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»Naturwissenschaftliche Experimente machen Spaß und vermitteln direkte Erfolgserlebnisse.«

Cristina Navarrete, Grundschullehrerin
Grundschule Rayen Lafquen​ in Chile

Junger Forschergeist– Experimento in Chile

Domingo ist 14 Jahre alt, Klassenbester und Zweitjüngster von zwölf Geschwistern. Seine Eltern besitzen nur einen schmalen Acker rund ums Holzhäuschen am Fluss, das Geld reicht zum Überleben, aber kaum für die Ausbildung so vieler Kinder. Dennoch weiß Domingo, was er werden will: Elektro-Mechaniker. „Seit wir das Experiment mit dem Stromkreis machten und die Glühbirne aufleuchtete.“

„Wisst Ihr eigentlich, wie sich Luft anhört?“

An diesem Vormittag hat Lehrerin Cristina Navarrete den Unterricht in der Grundschule Rayen Lafquen mit einer komischen Frage eröffnet: „Wisst ihr eigentlich, wie sich Luft anhört?“ In zwanzig Kindergesichtern spiegelt sich Neugier und gleich darauf Begeisterung, nachdem jedes Kind einen Luftballon aufgeblasen hat und die Luft durch das Mundstück quietschen lässt. Ein herrlicher Höllenlärm hallt durch den Klassenraum, in dem gerade demonstriert wird, wie Laute durch Luftdruck entstehen.

Das Spielchen ist eines von vielen, das der Experimento-Kiste entstammt: Sie enthält simple Materialien wie Filterpapier, Strohhalme, Glühbirnchen, Glasbecher und eben auch bunte Luftballons. Umso überraschender und lehrreicher, was sich mit diesen Dingen alles anfangen und lernen lässt. Zum Beispiel, wenn man alle möglichen Sorten Schmutz ins Wasser panschen darf, um anschließend unter der Lupe die Rückstände zu untersuchen, die man mit einem Kaffeefilter aufgefangen hat.

In der Grundschule Rayen Lafquen im Gebiet der Mapuche wird im Unterricht viel experimentiert. Alltägliche Gegenstände liefern oft die besten Ideen für einen Versuchsaufbau.
© Siemens Stiftung, Fotograf: Uli Reinhardt / Zeitenspiegel

Die Experimento-Kiste gehört bereits zum Inventar

Die Schule, in der man lärmen und panschen darf, besteht aus einem Holzhaus, in dem vier Lehrer rund fünfzig Schüler vom Stamm der Mapuche-Indianer im Süden des Landes nahe dem Ort Villarica unterrichten. Wie die Bulleröfen, mit denen die vier Klassenzimmer geheizt werden, gehört die Experimento-Kiste seit Sommer 2013 zum Inventar des Hauses, eingeführt von der Lehrerin Cristina Navarrete. Im vergangenen Jahr hat sie vier Seminare zu diesem Thema absolviert, zu denen die Siemens Stiftung und die katholische Universität PUC eingeladen hatten. „Dabei erlebte ich, was ich jede Woche an den Kindern wahrnehme: Naturwissenschaftliche Experimente machen Spaß und vermittelt direkte Erfolgserlebnisse. Inzwischen denken wir uns auch mal selbst was aus, zum Beispiel ein Telefon, das nur aus zwei, durch eine Schnur verbundene Plastikbecher besteht.“

2011 ging Ulrike Wahl, damals noch operativer Vorstand der Siemens Stiftung, heute für die Stiftung in Lateinamerika tätig, in Chile auf die Suche nach geeigneten Partnern und Orten für Experimento. Ausgewählt wurden drei Regionen: Zum einen die Metropole Santiago, wo unter anderem die Schulen der Sociedad de Instrucción Primaria in Bezirken mit hoher Kriminalitäts- und Arbeitslosenrate angesiedelt sind. Zum anderen die Region Antofagasta in der Wüste Atacama im Norden, wo die Menschen in den Kupferminen Reichtum für Chile erwirtschaften, der Bereich Bildung aber dringend aufgeholt werden muss. Und schließlich Araucanía im Süden, die Heimat der Mapuche-Indianer, die weit verstreut in der hügeligen, dichtbewaldeten Region leben. Die wichtigen Themen hier heißen Integration und interkultureller Dialog. Um jedem Kind Bildung zu garantieren, gibt es zahllose Zwergschulen mit nur einem Lehrer und zehn oder zwanzig Kindern unterschiedlichen Alters.

Rund 400 Lehrer bereits ausgebildet

In der ersten Phase sind inzwischen siebzig von rund tausend Schulen in Araucanía ins Projekt der Siemens Stiftung eingebunden. Gemeinsam haben Siemens Stiftung und PUC vierhundert Lehrer ausgebildet, die mit neuen didaktischen Ansätzen und als Multiplikatoren mit den Experimentokisten an ihre Schulen zurückkehren.

Vergangene Woche ging es in Cristina Navarretes Klasse um die Frage, welches Material geeignet wäre, um Strom zu leiten. Eifrig versuchten die Kinder, den Strom aus einer Batterie über Gummibänder, Streichhölzer und Plastikstreifen zum Glühlämpchen aus der Experimentokiste zu leiten.  Zunächst vergeblich. Nur Domingo erkannte sofort, dass allein Metall den Strom zwischen den kleinen Klemmen leiten kann. Seinen Klassenkameraden hat er es natürlich sofort erklärt. Und so war der Jubel schließlich groß, als sich eine Schraube, ein Bodenblech, ja sogar der Bullerofen als geeignetes Medium erwies und das Lämpchen glimmen ließ.

Mai 2014

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