität der Akademien produzieren kann, dass sich organisch Netzwerke entwickeln, die ja oftmals viel inhaltsreicher und kraftvoller sind als gesetzte institutionelle oder politische Netzwerke, weil sie sehr viel mehr vom gemeinsamen Interesse und vom Gegenstand getragen sind.

Und das Ergebnis ihrer bisherigen Zusammenarbeit hat die Gruppe dieses Jahr bei EXPERIMENTA SUR vorgestellt?

Genau. „Correspondencias“ ist ein mehrteiliges Projekt zum Thema „Nähe und Distanz in Lateinamerika“. Ausgehend von den „Crónicas de Indias“, den Berichten der europäischen Kolonisatoren, aber in einer Umkehrung der Perspektive, wurden Erfahrungen, Objekte und Informationen aus dem täglichen Leben der verschiedenen Länder ausgetauscht und zu einer Stoffsammlung zusammengetragen. Daraus entstanden ein Briefprojekt, eine performative Konferenz und eine Website. Für das Briefprojekt konnten sich „Zuschauer“ in Cali und Bogotá über eine Website registrieren und erhielten dann im Laufe einer Woche mehrere handgeschriebene Briefe, – Chroniken aus alltäglichen Beobachtungen, politischen Kommentaren und gesellschaftlichen Themen aus den Herkunftsländern der Künstler. Sie experimentierten also quasi auf dem Boden der Geschichte mit einem künstlerischen Schreibprozess, der ein affektives Netzwerk über Grenzen hinweg zu generieren vermochte. Die Gruppe wird das Projekt im Juli / August bei PANORAMA SUR fortsetzen und ihre Aktionen auch an anderen Orten als „work-in-progress“ weiterentwickeln

Was sind die Gründungsimpulse für solche Teilnetzwerke?

Zum einen besteht unter den Theatermachern ein großes Bedürfnis nach mehr Konnektivität auf dem Kontinent. Zum anderen gibt es auf einer individuellen Ebene oftmals den Wunsch und die Hoffnung, den eigenen Horizont zu erweitern, indem man die Perspektiven der anderen in seine Arbeit miteinbaut. Ich denke, das hat auch mit dem Kontext zu tun, dass in vielen dieser Länder, ähnlich wie bei uns übrigens, die Gesellschaft extrem auseinanderdriftet – es gibt unzählige parallele Perspektiven und Realitäten und so ein Netzwerk bedeutet auch eine Möglichkeit, diese unterschiedlichen Perspektiven wieder aufeinander beziehen zu können.

In den einzelnen Ländern und Szenen bestehen jeweils eigene Dringlichkeiten. Bergen dieses Vernetzen und der Input von außen in Form der internationalen Gastspiele, die eingeladen werden, im Gegensatz dazu nicht die Gefahr, alles ein Stück weit gleichzuschalten? Wie lässt sich da noch spezifisch arbeiten?

Wir arbeiten in den Akademien gerade daran, dass dieser Reichtum an kulturellen Ausdrucksformen auf dem Kontinent als Ressource wahrgenommen wird und die Verschiedenheit der Ansätze nicht von Marktgängigkeit oder Folklorisierung abgedrängt wird. Denn die Arbeit aus dem lokalen Kontext heraus hat eine eigene politische und gesellschaftliche Kraft. Gleichzeitig ist für uns alle die Frage, wie wir die Veränderungen des gesellschaftlichen Horizonts durch den Einfluss von Globalisierung und Digitalisierung jeweils zu fassen bekommen. Da ist es für die Künstler wichtig, den Blick nochmal in ganz andere Teile der Welt zu lenken und zu sehen, wie dort Fragen, die aus dem eigenen gesellschaftlichen Umfeld von Belang sind, verhandelt werden.

Es ging jetzt vor allem um Künstlernetzwerke. Wie steht es um die Partnernetzwerke?

Die Akademien sind alle Partnermodelle. Beim Aufbau ging es zunächst darum, deutlich zu machen, dass es diesen Bedarf nach Austausch und Debatte bei den lateinamerikanischen Theatermachern gibt und dass dafür regionale Strukturen erforderlich sind, die über das hinausgehen, was die einzelnen lokalen oder nationalen Institutionen zu leisten vermögen. Als internationale Organisation haben wir uns mit lokalen Kräften zusammengetan und konnten in einem ersten gemeinsamen Testlauf zeigen, welches Potential ein solches Projekt hat. Dann wurden Trägerorganisationen aufgebaut und Partnernetzwerke geknüpft, an denen sich inzwischen lokale Kulturinstitutionen, private Stiftungen, europäische Kulturinstitute und Universitäten beteiligen. Das Goethe-Institut mit seinem regionalen Netzwerk an Instituten übernimmt einen immer stärkeren Part mit Stipendien für Künstler aus Lateinamerika. Und schließlich ist in Chile und Kolumbien seit einigen Jahren auch die öffentliche Hand im Boot. Das Netzwerk ist immer in Bewegung. Für die Trägerorganisationen ist das jedes Jahr eine Herausforderung und verlangt extrem hohes persönliches Engagement und unermüdlichen Arbeitseinsatz. Andererseits bietet das modulare Prinzip der Akademien immer wieder Anknüpfungspunkte für neue Partner, sich künftig in dieses Netzwerk einzubringen.

Wenn man mal einen Blick in die Zukunft wirft und auch nochmal über die Wirkung der Akademien sprechen will: Wie kann das weitergehen, was passiert idealerweise?

Idealerweise funktioniert das wie ein Schneeballprinzip und aus den Begegnungen und Erfahrungen der Künstler entstehen immer wieder neue länderübergreifende Diskurse und Projekte zu Themen, für die es keine einfachen Lösungen gibt. Die Notwendigkeit von experimentellem Theater erhält so ein kulturpolitisches Gewicht, das hoffentlich auch lokale und nationale Behörden erkennen. Denn unabhängige Projekte, die viel Innovation in die Szenen bringen, benötigen einen Boden und kontinuierlichen Raum. Nur mit Mut zum Experiment kann Theater stärker auf benachbarte Künste und gesellschaftliche Herausforderungen reagieren, es wird vielschichtiger und durchlässiger. Vor allem kann es sich mit seinem Eigenwert neu als gesellschaftliche Kraft verankern. Denn Kunst verändert durch Erleben.

Juni 2017

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