Nach zwei erfolgreichen Ausgaben hat sich Panorama Sur als internationale Arbeitsplattform für darstellende Kunst in Buenos Aires etabliert. Das vierwöchige Intensivprogramm für junge Theatermacher und Autoren dreht sich um innovative künstlerische Praktiken sowie ihre gesellschaftliche Verankerung und leistet einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der Kulturszenen in Lateinamerika. Im dritten Jahr wird der Radius dank einer Exzellenzinitiative des Goethe-Instituts um ein Stipendienprogramm für Autoren aus acht lateinamerikanischen Ländern erweitert.
Im direkten persönlichen Austausch mit der Kulturszene vor Ort können die Teilnehmer des Autorenseminars von Alejandro Tantanian und Cynthia Edul über vier Wochen hinweg an geplanten Projekten arbeiten, neue Ideen entwickeln und nachhaltige Arbeitskontakte aufbauen. Das Stipendienprogramm ermöglicht den Teilnehmern, ihre erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen anschließend als Multiplikatoren in die Kulturszenen ihrer Heimatländer einzubringen.
Panorama Sur wurde 2010 von der Siemens Stiftung und THE – Asociación para el Teatro Latinoamericano initiiert und wird 2012 in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und einem starken Netz lokaler und regionaler Partner realisiert: Das Programm umfasst neben der Autorenwerkstatt eine Reihe von internationalen Workshops, Aufführungen aus den USA, Europa und Brasilien sowie eine argentinischen Uraufführung. Die begleitende Vortragsreihe nimmt die Wirklichkeit jenseits der Repräsentation in den Blick.
„H3“ von Bruno Beltrão
Das öffentliche Vorstellungsprogramm beginnt im Teatro San Martín mit dem Stück „H3“ des Brasilianers Bruno Beltrão und seiner Grupo da Rua, die mehr ist als eine Tanzkompanie: Beltrão, der vom Streetdance kommt und zeitgenössischen Tanz und Philosophie studiert hat, versteht sie gleichermaßen als Werkzeug sozialer Emanzipation. Bewegungsmaterial aus Breakdance, Hiphop und Capoeira transformiert er zu einem faszinierenden physischen Ereignis, das leichtfüßig Fragen an unsere Wahrnehmung stellt.
Die Suche nach neuen Formen von Kollaborationen zeichnet die Arbeit von Meg Stuart und ihrer Gruppe Damaged Goods aus. Als eine der international profiliertesten Choreographinnen bewegt sie sich zwischen den Grenzen der Gattungen. Mit „sand table“ bringt sie eine Live-Installation nach Buenos Aires, die sie zusammen mit der bildenden Künstlerin Magali Desbazeille entwickelt hat. Diese stellt einiges auf den Kopf: Von oben nach unten blickt eine kleine Gruppe von Zuschauern auf die Projektion zweier Körper auf einen mit Sand bedeckten Tisch, die von Darstellern in immer neuen Konstellationen verformt werden – ein intensiver Theatermoment, der kaum jemanden unberührt lässt.
Ein besonderes, intimes Raumerlebnis bieten auch der New Yorker Dramatiker Richard Maxwell und seine Gruppe New York City Player mit der Aufführung von „Showcase“ in einem Hotel. Die Besucher begleiten einen Handlungsreisenden, der sich auf eine Konferenz vorbereitet, aufs Zimmer, wo er überraschend Zeit findet, über sein Leben und seine Träume nachzudenken. Maxwell gilt mit seinem minimalistischen Theater als Visionär und Erneuerer des New Yorker Off-Broadways.
Las Multitudes (Foto: Sebastián Arpesella)
Mit gleich 120 Darstellern aus allen Generationen konfrontiert der argentinische Autor, Filmemacher und Regisseur Federico León das Publikum bei der Uraufführung seines Stücks „Las Multitudes“. Das Stück baut auf die Wucht der heterogenen, anonymen Menschenmasse, die dem Publikum wie in einem Spiegel gegenübersteht: zwei Menschenmengen, die im Laufe des Stücks eine gemeinsame Basis finden.
Internationale Workshops von Christopher Roman, Varinia Canto Vila, Richard Maxwell und Jim Fletcher stellen innovative Arbeitsansätze bedeutender Theatermacher und Choregraphen vor, die junge Künstler als Impulse für ihre eigene Arbeit und künstlerische Forschung nutzen können und ein produktives Miteinander von Theater, Tanz und Raumkunst erlauben.
Zwei der Künstler werden im Anschluss nach Chile reisen. Dort bauen die Siemens Stiftung und das Goethe-Institut mit dem chilenischen Kultusministerium eine weitere Werkstatt nach dem Modell der „Sommerakademien“ in Lateinamerika auf, die ebenfalls jährlich stattfinden soll. 2013 wird schließlich eine weitere Akademie in Kolumbien folgen. Mit diesen Aktivitäten möchte die Siemens Stiftung die Entstehung eines lebendigen Netzwerks der verschiedenen Theaterszenen Lateinamerikas unterstützen, das die traditionell einspurige Fixierung auf Europa aufbricht und den Blick auf den eigenen hochkreativen Kontinent lenkt.
Bruno Beltrão / Grupo de Rua (BR), Beatriz Catani (AR), Cynthia Edul (AR), Jim Fletcher (US), Federico León (AR), Manuela Infante (CL), Richard Maxwell / New York City Players (US), Christopher Roman (DE), Meg Stuart & Magali Desbazeille (US/BE/FR), Alejandro Tantanian (AR), Varinia Canto Vila (BE/CL)
Cynthia Edul, Joachim Gerstmeier, Stefan Hüsgen, Alejandro Tantanian
THE – Asociación para el Teatro Latinoamericano, Siemens Stiftung und Goethe-Institut
Malba (Museo de Arte Latinoamericano de Buenos Aires) – Fundación Costantini, IUNA – Departamento de Artes del Movimiento, Complejo Teatral de Buenos Aires, INAE/Dirección Nacional de Cultura Uruguay, MEC, Espacio Callejón, TEMPO Festival, Funceb, Centro Cultural de España en Buenos Aires (CCEBA) und Siemens Fundación Argentina, unterstützt von der Cámara de Industria y Comercio Argentino-Alemana und Hotel 725 Continental