Johanna Billing, Gabriela Golder, Richard Grayson, Sven Johne, Paul Pfeiffer, Markus Schinwald, Artur Žmijewski
Casa de la Cultura, Ministerio de la Cultura de la Ciudad Autónoma de Buenos Aires, Fundación Siemens Argentina und Siemens Stiftung/Kunst & Kultur
Thomas D. Trummer (Siemens Stiftung)
Chöre sind sicher ein ungewöhnliches Thema für die bildende Kunst. Sind es nicht Sängerinnen und Sänger, Komponisten, Musikfachkräfte und laienhafte Kenner, die über die Geschichte des Chorgesangs, seine musikalischen Formen, Zusammensetzungen und Qualität besser Auskunft geben können als Werke der bildenden Kunst? Sind es nicht die Chorveranstalter und Chöre selbst, die die Lebendigkeit dieser Kunstform, ihre Vielgestaltigkeit und polyphonen Klangregeln am besten vermitteln? Sicherlich, doch bleiben in der Beobachtung ausschließlich musikalischer Phänomene der Aspekt des Bühnenhaften akustischer Darbietungen und ihre Bedeutung als ästhetische Zeigeform unbeachtet. Aufführungen legen nur bedingt die Beweggründe ihrer musikalischen Praxis offen. Fragen danach, wie sich Sänger formieren und sich singende Gesellschaften finden, erfahren kaum Beachtung.
Die Ausstellung "Coral Visual" stellt Fragen abseits des rein Musikalischen. Ist der Chor nur eine Form musikalischer Aufführungspraxis oder nicht auch Ausdruck eines kollektiven Willens? Wann und warum singen wir? Aus der Perspektive sozialer Betrachtung wird deutlich, dass uns gemeinsames Singen immer öfter fragwürdig erscheint. Die Gelegenheiten, in der dies wie selbstverständlich möglich war - wie während der Kindheit -, sind selten. Andere, etwa religiöse, politische oder sportliche Versammlungen, bei denen in Massen und Mengen gesungen wird, erscheinen zunehmend prekär und gewaltsam. Nicht zufällig bedienen sich totalitäre Systeme gern des Singens als Mittel ritualisierter und verbindlicher Zusammengehörigkeit. Umso erstaunlicher ist es, dass sich eine Reihe bedeutender gegenwärtiger Künstler heute dieses Themas annimmt. Ihrer Spur und Motivation, das gemeinsame Singen zu zeigen, folgt die Ausstellung "Coral Visual". Indem bildende Künstler den Chor ins Zentrum ihrer Werke setzten, wird das gewöhnliche Verhältnis von Bild und Ton gleichsam umgekehrt.
Die Gegenwart der Musik gilt als selbstverständlich in Filmen, Clips und anderen zeitbasierten Medien. In der Filmindustrie untermalen Soundtracks großformatige und illusionär begeisternde Bildwelten. Doch die Musik ist dabei stets sekundär. Klänge und Hörwelt sind lediglich Geschmacksverstärker des Visuellen. Friedrich Nietzsche war der Erste, der die Musik sowohl in ihrer emotionalen Kraft als auch hinsichtlich ihrer historischen Grundlage beachtete. Laut Nietzsche war der Chor der griechischen Tragödie nicht nur musikalische Rahmung und dekorative Zutat: Im Chor manifestierte sich der Leitfaden der Erzählung, ein Kernbild der Existenz.
Welche Bedeutung hat nun die bildliche Verarbeitung des musikalischen Kollektivs in den Videos der bildenden Kunst? Ist es das gemeinschaftsbildende Pathos, das in den Arbeiten dargestellt wird, oder sind es andere Motivationen, die die Künstler verfolgen? Wenn Musik ein Zwischengeschehen ist, an dem immer mehrere Instanzen beteiligt sind, dann ist der Chor zweifelsfrei die anschaulichste Form dieser Verzahnung. Was in der Hörwelt Grundlage ist – dass, sobald etwas erklingt, Aufmerken und Wirken unzertrennlich verklammert werden –, wird im gemeinsamen Singen manifest. Chöre setzen Zusammenkunft, Gleichförmigkeit und Einigkeit voraus. Wenn wir zusammen musizieren, dann spielt sich zwischen uns etwas ab. Wenn wir dieses Spiel im Bild sehen, dann rücken wir von dieser Gemeinsamkeit ab, werden selbstständig und zu einer ähnlichen Instanz wie der antike kommentierende Chor. Wir gelangen in eine reflexive Stellung, in der das Singen miterlebt und zugleich beobachtet werden kann, von innen erfahren und von außen beurteilt zu werden vermag. Der sichtbare Chor (Coral Visual) wird dann zu einem Indiz des Sozialen, an dem sich die Vielfältigkeit des Geschehens, das Akustische und das Visuelle, die Szene und das Obszöne, das Hörbare und das Unerhörte im Ineinanderspiel abzeichnen.